Am 07. Dezember 2013, einen Monat nachdem das letzte Kunstwerk bei TANAS abgehängt wird, findet in den leeren Räumlichkeiten ein ganz besonderes Abschiedskonzert statt.

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Tahribad-i Isyan, die drei jungen Rapper aus Halil Altınderes VideoWonderland, einem Highlight der diesjährigen Istanbul Biennale, wurden eingeladen, für das Berliner Publikum zu performen

Wollmützen über Milchbartgesichtern, Baggyjeans und schwere Stiefel

Als ich abends um neun bei Tanas ankomme, stutze ich. Die drei Jungs auf der Heizung habe ich doch schon mal gesehen. Klar. Natürlich. Das sind die Hip Hopper aus “Wonderland”. Halil Altinderes Video war der Knüller der Istanbul-Biennale im September. Die drei Halbwüchsigen prangern darin die Tot-“Sanierung” des Romaviertels Sulukule an. Und jetzt sitzen sie im türkischen Kunstraum in Berlin, qualmen und schäkern. Ich hatte ganz vergessen, dass sie ja eine Band sind. Und heute das Abschiedskonzert bestreiten: Tahribad-I Isyan. Azra stellt mir die drei vor: Faust auf’s Herz!

Kathrin findet sie total süß. Und checkt, wer der “Mädchen”-, wer der Jungstyp ist. Sie kann das. Sie ist schließlich Kuratorin. Das Trio hat jetzt die kleine Bühne geentert. Und gibt alles. Zum ersten Mal in Berlin! Die Besucher hüpfen euphorisch. Selbst der stoische René Block kommt in Bewegung. Für die “Kids”, wie Azra ständig sagt, sind die drei ganz schön politisch. “Ihr nennt es urbane Rekonstruktion. Ich nenne es den Niedergang der Stadt”. Die Jungs singen den “Wonderland”-Song in dem leergeräumten White Cube. Was auf Istanbul gemünzt ist, passt hier wie die Faust auf’s Auge. In der “Europacity” hinter dem Hauptbahnhof wächst ein Wolkenkratzer-Viertel in die Luft, das es mit Erdogans schönem neuen Istanbul aufnehmen kann. Das Gewimmel windschiefer Werkstätten, Ruinen und Brachen verdichtet sich langsam aber sicher horizontal. “Schon schade, dass Tanas zumacht. Aber was sollen sie hier auch noch?” seufzt Kathrin. Beim Nachhauseweg durch die eisverschlammten Baustellen ertappe ich mich bei der Fantasie, das grauenhafte „Total“-Hochhaus direkt gegenüber vom Berliner Bahnhof Hauptbahnhof so in Flammen aufgehen zu sehen wie das Plakat der türkischen Stadtentwicklungsbehörde TOKI in Halls Video. Adieu, Wonderland Heidestraße.

Ingo Arend

 

MEHR INFORMATION:

Veysi (*1993) , Asil (*1996) und Burak (*1994)  mit den Genre gerechten Künstlernamen V.Z., Slang, und Zen-G mögen zwar mit amerikanischem Hip-Hopper-Gebaren auftreten, ihre Texte bewegen sich aber zeitlich und geographisch unmittelbar in Istanbul. Der Name der 2008 gegründeten Band setzt sich zusammen aus den Wörtern für Zerstörung/Abriss (Tahribat) und Aufstand (Isyan). Selbsterklärend, wenn man weiß, dass zwei von ihnen aus Sulukule stammen, einem Viertel in Istanbul, in dem die Jahrhunderte alte Kultur der dort ansässigen Roma samt Häusern und Bewohnern in den letzten Jahren der Stadterneuerung zum Opfer fiel. Eine „Säuberung“ im Sinne der Investoren, die leider erst durch einen Gerichtsbeschluss für unrechtmäßig erklärt wurde, als es für die meisten Familien bereits zu spät war. Dieses Schicksal, das zahlreiche andere Viertel in Istanbul ereilte und noch ereilen wird, inspirierte mitunter das Motto der diesjährigen Istanbul Biennale Mutter, bin ich ein Barbar?  Eine Entwicklung, die auch in der Ausstellung mit dem bezeichnenden Titel Agoraphobia (24.05-27.07.2013) von Biennale-Kuratorin Fulya Erdemci in den Räumen von TANAS thematisch Widerhall fand. 

Die erschütternden Bilder der gegen die eigene Bevölkerung gerichteten Polizeigewalt diesen Sommers noch vor Augen, erscheint die Szene aus Wonderland, in der die wütenden jungen Rapper einen Polizisten anzünden, fast wie ein Vergeltungsakt. Tatsächlich aber hatte Halil Altındere das Video mit Tahribad-i Isyan bereits im Februar diesen Jahres gedreht, also Monate vor dem Ausbruch der Gezi-Proteste. Altındere, der bei TANAS u.a. mit einer Werkschau 2012 zu sehen war, setzt sich seit jeher ironisch und subversiv mit Widersprüchen in Staat und Gesellschaft auseinander. 

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TANAS eröffnete 2008 mit der Ausstellung KÜBA, in der Kutluğ Ataman sich mit einer Gecekondu-Siedlung in Istanbul beschäftigte. Dabei übergab er in 40 Interviews den Bewohnern – darunter Arbeitslosen, Müttern, Kriminellen und auch wütenden Teenagern –  das Wort. Nicht nur damit spannt sich ein Bogen zu Tahribad-i Isyan.

Gleichzeitig begleitete Musik stets das Schaffen des TANAS Gründers und Kurators René Block, sei es in intensiver Auseinandersetzung mit Klangkunst oder in der Wahl seiner Ausstellungstitel mit Anspielungen auf berühmte Kompositionen.
In diesem Sinne ist es nur konsequent, dass es kein sang- und klangloses Ende geben wird: Mit dem Konzert von Tahribad-i Isyan aus Istanbul verabschiedet sich TANAS laut, unzensiert und auf türkisch.

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