Reisewelten: Malawi (2)

Montag, 11. August 2008

Senga Bay am Malawisee

Die Frau im Reisebüro schaut mich fragend an: Ein Flug von Blantyre im Süden nach Mzuzu im Norden? Die Verbindung ist doch längst gestrichen worden nach DEM Flugzeugabsturz. Das sagt sie mit einem Unterton, der mich erkennen lässt, dass dieses Unglück wohl vor nicht allzu langer Zeit Malawi beschäftigt haben muss. Da ich bis vor wenigen Wochen aber nicht mal Malawi kannte, habe ich natürlich auch nicht mitbekommen, dass Air Malawi eines seiner wenigen Flugzeuge bei einem Absturz verloren hat. Das heißt: Inlandsflüge gibt es nicht mehr. Damit habe ich auch keine Möglichkeit, zeitsparend in den Norden zu fliegen. Den Plan, Cape McClear und Zomba zu besuchen, muss ich über den Haufen werfen.

Das genähte Fenster des Minibusses gibt einen Vorgeschmack auf die Qualität der Fahrt nach Senga Bay.

Das genähte Fenster des Minibusses gibt einen Vorgeschmack auf die Qualität der Fahrt nach Senga Bay.

Ich verabschiede mich in der Mufasa Lodge und schleppe mein Gepäck zum Shoprite-Supermarkt. Von hier aus fahren Minibusse in alle Teile des Landes. Mein Ziel ist Senga Bay am Malawisee. Hätte ich ein eigenes Auto, würde die Fahrt dorthin weniger als eine Stunde dauern. Doch ich setze auf die günstigen Minibusse. Zweimal Umsteigen inklusive.

Zwei Weisheiten in einem Bild:  „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“ und „God is the Answer“.

Zwei Weisheiten in einem Bild: „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“ und „God is the Answer“.

Die erste Etappe kostet 100 Kwacha und führt mich in einen Vortort von Lilongwe, vorbei an großen Hallen für Tabakauktionen und dem mit deutscher Entwicklungshilfe gebauten gigantischen zentralen Getreidesilo Malawis. Im nächsten Minibus verschwindet mein Koffer im Heck des klapprigen Gefährts. Die Hintertür ist nur durch ein Seil gesichert, sodass ich mir ernsthaft Sorgen um mein Gepäck mache. Zum Glück schleppt ein anderer Fahrgast eine große Gasflasche an. Zum Rest des Beitrags »

Alexander Kluge zum 80.

Die Erfahrung bildet Narbengewebe

“Geschichte und Eigensinn.” Als 1981 das berühmte Buch von Oskar Negt und Alexander Kluge erschien, war das eine irritierende Erfahrung. Nicht nur wegen der Mischung aus Fragment und Assoziation, mit der die beiden das Buch konstruiert hatten. Oder weil sie ihre voluminöse Geschichtsphilosophie so schön schlicht und untertreibend “Gebrauchsbuch” nannten. In dem sich seltsam provisorisch klingende Weisheiten fanden wie: “Alles wirklich Brauchbare besteht in Aushilfen.”

Auch die subjektive Attitüde des Titels klang mehr nach juveniler Renitenz denn nach objektiver Kategorie. Doch Vokabeln wie “Wunschökonomie”, “Mikrophysiken der Gegenmacht”, “Beziehungsarbeit”, vor allem aber das Zauberwort “Produktivkraft Phantasie” eröffneten den Freunden systematischer Gesellschaftsverbesserung ungeahnte neue, weil kulturelle Perspektiven: die nämlich, das heikle Unding “eigene Subjektivität” in das Nachdenken über Geschichte einzubeziehen, ohne bloß sentimental zu werden. Zum Rest des Beitrags »

Manfred Krug 75


DAS WAR NUR EIN MOMENT

Manfred Krug ist  75 Jahre alt – daran sehen wir, wie lange das alles schon her ist mit unserer Jugend. Ein Schauspieler und vor allem ein Sänger, der auch ein Stück Lebensgefühl der DDR repräsentiert.

Zwei ältere, aber leicht besoffene Herren. “Was hast du gesagt?”, sagt der eine Kommissar zu dem anderen Kommissar. “Wer ist der Mörder?” Aber der hat das gar nicht gesagt, weil er das gar nicht weiß und weil ihn dieser Scheiß eigentlich gar nicht interessiert, jetzt. Den anderen Kommissar interessiert das auch nicht, jetzt, das stimmt ihn trübe. So greift er ins Klavier und probiert ein paar Töne. Schon singt er. “Somewhere over the rainbow”, und so klingt es auch. Und der andere Kommissar mustert den alten Kumpel mit leisem Erstaunen. Was der singen kann. Das war nur ein Moment im Leben des Tatort-Kommissars Stoever. Aber einer, der andere erinnert. Und es war eine der schönsten, besten Folgen dieses Tatorts. Und auch das ist schon wieder Jahre her.

Die gerührte Melancholie, die Krug im Osten umweht, benötigt ein gewisses Alter und die Erinnerung an das Lebensgefühl eines gewissen Landes. Den einen ist Krug einfach ein erfolgreicher Schauspieler, ständig “Auf Achse”, am “Tatort”, “Liebling Kreuzberg” halt. Den anderen aber ist er vor allem der Mann, der mit Günther Fischer diese unglaublichen Platten machte. Das war nur ein Moment, nur ein Traum vom Glück, textete Krug, der mit Jazz und Lyrik das Land überzog. Er stand für die Botschaft, dieses Land könne etwas sein, das Spaß macht und Zukunft hat. Das war nur ein Moment. Nur ein Traum vom Glück.

Sein Traum war das Stahlwerk nicht, aber es stand ihm wie die Narbe von dort. Sein Traum war auch die Schauspielschule nicht, drei Semester abgelacht. Tingeleien, bisschen Jazz, Halbstarke für Film und Fernsehen. Dann, 1960, “Fünf Patronenhülsen”, 1961 “Auf der Sonnenseite”, das war es dann. Ein junger Bursche, bisschen ruppig, aber netter Kerl, bisschen Aufmupf, aber Herz auf rechtem, also: linkem, Fleck, so sollte es bleiben, mit dem Land und mit dem Manne. Das war nur ein Moment. Ein trügerischer. Zum Rest des Beitrags »

Reisewelten: Malawi (1)

Donnerstag, 7. August 2008

Harare und Lilongwe

Bevor ich am Flughafen von Harare (Simbabwe) in die Propellermaschine nach Lilongwe (Malawi) einsteigen darf, muss ich meinen gestern in Maputo (Mosambik) aufgegebenen Koffer identifizieren. Theoretisch. Doch in der Praxis ist mein Koffer kein Bestandteil der auf dem Rollfeld ausgebreiteten Gepäckstücke. Schön blöd! Das Bodenpersonal schwirrt aus, sucht im Terminal, auf anderen Gepäckwagen und vor anderen Flugzeugen. Es hilft nichts. Von allen Seiten ernte ich abwinkende Gesten. Mein Koffer ist entweder noch in Johannesburg, wo ich in der Nacht umsteigen musste, oder er ist geklaut worden und somit ganz verschwunden. Wohl oder übel muss ich kofferlos in das Flugzeug steigen. Auf dem einstündigen Flug nutze ich eine Kotztüte, um den Inhalt meines Koffers aus der Erinnerung niederzuschreiben – für den Fall, dass meine Klamotten und Souvenirs sehr bald zum Versicherungsfall werden.

Der moderne Flughafen der Hauptstadt Harare lässt kaum erahnen, wie bettelarm das Land Simbabwe ist.

Der moderne Flughafen der Hauptstadt Harare lässt kaum erahnen, wie bettelarm das Land Simbabwe ist.

Gegen 12.30 Uhr landen wir am Kamuzu International Airport. Der liegt 30 Kilometer von Lilongwe entfernt und verdankt seine Existenz dem Bürgerkrieg im Nachbarland Mosambik. In den 1980er Jahren wurde ein sicherer Ausweichflughafen für das von Kämpfen betroffene mosambikanische Cuamba benötigt. Nach der Passkontrolle in Malawi leite ich die Wiederbeschaffung meines Koffers ein. Vor dem Beschwerdeschalter steht eine große Menschentraube. Ich bin also nicht der Einzige, der ohne Gepäck in Lilongwe angekommen ist.

Der kleine Düsenjet aus Johannesburg hat zwar seine Passagiere pünktlich ans Ziel gebracht, aber leider nicht den Koffer von Autor Michael Scholten.

Der kleine Düsenjet aus Johannesburg hat zwar seine Passagiere pünktlich ans Ziel gebracht, aber leider nicht den Koffer von Autor Michael Scholten.

Der Fall wird aufgenommen, ich bekomme einen Wisch in die Hand gedrückt und das Versprechen, dass mein Gepäck morgen im Hotel ist. Wir werden sehen. Um mir Zahnpasta, Zahnbürste und gern auch frische Unterwäsche leisten zu können, tausche ich meine letzten 400 Südafrikanischen Rand in 7490 Malawische Kwacha um. Zum Rest des Beitrags »

“Das Land stürzt in eine Depression” (Interview mit Helmut Wiesenthal)

Was Griechenland von Polen lernen kann

Die Mehrheit der Griechen macht das Ausland für die Probleme des Landes verantwortlich. Nötig wären heimische Reformbewegungen, meint der Politologe Helmut Wiesenthal.

taz: Herr Wiesenthal, um zu verstehen, warum Griechenland heute bankrott ist, blicken Sie nach Osteuropa, etwa nach Polen. Was bringt der Vergleich dieser doch sehr unterschiedlichen Länder?

Helmut Wiesenthal: Anders als Griechenland hat Polen den Übergang von einer etatistisch geprägten Wirtschaft zur Marktwirtschaft gemeistert. Ein Vergleich der beiden Transformationsfälle zeigt, welche Faktoren nötig sind, damit der Übergang von einem Gesellschaftssystem in ein anderes erfolgreich bewältigt werden kann.

Woran sind die Hellenen gescheitert?

Zunächst einmal haben sich die Demokratie- und Konsumwünsche der Griechen am internationalen Maßstab orientiert. Aber niemand hat sich ernsthaft darum gekümmert, ob die eigenen Institutionen diese Ansprüche auf Dauer gewährleisten können. Zweitens fehlen in Griechenland – anders als in Polen oder in der DDR – einheimische Reformbewegungen, die Schluss machen wollten mit dem alten System und erklären würden, was getan werden muss und wohin das Ganze führen soll. Stattdessen sind es äußere Kräfte, sprich die EU und der IWF, die Reformen verlangen. Zum Rest des Beitrags »

SUEDE

BLUE

Well, it’s one for the money, two for the show, 
Three to get ready, now go, cat, go. 


Okay, machen wir. Allerdings:

But don’t you step on my 
Blue suede shoes. 


Auf blaue Wildlederschuhe kann man entweder aus Versehen treten, beim Tanzen, zum Beispiel. Oder man macht es mit Absicht, und dann gibt’s wirklich Ärger.

You can do anything but lay off of my 
Blue suede shoes. 


Das Lied basiert auf einer Geschichte von Johnny Cash. Während seiner Stationierung in Landsberg am Lech hatte Cash einen Vorgesetzten namens O.V. White. Dieser legte sehr viel Wert auf sein Äußeres und fragte immer wieder nach, ob er auch gut aussehe. Wenn er weiterging, sagte er zum Abschied immer „Just don’t step on my blue suede shoes“. (Tritt mir bloß nicht auf meine blauen Velourslederschuhe). Jahre später erzählte Cash diese Geschichte Carl Perkins.[1] Einige Tage später fiel Perkins ein junger Mann auf, der versuchte, seine Freundin beim Tanzen auf Distanz zu halten, damit diese nicht auf seine neuen Schuhe trat. Carl Perkins schrieb das Lied über beide Begebenheiten.

Well, you can knock me down, step in my face, 
slander my name all over the place. 
Do anything that you want to do, 
but uh-uh, honey, lay off of my shoes 
Don’t you step on my 
Blue suede shoes. 
You can do anything but lay off of my 
Blue suede shoes. 
Burn my house, steal my car, 
Drink my liquor from my old fruitjar, 
Do anything that you want to do, 
but uh-uh, honey, lay off of my shoes 
Don’t you step on my 
Blue suede shoes. 
You can do anything 
but lay off of my 
Blue suede shoes.

SUEDE

Suedeheads sind die Abspaltung der Skinheads, die seit Mitte der siebziger Jahre ganz im Gegensatz zu ihren Wurzeln und ihrer Musik, der Ska-Musik der karibischen Einwanderer, von den Neofaschisten unterwandert und schließlich mehr oder weniger als gewaltbereiter, prolliger Teil des Nazi-Movements gelten. Zum Rest des Beitrags »

Nachruf Mike Kelley

Sigmund Freud und Superman

Der US-amerikanische Künstler Mike Kelley ist tot. In seinem vielseitigen, verstörenden Werk geht es um den Punkt, an dem das Populäre ins Unheimliche umschlägt.

Wer vor ein paar Jahren Jahren die Ausstellungsräume der Berliner Galerie Jablonka betrat, staunte nicht schlecht. „Kandors“ hieß die Installation aus Skulpturen, Leuchtkästen und Videos, die da aufgebaut war.

Wer genau hinsah, konnte erkennen, dass die bunt schimmernden Glasflaschen auf den Podesten Nachbildungen der Stadt Kandor enthielten, jener sagenumwobenen extraterrestrischen Heimat des amerikanischsten aller Superhelden: Superman. Und wie um zu demonstrieren, dass es sich nicht nur um Multimediaspektakel handelt, hatte der Künstler an den Eingang der Galerie eine Liege stellen lassen: Sigmund Freud ließ grüßen.

Amerikanische Massenkultur und die Beziehung zum Unbewussten – mit diesen Stichworten hat man schon zwei wichtige Schlüssel zum Werk des 1954 in Detroit geborenen Mike Kelley. Warum sonst hätte er in einer seiner Schauen einmal ein lebensgroßes Mannequin der Fastfoodkette Kentucky Fried Chicken neben einer etwas kleineren Figur – der von Sigmund Freud – aufstellen sollen? Zum Rest des Beitrags »

Red-Bull-Kapitalismus

Red Bull ist mehr als ein Getränk, ein Energiespender, ein Lebensgefühl. Ja, es ist mehr als nur ein Produkt. Es verkörpert die aktuellste Form des Kapitalismus

Getränke eignen sich als Prophezeiungen des jeweils neuesten Stadiums des Kapitalismus besonders gut. In ihnen sind die Aspekte von Lebens- und Genussmittel, Differenz und Mainstreaming, Image und Illusion besonders ausgeprägt – und das umso mehr, als sich die Welt gerade das Rauchen abgewöhnt. Die meisten von ihnen kokettieren damit, mehr als ein Getränk zu sein, Lifestyle und Lebensfreude auszudrücken oder auch einen besonderen Status zu haben: die legale Droge. Wenn im Folgenden also vom verflüssigten Kapitalismus im weiteren Sinne und den Red-Bull-Kapitalismus im engeren Sinne die Rede ist, dann um zu beschreiben, wie die Macht vom Produzenten auf den Distribuenten übergegangen ist. Zum Rest des Beitrags »

Stan Back – aus seinem Nachlass (III)

Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.

 

In der Hölle sonnen (Stan Back, Club der Höllen-Dichter, 2006)

(Episode aus: Schriften aus der Hölle)

Die Personen:

- Heiner Müller (der linke Theatermann des Fragments, der Montage und der Überschreibung von Klassikern)

- Christoph Maria Schlingensief (der christlich-messianische Bürgerschreck)

- Stanley Back (der ideale, weil tote Künstler)

- gelegentliche Einspielungen von Radiohack und Diktiergerät

Abstract:

Ein aktueller Witz über den Eintritt eines Gestorbenen in die Hölle dient als Einstiegsanekdote. Stanley Back und Heiner Müller erfahren über Radio Hellsound, dass Christoph Schlingensief gestorben ist; sofort setzen sie sich dafür ein, dass er in den atheistischen Teil der Hölle kommt.

Die Drei sitzen nun an einer Theke in der Hölle und sprechen über die falsche Kunst für das falsche Publikum in einer falschen Welt.

1. Ankunft – der Witz

Ziemlich guter Empfang hier unten. Gerade meldet Radio Hellsound den Tod des Film- und Theaterregisseurs Christoph Schlingensief. Elfriede Jelinek wird zitiert: »Er war der größte Künstler aller Zeiten.«

Den werden sie auf glühenden Kohlen schmoren, meint Heiner Müller mit einem tiefen Zug an seiner Zigarre, und bläst eine riesige Wolke aus, in die sich die Worte schmunzelnd einnisten.

Aber wir können was unternehmen, wirft Stanley Back schon zum Höllentor losgehend ein.

Gerade rechtzeitig am Höllenportal: Der Wächter liest Schlingensief seine Vergehen vor, und es gibt keine Hoffnung, dem christlichen Gericht zu entkommen: denn fortgesetzte Gotteslästerung – und das auch noch auf der Theaterbühne und mit Multimedia in alle Welt reproduziert – hat zweifellos ewige Höllenqualen zur Folge. Richtig, der arme Theatermann völlig geknickt, mit angeklatschten Haaren und von tiefen Kummerfalten entstellt, soll auf glühenden Kohlen schmoren.

Mit erstickter Stimme versucht Schlingensief sich gerade zu verteidigen, dass er schließlich mit den elend langen Leiden des Krebstodes schon genug bestraft sei. Noch bevor der Wächter ihn jedoch mit einem Tritt in das höllenheiße Portal befördern kann, intervenieren Müller und Back. Sie nehmen ihn zwischen sich mit in IHREN Teil der Hölle: Willkommen im Club der Höllen-Dichter.

Geblendet von gleißendem Licht, glaubt Schlingensief auf eine Bühne zu treten; doch er kann es nicht fassen: Ein weißer Strand liegt vor ihm, Menschen aus aller Herren Länder sonnen sich, spielen Beachvolleyball, tanzen johlend, schwimmen oder sitzen, Caipis schlürfend, in Strandbars und lesen sich gegenseitig vor. Überwältigt von diesem Kunstfreizeitidyll geht Schlingensief plötzlich völlig befreit von den Erdenqualen zum glasklaren Wasser, schwimmt einige Runden und schlendert den Strand auf und ab. Später trifft er – nun wieder mit hoch toupierten Haaren – auf Müller und Back in einer Strandbar.

CS: Das ist ja unbeschreiblich hier, wenn ich das früher gewusst hätte… wie eine grandiose Kombination von endloser Theateraufführung und Gelage. Ich war so erschrocken, als ich starb: nichts gab es mehr, nur Schwarz. Bis ihr mich geholt habt.

SB: Du bist hier in der Kultur-Hölle gelandet. Alles, was du siehst, ist reine Projektion. Nur Vorstellung. Jede/r erlebt etwas anders, und doch sind wir im gleichen Stadium des Nichts.

Man plaudert über die letzten Jahre, resümiert die politischen Ereignisse, bis Schlingensief sich irgendwann traut zu fragen:

CS: Habt ihr das gesehen? Was ist denn da hinter dieser großen Düne? Da werden Menschen auf Rosten gegrillt und mit glühenden Eisenstangen gequält. Kommen wir da später auch hin?

(HM) Ach das, meint Müller, sich mit einem notorischen Zug an der Zigarre umwendend, nö, das ist nur für die Christen, die wollen das so – bis in alle Ewigkeit werden sie gequält. Wenn wir dich nicht abgefangen hätten, wärst du auch da gelandet. Das hast du deinen kläglichen Inszenierungen »Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« und »Mea culpa« zu verdanken. Du musst nicht denken, dass die hier nicht deine Stücke kennen. Das war nichts als Gotteslästerung, weil du einen Gottesdienst für dich selbst gehalten hast.

CS: Dann habt ihr mich davor gerettet, in der Hölle zu schmoren?

HM: Ja, obwohl du dich selbst auf der Bühne als Jesus-Christus mit allem Brimborium inszeniert hast, haben wir dich rüber geholt.

CS: Ich habe es als Beleidigung empfunden, dass da plötzlich klammheimlich der Krebs versuchte, mich abzuschalten. Ich dachte immer, ich bin eigentlich eine liebenswürdige Person.

HM: Ja, aber in deine Ministrantenzeit zu regredieren, komm schon. Wenn das Ziel des Künstlers ist, von allen geliebt zu werden, dann hast du das ja geschafft. Aber was kam dann?

CS: Vielleicht war ich vom Humor des Größenwahns befallen? Ja, und ich wollte mein Scheitern vorführen. weiterlesen

Stan Back, © Stefan Römer, Fotograf: Franz Wanner

Die Texte von Stan Back werden auf diesem Blog veröffentlicht:    stan-back.tumblr.com

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Fiji (Reisewelten)

Samstag, 29. September 2007

Fiji

Wir landen auf dem internationalen Flughafen von Nadi. Obgleich „Nadi“ geschrieben, wird der Städtename „Nandi“ ausgesprochen. Am Ende der Gangway spielen bunt gekleidete Fijianer Ukulele und schmettern den Besuchern ein kräftiges „Bula“ entgegen. Bastian Pastewka hat vor Jahren mal in einem Interview erzählt, dass „Bula“ auf Fiji sowohl „Willkommen“ als auch „Hallo“ als auch „Bitte fahren Sie Ihren Wagen in Parkbucht Nummer 17“ heißen kann. Und damit hat er vollkommen Recht. Denn in den kommenden fünf Tagen höre und sage ich jede Stunde mindestens fünfzig Mal „Bula“.

Die rote Handelsflagge von Fiji zeigt den Union Jack, um die Zugehörigkeit zum Commonwealth zu unterstreichen, sowie das Wappen von Fiji mit einer Friedenstaube und den wichtigsten Anbauprodukten Bananen, Zuckerrohr und Kokospalmen. Die Nationalflagge sieht genauso aufgeteilt, hat aber einen blauen Untergrund, um das Meer zu symbolisieren.

Die rote Handelsflagge von Fiji zeigt den Union Jack, um die Zugehörigkeit zum Commonwealth zu unterstreichen, sowie das Wappen von Fiji mit einer Friedenstaube und den wichtigsten Anbauprodukten Bananen, Zuckerrohr und Kokospalmen. Die Nationalflagge sieht genauso aufgeteilt, hat aber einen blauen Untergrund, um das Meer zu symbolisieren.

Zum Glück muss ich mich im Urlaubsparadies der 330 tropischen Inseln um gar nichts kümmern, weil ich schon in Neuseeland das „Awsome Adventure“-Paket mit allen Transfers, Hotels, Mahlzeiten und Fährverbindungen gebucht habe. Kostenpunkt: 832 Neuseeland Dollar für fünf Tage und vier Nächte. Das sind rund 430 Euro. Mein Shuttlebus bringt mich zum Aquarius Fiji Hotel.

Ankunft mit Air New Zealand auf dem Flughafen von Nadi.

Ankunft mit Air New Zealand auf dem Flughafen von Nadi.

Von hier soll jede Stunde ein Bus Richtung Stadtzentrum fahren. Schon auf dem Fahrplan steht ausdrücklich, dass er mal zehn Minuten früher, aber auch durchaus zehn Minuten später eintreffen kann. Man soll sich entsprechend auf diese „Fiji Time“ einstellen. Mit acht Minuten Verspätung tuckert das alte fensterlose Gefährt um die Kurve. Ich lasse mich in die verschlissenen Polster fallen. Nach 15 Minuten Fahrt durch grüne Wiesen, vorbei an Zuckerrohrfeldern und einem McDonald’s-Drive-In, der an der Einfahrt mit „Bula“ grüßt, erreiche ich die halbwegs moderne Innenstadt. Hier reihen sich nicht nur die Shops und Supermärkte aneinander, hier müssen Touristen auch erdulden, alle fünf Sekunden mit Verkaufsabsichten angequatscht zu werden. Dieser Spießroutenlauf nervt mich schnell.

Der indische Einfluss in Nadi ist unverkennbar und zeigt sich auch in kunterbunten hinduistischen Tempeln.

Der indische Einfluss in Nadi ist unverkennbar und zeigt sich auch in kunterbunten hinduistischen Tempeln.

Ich will mich am Ende der Hauptstraße in den kunterbunten Hindu-Tempel retten. Doch der begrüßt einen am Eingang mit dem handgeschriebenen Hinweis, dass man ihn nur mit Tourguide und zum Preis von 35 Dollar besuchen darf. Fotos vom Zaun aus seien außerdem verboten. Diese offenkundige Touristenabzocke veranlasst mich dazu, den Tempelbesuch zu streichen. Weil keiner guckt, mache ich schnell meine Fotos. Vom Zaun aus. Zum Rest des Beitrags »

Stan Back – aus seinem Nachlass (II)

Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.

 

Die neue Mitte (Stan Back, Paris ca. 2002)

Plot:

Dies ist eine Geschichte über die neue leere Mitte. Aus einem indischen Restaurant auf der Berliner Oranienburger Straße heraus beobachtet der Ich-Erzähler vorübergehende Menschen: E-Business-Leute, die von der Arbeit kommen, die Künstlerbohème, die bei der Arbeit ist, Huren, die zur Arbeit gehen, und Menschen, die hier schon immer leben. Dabei liest der Erzähler in einem Buch, das er zuvor auf dem Büchermarkt der Museumsinsel gekauft hat, und lauscht seinen Tischnachbarn. Dieses Zentrum schneller urbanistischer und ökonomischer Entwicklung bei den Hackeschen Höfen, wo er seit der so genannten Wiedervereinigung gewohnt hatte, dient ihm zur Lokalisierung einer Leere: Die neue leere Mitte.

(Die Lesung wird mit einem Videoloop, der einen kleinen Rundgang von der Rosenthalerstraße in die Oranienburgerstraße und zurück projiziert, und Dias von Berlin-Mitte hintermalt, die einzeln vom Leuchttisch genommen und eingelegt werden.)

Gerade war ich in einem indischen Restaurant angekommen. Ich setze mich an einen Tisch unmittelbar an den aufgeschobenen Türen der Straßenfront, neben dieses Pärchen, das irgendwie aussieht als wären beide separat vor einem Jahr aus Kreuzberg nach Mitte gezogen. Mein Platz erlaubt mir mit dem Restaurant im Rücken, die Oranienburgerstraße panoptisch zu betrachten. Alle vier Minuten rumpelt eine Straßenbahn in Richtung Friedrichstraße vorbei. Von rechts nach links. Menschen gehen in beide Richtungen. Hier warte ich bei einem Essen auf eine Freundin, die mich später abholen wird.

Ich bin übers Wochenende in Berlin, um meine Fotoausstellung in der Galerie Kapinos zu eröffnen. Meine Bilder zeigen meist einfache Dinge. Dinge, die man schon zu kennen glaubt, aber mit einem anderen Blick. Vor drei Jahren war ich von Köln nach Paris gezogen, um aus der Bedrängnis des neuen deutschen Zentralismus rauszukommen. Dieses paranoische System, dieses sich gegenseitige Taxieren, ob man nun nach Berlin geht oder sich dagegen entscheidet. Und überhaupt, alles was damit zusammenhängt. Was gab es da noch zu entscheiden? Ich habe meine Assistentenstelle an der Kunsthochschule gekündigt und mich in Paris mehr auf Fotografie konzentriert.

Das Restaurant heißt Tagore. Die Speisekarte zeigt das bärtige Porträt des indischen Künstlers Rabindranath Tagore in einem ovalen Mandala, das durch seine Verzierungen wie ein plattgedrückter Kronkorken aussieht. Rabindranath Tagore war ein früher Popmodernisierer des indischen Lebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er wurde erst spät zum Poeten, Maler und Bildhauer – das ganze Programm. Er gründete ein Künstlerdorf in der Nähe von Kalkutta, wo er die durch die Kolonisation unterdrückte indische Musik und den traditionellen Tanz wiederbelebte.

In diesem, wie ich finde, libertär gestimmten Restaurant, ziehe ich ein Taschenbuch aus der Jacke, das ich morgens für eine Mark auf dem Büchermarkt der Museumsinsel gekauft habe.

Nur dunkel erinnere ich mich noch an den Philosophieunterricht in der Schule. Machiavelli, der hatte etwas Abstoßendes in meiner Erinnerung hinterlassen. Deshalb hatte ich mich vermutlich für das Buch entschieden: »Bücher des Wissens. Macchiavelli [sic]. Auswahl und Einleitung: Carlo Schmid« – ein harter Gegensatz zum modernistischen Tagore.

Nachdem ich bei einer jungen deutschen Bedienung ein rund gewürztes Thali bestellt habe, sehe ich schemenhaft Passanten vorbeigehen und schlage das Kapitel »Was ist der Mensch?« auf:

»31] Die Menschen sind immer schlecht, wenn sie nicht durch den Zwang der Notwendigkeit gut gemacht werden.«

Ich muss lachen. Ja, eine solche Menschenverachtung fehlt mir gerade noch. Mein Blick schweift über die Straße.

Ein junger Schnösel geht auf das gegenüberliegende Schaufenster eines Optikers zu, scannt es mit interesselosem Blick und dreht sich soweit um, dass er mich sieht, geht langsam auf das Restaurant zu, um dann abzubiegen. Einige Sekunden blicken wir uns in die Augen. Wie kann er nur so direkt sein, meinen Blick so erwidern. Habe ich ihn angestarrt?  weiterlesen

Stan Back, © Stefan Römer, Fotograf: Franz Wanner

Die Texte von Stan Back werden auf diesem Blog veröffentlicht:    stan-back.tumblr.com

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Neuseeland (Reisewelten)

Samstag, 8. September 2007

Auckland und Rotorua

Wo, bitte, geht’s zum Highway Richtung Süden? Ich verlasse das Parkhaus in Auckland, ohne vorher auf die Straßenkarte zu schauen. Immerhin weiß ich noch aus der letzten Woche, wo der Highway Nummer 1 Richtung Norden beginnt. Und dort, denke ich, muss er ja ebenfalls in die Gegenrichtung führen. Das tut er auch, allerdings kann ich partout keine Auffahrt finden. Ich fahre erst einmal nach Norden. Das hat den Vorteil, dass ich erneut die Harbour Bridge überqueren muss und am anderen Ufer die Skyline Aucklands fotografieren kann. Eine großartige Aussicht, die von dem 328 Meter hohen Sky Tower dominiert wird.

Autor Michael Scholten vor der Skyline Aucklands, die vom 328 Meter hohen Sky Tower dominiert wird.

Autor Michael Scholten vor der Skyline Aucklands, die vom 328 Meter hohen Sky Tower dominiert wird.

Meine Theorie geht auf: Nach kurzer Kurverei entdecke ich die Auffahrt Richtung Süden und folge den Schildern nach Rotorua. Der Ort ist bekannt für seine heißen Thermalquellen. Rund 35 Prozent der 68.000 Einwohner sind Maori, die den Ort zu ihrem Kunst- und Kulturzentrum erhoben haben. Schon von Weitem sehe ich weiße Rauchschwaden aus der Stadt steigen. Was aussieht wie ein Großbrand, ist ein Beleg dafür, dass Rotorua mitten im Vulkangebiet liegt. Überall dampft es aus der Erde, überall blubbert der Schlamm, überall stinkt es nach Schwefel und Sulfat.

Vorsicht, heiß und schlammig!

Vorsicht, heiß und schlammig!

Ich parke meinen Wagen gegenüber der Touristeninformation und buche für den nächsten Tag eine organisierte Tour durch Te Puia, die bekannteste Thermalregion der Stadt. Mein Hotel Kingsgate liegt nur einen Steinwurf davon entfernt. Ich spaziere die Fenton Road zum Stadtzentrum entlang. Unglaublich, wie viele Hotels, Motels und Privatunterkünfte es hier gibt. Wie an einer Perlenkette aufgereiht locken sie Touristen mit Leuchtreklamen. Fast alle bieten Bademöglichkeiten mit Wasser aus den heißen Quellen als besonderes Extra an.

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Die neue Aufklärung aus dem Osten (Interview mit dem türkischen Soziologen Ali Akay)

Religion und Prosperität – Über den Aufstieg der Türkei, die Angst von Erdogan und das neue Bagdad

Herr Akay, seit kurzem hängt der Türkei das Etikett „Turbostaat“ an. Wie erklären Sie sich den Aufstieg der Türkei zur Lokomotive der Weltwirtschaft?

Foto: privat

Foto: privat

Ali Akay: Er begann in den neunziger Jahren. Nach dem Fall der Mauer und dem Untergang der Sowjetunion kam die neue Bourgeoisie aus dem Osten nach Istanbul. 1992 wurde erstmals ein Satellit für privates Fernsehen und Radio in Betrieb genommen. Das Land öffnete sich, Istanbul wurde zum neuen Zentrum für die Länder des Balkans, des Mittleren Ostens und am Kaukasus. Die Stadt wurde eine Megalopole und ein ökonomisches Zentrum. Mit ihrer geopolitischen Lage wurde sie interessant für die neue Bourgeoisie, die sich in den Ländern des kommunistischen Blocks herauszubilden begann, und ein Knotenpunkt für die transnationalen Kapitalströme, die ihnen folgten.

Was bedeutete das für das geistige Klima?

Damals entstand ein Block gegen die traditionellen Kräfte des Staates. Der Diskurs damals war die Zivilgesellschaft. Und ihre Institutionen wurden zum Motor der Politik und der Wirtschaft. Der Erfolg von Erdogans AK-Partei erklärt sich auch daraus, dass sie diese Energien auf die Wirtschaft lenken konnte.

Die Kehrseite der sich selbst überschlagenden Prosperität ist die zunehmende Unfreiheit. Das prominenteste Beispiel ist die Verhaftung der beiden Journalisten Ragip Zarakolu und Ahmet Sik. Fast 70 Journalisten und Intellektuelle sitzen im Gefängnis. Orientiert sich die Türkei jetzt am chinesischen Modell?

Nein. Wer so argumentiert, müsste auch in den Kategorien der asiatischen Produktionsweise denken: ein starker Staat, der etwas Wohlfahrt gewährt. Es gibt keine wirklich große Ähnlichkeit zwischen China und der Türkei. Es gibt hier mehr als eine Partei. Und wir haben demokratische Wahlen.

Wie erklären Sie sich dann die anhaltende Repressionswelle?

Bis zum Sommer dachten die Intellektuellen in der Türkei, das kurdische Problem stehe kurz vor der Lösung. Es gab Gespräche zwischen der Regierung und dem inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan. Auch die liberalen Intellektuellen hielten enge Beziehungen zu Premier Erdogan, Präsident Gül und zur AKP. Über die Zeitungen tauschte man Ideen für eine neue Politik in der Türkei aus: gegen die Armee, gegen den starken Staat, über die Liberalisierung der Wirtschaft, die Lösung der kurdischen Frage. Liberale Zeitungen wie Taraf änderten dann aber ihre Position, die Kritik wurde wieder schärfer. Sie warfen Erdogan vor, sich wie ein Sultan zu benehmen. Nach den jüngsten Verhaftungen schieden sich die Wege endgültig. Zum Rest des Beitrags »

Kleine Fische

Henryk Goldberg freut sich über korrektes Angeln

Das musste mal sein. Nun zeigt die deutsche Justiz Härte und Konsequenz. Bisher, das waren nur kleine Fische.

Sido zum Beispiel. Der Name stand ursprünglich für „Scheiße im Ohr“, was von dem Künstler korrigiert wurde in „Super-intelligentes Drogenopfer“, woran man erkennt, es handelt sich um einen Rapper. Der Mann hatte, unter anderem, einmal einen Prozess am Hals wegen Beleidigung, Bedrohung und Körperverletzung. Das Verfahren wurde eingestellt gegen 14.000 Euro.

Bushido zum Beispiel. Der Name kommt aus dem Japanischen und bedeutet „Weg des Krieges“, ohne Zweifel, auch ein Rapper. Der hatte auch mal einen Prozess, es ging auch um Körperverletzung, es wurde auch eingestellt, gegen 20.000 Euro.

Und jetzt waren die beiden Jungs gemeinsam angeln. Zwei Künstler, von denen der eine sagt „Ihr Österreicher habt uns da mal einen rübergeschickt, der uns Ordnung beigebracht hat!“ und der andere singt „Salutiert, steht stramm, ich bin ein Leader wie A.“ finden schon irgendwie einen Draht zueinander. Der „Kulturspiegel“ war dabei, ein Interview. Und Sido sagte, er gehe in Deutschland, ehe er saufen geht, manchmal angeln, ohne Angelschein. Und jetzt hat er eine Untersuchung am Hals, Fischwilderei. Zum Rest des Beitrags »

Stan Back – aus seinem Nachlass (I)

Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.

Erklärung der Nachlassverwalterin Jules Beauregard

»Fast zu verglühen drohend, ganz nahe am Magma des kreativen Kerns, wenn es denn einen solchen gäbe. Diese Aufzeichnungen sind Fühler, die ganz tief, vielleicht zu tief in die Institution hinein tasten, in die Psyche und die sozialen Beziehungen, die selbst nichts anderes als die Institution konstituieren.«  (Stan Back, im Kapitel: »Ich ist ein sensibler Fühler«)

Nur wenige Tage hatte ich das unbeschreibliche Vergnügen, mit dem Künstler Stan Back zusammenleben zu dürfen. Ich habe ihn auf einer Fähre in Costa Rica getroffen. Daraus entwickelte sich eine persönliche Beziehung. So kurz unsere Bekanntschaft war, so intensiv waren die in einem einsamen Stranddorf verlebten Tage. An einem Tag mit sehr hohen Wellen kam er nicht vom Surfen zurück. Da ich mit ihm das Hotelzimmer teilte, übernahm ich seine Habseligkeiten. Darunter befand sich auch sein Laptop, auf dem ich die hier veröffentlichten Dokumente fand – Texte, Fotografien, Videos, Zeichnungen und Musikaufnahmen. Offensichtlich war vieles von ihm für eine Publikation in einem Buch vorgesehen, denn sie waren mit editorischen Hinweisen versehen; allerdings handelt es sich insgesamt um ein Konvolut von etwa achthundert Seiten. Mir erscheint Stan Backs Nachlass wertvoll, weil er eine hohe Relevanz für die zeitgenössische Kunstdiskussion hat. Auf eine ganz spezielle Weise überwindet er die Grenze zwischen fiktiver Belletristik und theoretischem Sachtext in einer Art Selbst-Ethnographie. Nicht sein Ego stellt er dabei in den Mittelpunkt, wie es so oft in der Popliteratur geschieht, sondern die Sprache der menschlichen Beziehungen und deren Echos. In aufgezeichneten Gesprächen mit Freunden finden sich detaillierte Beschreibungen des zeitgenössischen Kunstbetriebs und in seinen Ängsten und seinen Interessen spiegelt sich die affektierte Deregulation des künstlerischen Lebens. Sein Selbst wird – so romantisch es klingt – zu einer existenzialistischen Raumsonde im Niemandsland künstlerischen Wettbewerbs. Zum Rest des Beitrags »

Zum 100. Geburtstag von Louise Bourgeois

Nicht für den Markt arbeiten!

Ihr Werk ist weiterhin aktuell: Auf der Art Basel Miami Beach Anfang Dezember widmete die Fondation Beyeler Louise Bourgeois eine Sonderpräsentation. Und dies ist nur ein letzter Ausläufer einer Vielzahl von Ehrungen, die der erst 2010 verstorbenen Bildhauerin zu Teil geworden sind. Ihre Bedeutung steht außer Frage. Wie sie jedoch durch eine immer größere Konzentration auf sich selbst zu einem einzigartigen Werk fand, erstaunt ihre Kritiker und Kritikerinnen bis heute. Ein Schlüssel liegt in der Tatsache, dass sie immer offen für Veränderung war. Die Frau, die am 25. Dezember ihren 100. Geburtstag feiern würde, durchlief erstaunliche Häutungen. So erscheint das Leben als Mutter dreier Söhne und Ehefrau eines bekannten Kunsthistorikers in New York der 1940er- und 1950er Jahre gänzlich unvereinbar mit ihren feministischen Performances in den 1970er Jahren oder mit ihrer steilen Karriere im hohen Alter.

Mag jedes dieser Leben seine Bedeutung für das vielgestaltige Werk gehabt haben, das die Tate Modern 2007 in London mit einer großen Retrospektive feierte, nichts nährte ihre Arbeit mehr als die Erlebnisse ihrer Kindheit. Louise Bourgeois wurde 1911 in Paris geboren, wuchs aber in Choisy-le-Roi an der Bièvre auf. Die Erinnerungen an die idyllische Flusslandschaft und die Werkstatt ihrer Eltern bewahrte sie sich bis ins hohe Alter. Die Schülerin half der Mutter früh bei der Restaurierung von Tapisserien, indem sie fehlende Teile zeichnete.

Diese Prägung wird am deutlichsten in ihren „Spinnen“, zum Teil gigantisch große Skulpturen, aus Stahl und Bronze, neben denen der Mensch klein und unbedeutend wirkt. Für die Künstlerin war die Spinne eine Metapher für ihre Mutter, die gelernte Weberin, die Bourgeois für ihre stoische Haltung bewunderte. Zum Rest des Beitrags »

Johannes Heesters († 24.12.2011)

Der geschützte Mann

Zum Tod von Johannes Heesters, der mit 108 Jahren starb

Der Mantel der Geschichte ist eine Tracht, die zu tragen nur wenigen Menschen vergönnt ist, die Glücklicheren werden einmal gestreift davon. Und höchst sonderbar scheint, wenn diese Tracht so ausschaut, wie der Umhang des Operetten-Grafen Danilo.

Johannes Heesters wird am 5.Dezember 1903 geboren, einige Wochen, ehe Tschechows “Kirschgarten” in Moskau uraufgeführt wird. Und beinahe 100 Jahre später wird er eine Rolle in diesem Stück spielen. Wer geboren wurde, als Heesters erstmals den Grafen Danilo sang, der ist heute jenseits der 70. Franz Lehar hielt ihn für den besten Danilo aller Zeiten und Adolf Hitler auch. Und wenigstens juristisch ungeklärt ist die Frage, ob er gelegentlich einer verordneten Besichtigung des KZ Dachau dort auch vor den Wachmannschaften gesungen hat. Das entscheidende Urteil darüber hat kein Gericht gesprochen: Es war das Publikum. Und in der Tat, gesungen oder nicht, Heesters hat, anders als Leni Riefenstahl, öffentlich seine Scham bekannt und er hat, anders als diese, Hitler nicht durch eine exzellente Kunstsausübung vergöttlicht.

Johannes Heesters auf der Bühne, das war, wer es erlebte in den letzten Jahren, ein merkwürdiges Erlebnis. Der alte Mann läuft wie auf Glas, ohne Schuhe. Vorsichtig tastend lehnt er sich an den Flügel, zu den sie ihn führen, legt die Hände auf das Instrument. Das ist sein Quell und das ist sein Ort. Hier benötigt er niemanden, der ihn stützt. Hier hat er, wenn sie ihn die ersten Zeilen einsagen, den Text und den Ton. Zum Rest des Beitrags »

Bergkarabach (Reisewelten)

Freitag, 13. Juni 2008

Bergkarabach

Es steht Aussage gegen Aussage: Mein Reisebuch sagt, ich bekomme das Visum für Bergkarabach direkt in der Hauptstadt Stepanakert, sobald ich dort eintreffe. Die stetig schlecht gelaunte Frau von der Touristeninformation in Eriwan sagte gestern aber, ich müsse das Visum schon vorher in Armenien bei der ständigen Vertretung des nie offiziell anerkannten Staates beschaffen. Ich gehe optimistisch das Risiko ein, am Grenzübergang abgewiesen zu werden.

Per Taxi fahre ich zum Busbahnhof außerhalb des Zentrums von Eriwan. Hier bricht täglich für 5000 Dram pro Fahrgast ein Minibus nach Stepanakert auf. Mein Koffer kommt aufs Dach, mein Hintern auf einen der unbequemen Sitze. Weil deren Zahl knapp ist, steige ich schon um 6.45 Uhr ein, um mir einen Sitzplatz mit Rückenlehne zu sichern. Wer zu spät kommt, muss auf lehnenlosen Notsitzen hocken. Und das geschlagene sieben bis acht Stunden lang.

Außerhalb des Zentrums von Eriwan wartet der Minibus. Die Fahrt von Armeniens Hauptstadt zur Hauptstadt des nicht anerkannten Staates Bergkarabach, Stepanakert, dauert etwas mehr als sechs Stunden.

Außerhalb des Zentrums von Eriwan wartet der Minibus. Die Fahrt von Armeniens Hauptstadt zur Hauptstadt des nicht anerkannten Staates Bergkarabach, Stepanakert, dauert etwas mehr als sechs Stunden.

Obwohl wir schon um kurz vor sieben mehr als vollzählig sind, fährt der Bus erst um 7.45 Uhr los. Über anfangs gute, später mittelprächtige Straßen mit vielen Schlaglöchern und noch mehr Viehherden, fahren wir durch eine atemberaubende Berglandschaft und nähern uns der Grenze zu meinem nächsten Reiseziel. Bergkarabach. Zum Rest des Beitrags »

Solidaritätslesung aus dem Blog von Ai Weiwei in Berlin und die Kurve der öffentlichen Erregung

Schärfe und Ironie

Medienfigur – Sein Leben ist auf den Kopf gestellt: eine Solidaritätslesung aus dem Blog von Ai Weiwei in Berlin und die Kurve der öffentlichen Erregung

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Auf kaum einen Menschen scheint der berühmte Satz aus Ludwig Wittgensteins „Tractatus Philosophicus“ derzeit besser zu passen als auf den chinesischen Künstler Ai Weiwei. Die 81 Tage Haft in diesem Sommer dürften ihm die eigene Existenz zumindest zeitweilig so fremd gemacht haben, dass es auch schwierig geworden ist, sie in Worte zu fassen. Und dann ist da noch das Redeverbot, das ihm die Machthaber im Reich der Mitte nach seiner Entlassung verordnet haben.

Das heißt nun nicht, dass gar keine Kommunikation in eigener Sache mehr möglich wäre. Für die Süddeutsche Zeitung verfiel Ai kürzlich auf eine ungewöhnliche Idee. Auf deren Frage: „Wie ist Ihre Stimmung?“ antwortete er mit einem Foto, auf dem man ihn beim Handstand an einer Mauer seines Pekinger Ateliers sah, von zwei Freunden assistiert. Die Bilderserie sagte mehr über Ais auf den Kopf gestelltes Leben als tausend Worte: So kann man das Schweigegebot natürlich auch umgehen.

Das Verspielte, Fantasievolle, Burleske, mit der der bedrohte Künstler immer wieder auf seine Lage aufmerksam macht, lässt das Drama um ihn oft wie ein lustiges Räuber-und-Gendarm-Spiel aussehen. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass es immer noch um Leben und Tod geht. Schon weil seine 78-jährige, schwer kranke Mutter im Spiel ist. Von der Ai sagt, dass seine Haft sie an den Rand des Todes gebracht habe.

Der Wechsel zwischen Anklage und Performance, die Mischung aus Schärfe und Ironie, die er in dem täglichen Tauziehen mit den Staatsorganen seit seiner Freilassung dennoch immer wieder demonstriert, erklärt aber vielleicht auch, warum die Solidaritätsaktionen, mit denen sein Fall hierzulande begleitet wird, immer etwas bemüht aussehen.

Das Ritual einer Politisierung

Gegenüber Ais jüngsten Kapriolen hatte die Solidaritätslesung aus seinem Blog, die der Galiani-Verlag vergangenen Freitagabend im Berliner Martin-Gropius-Bau veranstaltete, etwas von einem steifen Ritual. Bei dem die Zuhörer zwar erneut Zeuge einer beeindruckenden Politisierung werden konnten. Eva Menasse, Elke Schmitter und Alain Claude Sulzer, die Autorinnen, die diesmal die Rolle der Lesenden aus Ais Blog „Macht Euch keine Illusionen über mich“ übernommen hatten, vermochten es, seinen Lebensweg vor dem inneren Auge erstehen zu lassen: von dem ahnungslosen Jungen, der mit seiner Familie zu Zeiten der Kulturrevolution in einem Erdloch in der chinesischen Provinz hausen musste, zum entschiedenen Herausforderer der größten Partei der Welt. Zum Rest des Beitrags »

Der Künstler Olafur Eliasson

Politikern ein Stipendium anbieten

Schwere Quader aus Stein. Der Künstler Olafur Eliasson hatte den Weg in seine große Ausstellung „Innen Stadt Außen“ vergangenes Frühjahr im Martin-Gropius-Bau nicht ohne Grund mit Gehwegplatten gepflastert. Mit der Installation wollte er an das aufregende Leben im Berlin der Nachwendezeit erinnern. Die politischen und kulturellen Räume, die sich damals öffneten, hatten den 1967 geborenen Dänen künstlerisch mehr geprägt als seine Ausbildung an der Kunstakademie Kopenhagen. 1994 zog er an die Spree.

Irgendeine Idee von Öffnung muss auch hinter Eliassons jüngstem Vorschlag stehen. Pünktlich zum Start des neuen Berliner Senats hat der Künstler ein „Stipendium“ ausgeschrieben – für Politiker der Hauptstadt. Damit will er „eine direkte Auseinandersetzung zwischen politischer und künstlerischer Praxis“ anschieben, erläuterte er am Donnerstag seine ungewöhnliche Idee.

Der Stipendiat soll sechs Monate in Eliassons „Institut für Raumexperimente“ mitarbeiten. Das von dem Künstler an der Universität der Künste betriebene Studio ist kein Workshop für Stadtplaner. Sondern in erster Linie eine „Schule der Fragen, der Unsicherheit und des Zweifels“. Eine Schule also wie gemacht für Klaus Wowereit.

Die meisten erleben Politik so wie Eliasson: „dogmatisch, starr, unflexibel und populistisch“. Kreativität ist das eine, was Kunst der Politik voraushat. Aber auch die Fähigkeit, einer Idee eine Form zu geben. Wer sich an die diversen Allianzen zwischen Ästhetik und Politik im 20. Jahrhundert erinnert, wird einem gewissen Sicherheitsabstand zwischen beiden freilich auch etwas abgewinnen.

Wenn die Politik von der Kunst etwas lernen kann, dann vom Prinzip Aufklärung durch Selbstaufklärung: „Ich glaube, das Potential von Kunst ist es, unsere Selbstreflexivität oder Selbstkritikalität zu verschärfen“, verteidigt Eliasson sein Stipendium. Wer wollte bestreiten, dass nicht nur die Berliner Politik hier einen gewissen Nachholbedarf hat.

Ingo Arend

erschienen in taz 02.12.2011

Bild: Danish-Icelandic artist Olafur Eliasson. Still image from the 2010 documentary „The Future of Art“ by Erik Niedling and Ingo Niermann. CC SA by Christian Görmer