In Bert Papenfuß’ Berliner Subkulturkaschemme Rumbalotte

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Because The Night

Als ich hereinkomme, hockt Bert an der Theke und löst Kreuzworträtsel. Ich hätte good old Papenfuß fast nicht erkannt. Der Punkpoet aus der DDR trägt  jetzt grau melierten Vollbart unter der Lederkappe. Und sieht aus wie ein Flaschensammler, der sich gerade aufwärmt. Aber die tragen meist keine Nietenjacken und Zimmermannshosen. Er grummelt nur, ohne aufzuschauen: “Geht gleich los”. Der Prenzlauer Berg gilt ja inzwischen als Mittelschichtenfriedhof. In Berts Schankwirtschaft “Rumbalotte” am Senefelder Platz, vis-à-vis des Metzer Eck, wo sich Wolfgang Hilbig immer ordentlich zu zog, als er noch lebte, ist die Subkultur jedenfalls noch lebendig. Der US-amerikanische politische Lyriker Jack Hirschman war in der Nachfolgespelunke des legendären “Kaffee Burger” schon zu Gast. Auch die Kunst-und-Literatur-Zeitschrift „floppy myriapoda – Subkommando für die freie Assoziation“ feierte hier Premieren ihrer neuesten Ausgaben. Und immer noch kann man hier die Zeitschrift “Gegner” kaufen. Zu täglich “wechselnden Preisen”. Was man von der bürgerlichen Presse hält, kann man hinter’m Tresen sehen. Da hängt ein Cover von TV-Direkt auf dem Kopf an der Wand. Wer sich auf den Kopf stellt, kann die Schlagzeile “Bohlen unter Druck” gut lesen.

Man isst Gurke mit Brot.

Oder trinkt “Beton”: Becherovka mit Tonic.

Zurück zu den toten Mittelschichten. Am Samstagabend jedenfalls stolziert ein agiler Senior in weißem Rüschenhemd und rotem Samtblazer durch das zum Bersten gefüllte Lokal und schüttelt die pechschwarz gefärbten Haare wie Rod Stewart auf Atlantic Crossing. Ein paar rasierte Damen sehen aus wie die Punker auf Clemens Gröszers Ölschinken aus den Achtzigern. Fünfzig von Berts Künstlerfreunden haben ein Werk für eine Benefiz-Aktion herausgekramt, um seine Kneipe wieder in Schwung zu bringen. Alles ziemlich kleinteilig und eher neoexpressiv. “Sacre-Sucre-Sarte” steht auf einer Textcollage. “Sieht schon cool aus”, findet Roey, ein junger Künstler aus Israel, als er das Video im Nebenraum anschaut, in dem der junge Kippenberger 1982 im Ratinger Hof im Anzug auf ein Schlagzeug drischt. Für die ergrauten Punker heult Patti Smith jetzt ihren Evergreen: “Because the night”. Den Rentner neben mir an der Theke interessiert das alles wenig. In unregelmäßigen Abständen entfahren ihm elektroschockartig Worte wie “Hah!”, “Scheiße”, “Wahnsinn”. Im Hintergrund wünschen sich ein paar Gäste von Käptn Graubart, der mit glimmender Kippe durch die Menge tigert, dass die “Rumbalotte” eine “schöne linke Kneipe” bleibt. Kulinarischer Brutalismo inclusive. Man isst Gurke mit Brot. Oder trinkt “Beton”: Becherovka mit Tonic.

“Das ist übrigens mein Kunstwerk” sagt irgendein Jürgen plötzlich hinter mir und bestellt sich eine flüssige Rumbalotte. Er deutet auf das weiße Plakat hinter dem Tresen mit den zwei schlichten schwarzen Sätzen: “Do not drink as a trigger for experiences. Drink as an Artwork.” Schöne Metapher denke ich mir, scheitert aber sicher an der Praxis. “Und wie geht das?” frage ich skeptisch. “Mach einfach den Mund auf”, rät er mir und kippt das ockerfarbene Gebräu aus Ratzeputz und Ginger Ale auf Ex. Ich hebe meinen magentafarbenen Rotwein, Hausmarke. Es ging wirklich ganz leicht.

Ingo Arend

 

Schankwirtschaft Rumbalotte continua

Metzer Straße 9
10405 Berlin
www.rumbalottecontinua.de

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Bild: screenshot prenzlauerberg-nachrichten.de

Mehr Fotos von Ann-Kathrin John hier

 

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