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Das Logo der Konferenz „Artist Organisations International“ im Berliner HAU im Januar 2015. Foto: Lidia Rossner (HAU)

Künstler, hört die Signale!

Kunst machen? Oder die Welt retten? Der Kongress „Artist Organisations International“ im Berliner HAU demonstrierte den tiefgreifenden Rollenwechsel der zeitgenössischen Kunst angesichts drängender Weltprobleme.

„Was tun?“ Einen gewissen Humor kann man „Chto Delat“ nicht absprechen. Ausgerechnet den Titel von Wladimir Iljitsch Lenins berüchtigter Schrift von 1902 wählten 2003, also 101 Jahre später russische Künstler, Kritiker und Philosophen für eine Plattform, mit der sie militante Theorie, künstlerische Arbeit und politischen Aktivismus neu verbinden wollten.

Vom Perestroika-Diskurs bis zum Videofilm „Russian Woods“ stellte das Kollektiv allerhand Ästhetisches auf die Beine. Wie politisch es aber auch agieren kann, bewies es vergangenen Sommer. Sein Boykott der Manifesta in Waldimir Putins Knüppel-Demokratur brachte die europäische Wanderbiennale in St. Petersburg an den Rand des Scheiterns.

Das Fragezeichen, das „Chto dealt?“ noch hinter seinen Namen setzte, haben andere Gruppen längst abgelegt. L’art pour l’art ist out. Endlich etwas Konkretes tun! Das ist jetzt die Devise. Wie rasant sich die globale Kunstwelt derzeit politisiert, ließ sich vergangenes Wochenende im Berliner Hebbel-Theater beobachten.

Kaum ein Weltproblem blieb ausgespart bei dem Ratschlag von zwanzig Künstler-Initiativen, die sich dort zum großen Ratschlag versammelt hatten: Vom Kampf gegen die Diktatur auf den Philippinen über den Einsatz gegen Gen-Food in Lateinamerika bis zum Widerstand gegen die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union reichte die Bandbreite der Anliegen.

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Das Panel „Violence and Non-Violence“ des Kongresses „Artist Organisations International“ im Berliner HAU am 12. Januar 2015. Von links nach rechts: John Jordan (labofii), Lana Nakonechna (HudRada), Natascha Sadr Haghighian von „Guld Labour“, Milo Rau und Moderator Vincent W.J. van Gerven Oei. Foto: Lidia Rossner (HAU)

Viele der Aktionen, die auf dem Kongress „Artist Organisations International“ zu erleben waren, ließen sich problemlos unter dem Stichwort art activism abtun. Was sicher mit den Kuratoren der Veranstaltung zu tun hatte. Joanna Warsza und Florian Malzacher hatten schon den Braintrust hinter Artur Zmijewskis problematischer Berlin-Biennale 2012 gebildet.

Im selben Jahr gründete Jonas Staal, Bildender Polit-Künstler aus den Niederlanden und dritter im Kuratoren-Bunde, den „New World Summit“. Die Initiative versteht sich als ein alternatives Parlament politischer und rechtlicher Repräsentanten von Organisationen, die „zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf internationalen Terrorlisten aufgeführt werden“, wie es auf der Website des Summits heißt.

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Susanne Sachsse bei der Präsentation von Yael Bartanas Projekt „Jewish Renaissance Movement in Poland“ (JRMiP). Foto: Lidia Rossner (HAU)

Um seine Teilnehmer hatte es bereits 2012, ebenfalls im Rahmen der 7. Berlin-Biennale Artur Zmijewskis, heftigen Streit gegeben Danach folgten Gipfel in Leiden und im indischen Biennale-Ort Kochi, 2013. Der „New World Summit“ versteht sich als „demokratische Ergänzung der bestehenden politischen Ordnung“ – so die Selbstdarstellung.

Ästhetische Aspekte stehen bei dem in Berlin präsentierten Genre art activism nicht zwingend an erster Stelle. Wenn man von Beispielen wie der Initiative „Schoon genoeg!“ absieht. Um der vergessenen Kunst in den sozialen Bewegungen zu ihrem Recht zu verhelfen, organisiert sie schon mal Ausstellungen mit den Arbeitern von Reinigungsfirmen der holländischen Staatsbahn. Oder wenn man von den Anleihen bei der Leni-Riefenstahl-Ästhetik absieht, mit dem die israelisch-polnische Künstlerin ihr „Jewish Renaissance Movement in Poland“ (JRMiP) inszeniert, das für die massenhafte Auswanderung israelischer Juden nach Polen wirbt.

Die Vorbehalte, die man gegen die Thematik und gegen die, seit Jahren beharrlich verfolgten Intentionen der Organisatoren hegen könnte, ändern nichts daran, dass die Konferenz samt der von ihr propagierten Kunst einen tiefgreifenden Rollenwandel der Kunst anzeigte, der frappierend an den Ruf vom »Ende der Bescheidenheit« erinnert, mit dem Heinrich Böll bei der Gründung des Verbandes deutscher Schriftsteller 1969 die »Einigkeit der Einzelgänger« beschworen hatte.

Die russische Kuratorin Ekaterina Degot und die griechische Performerin Margarita Tsomou, Herausgeberin des „Missy Magazin“ brachten ihn auf den Punkt, als sie konstatierten, dass die Künstler nicht länger als Rollenmodell der neoliberalen Ökonomie dienen wollten – dem prototypischen, flexiblen Unternehmer seiner selbst. Stattdessen suchten sie nach alternativen Modellen, mit denen sie „an einer anderen Ordnung der Welt“ arbeiten könnten – kollektive Modelle eben.

„Ich erschaffe, denke und ich rede!“ Asger Jorns kämpferisches Credo auf der „Ersten Weltkonferenz Der Freien Künstler“ 1956 im italienischen Alba, an das der dritte Konferenzinitiator Jonas Staal, Bildender Polit-Künstler aus den Niederlanden, zum Auftakt des dreitägigen Diskussionsmarathons erinnerte, würden viele Künstler und Initiativen heute sofort wieder unterschreiben. Bei der Frage, ob sie dafür einen globalen Dachverband brauchen – eben jene Internationale der Künstler-Organisationen, die die Konferenz zum Titel erhob – schieden sich dann aber doch die Meinungen.

Zu unterschiedlich sind die Bedürfnisse. In Azawad versucht die Künstlervereinigung „3xa“ mit rudimentärer Kunsterziehung ein Land aus dem 15. Jahrhundert in die Gegenwart zu führen. „Wir sind schon froh, wenn wir hier jeden Tag überleben“, erklärten der Maler Mazou Ibrahim Touré und der Schriftsteller Moussa Ag Assarid ihren beeindruckten KollegInnen die Lage im Norden Malis, den Tuareg-Rebellen zum unabhängigen Staat ausgerufen haben.

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Der Schriftsteller Moussa Ag Azarid von der „Artist Association of Azawad 3xa“ (Mitte), zusammen mit Jonas Stall, dem Initiator der Konferenz „Artist Organisations International“ (links). Foto: Lidia Rossen (HAU)

Dagegen wirkt das virtuose Spiel mit kulturellen Codes und populären Images, mit dem das Berliner „Zentrum für politische Schönheit“ die Berliner Republik an der Nase ihrer moralischen Defizite in Sachen Flüchtlingshilfe herumführt, fast wie eine postmoderne Frivolität.

Zu groß dürften bei einer Künstler-Internationale auch die politischen Differenzen sein. Nicht alle fühlten sich wohl bei der martialischen „Not-in-our-name“-Tirade, mit der Internationale-Spiritus-Rector Staal dem Kongress in seiner Eröffnungsrede eine Stoßrichtung gegen den amerikanischen „War on Terror“ verordnen wollte.

Und nicht alle waren bereit, ihre eigentliche raison d’etre bei dem Versuch über Bord zu kippen, politisch wirksamer zu werden. „Wir schwächen die Kunst, wenn wir sie zur NGO verwandeln“, hielt die deutsche Dramaturgin Maria Magdalena Ludewig dem britischen Kunstaktivisten John Jordan vom „Laboratory of Insurrectionary Imagination (labofii)“ vor, der gestanden hatte, „nicht im Atelier bleiben und Schönheit machen“ zu können, „während die Welt immer hässlicher“ werde.

Jordans Lab organsiert „Experimente“ wie das vom Februar 2009. Da mobilisierten die Aktivisten mitten in der Londoner City für eine öffentliche Schneeballschlacht mit den Angestellten der bad „Bank of Scotland“. Nicht alle beherrschen den Grenzgang zwischen Realität und Fiktion und Realität so virtuos wie Milo Raus „International Institute of Political Murder“. Wenn das IIPM in seinem „Kongo-Tribunal“ den 20jährigen Krieg in Zentralafrika in eine fiktive Gerichtsverhandlung transformiert, geht es ihm vor allem um eine symbolische Aktion: „Wir wollen zeigen, dass so etwas tatsächlich möglich sein könnte“, erklärte Rau im HAU.

Auffällig oft wurde auf dieser Konferenz das Ominosum „formalistische Kunst“ attackiert. Insofern lässt sich das Treffen durchaus ebenso als Vorbote eines neuen Formalismus-Streits sehen – diesmal unter links-undogmatischen Vorzeichen. Am Ende warnte selbst Christoph Gurk, Ex-Spex-Chefredakteur und Dramaturg am gastgebenden HAU davor, die Debatte unter dem Eindruck des „permanenten (politischen) Alarmismus“ zu führen. Der linke Theoretiker wollte nicht verstehen, warum es verboten sein sollte, Kunst auch mal als „nutzlos“ zu sehen.

So interessant die präsentierten Aktionen, so spannend die Grundsatz-Diskussionen waren. Es wirkte seltsam widersinnig, eine künstlerische Bewegung mittels eines kuratierten Kunstevents statt basisdemokratisch aus der Taufe zu heben. Ein Event mit bezahlten Rednern, eines, das der Hauptstadtkulturfonds finanzierte und für das interessierte Zuschauer 33 Euro Eintritt blechen mussten. Ein geharnischter Protestbrief Berliner Künstler verhinderte vorerst, dass die Internationale an Ort und Stelle ausgerufen wurde. Zumindest, was ihre Selbstorganisation anbetrifft, werden sich die Künstler also weiter Lenins Frage stellen müssen: „Was tun“? Jenseits von Mailinglisten.

Ingo Arend

erschienen in taz vom 13.1.2015

 

www.artistorganisationsinternational.org

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