symposium politik der kunst 680

 

Partisanen der Sinnlichkeit

Der Kongress „Politik der Kunst. Über Möglichkeiten, das Ästhetische politisch zu denken“ in Berlin markiert einen aufschlussreichen Sinneswandel linker Kunst-Intelligenz.

Kunst ist politisch, oder sie ist gar nicht. Mit dem Motto für die 7. Berlin-Biennale machte Artur Żmijewski eine ziemliche Bauchlandung. Die politaktivistische Gerümpelkammer, die der Künstlerkurator 2012 in den Kunst-Werken öffnete, diskreditierte die „politische Kunst“ so nachhaltig, wie es keine rechte Diffamierung vermocht hätte. Doch wie hätte eine solche Kunstform auszusehen, wenn man sie nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen will?

Dass nicht das Politische, sondern das Ästhetische politisch ist – diese, seit einiger Zeit wieder an Zulauf gewinnende Gegenposition, hatte der französische Philosoph Jacques Ranciere schon Mitte der 2000er Jahre ventiliert. Für ihn liegt die Kraft der Kunst in dem, was er die „Neuaufteilung des Sinnlichen“ nennt. Wenn also symbolische oder künstlerische Handlungen und Setzungen eine bestehende ästhetische, symbolische Grammatik, Regelpoetik oder sonst wie normative Ordnung destruieren.

So wie etwa die am amerikanische Bürgerrechtlerin Rosa Parks in fas Feld des Öffentlichen intervenierte, als sie sich am 1. Dezember 1955 in Montgomery, Alabama weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen. Und damit ein Feld neuer Sichtbarkeit beanspruchte und auch praktisch einnahm. Auf dem Kongress „Politik der Kunst. Über die Möglichkeiten, das Ästhetische politisch zu denken“ der Akademie der Künste und des Goethe-Instituts vergangenes Wochenende in Berlin fand sein Ansatz freilich nicht viele Anhänger.

Denn die dem Kunstwerk eignende „Unbestimmtheit“, die für Ranciere erst den Betrachter zum politischen Handeln motiviert, negiert für die Wiener Kunsthistorikerin Ines Kleesattel die „Wahrheit“ jeden Werks. Wenn nur noch die Erfahrung von Rancieres „emanzipiertem Betrachter“ zähle, könne man sich nicht mehr über objektive Kriterien streiten. Was zugleich den Tod der Kunstkritik bedeute.

Zwar sympathisierten die Kongressteilnehmer mit diesem Unbestimmten der Kunst. Etwas, was die Offenbacher Kunstphilosophin Juliane Rebentisch auch „Irritierbarkeit“ nennt. Zu bestimmt sollte die kritische Kunst in Zukunft nicht mehr sein. Der linken Intelligenz schwant nämlich, dass ihre vielbeschworene „gesellschaftliche Relevanz“ anders aussehen muss als in der klassischen Politästhetik zwischen John Heartfield, Klaus Staeck und Rimini Protokoll. „Wir steckten in der Sackgasse der politischen Eindeutigkeit“, resümierte die Filmemacher und frisch gewählte Akademiepräsidentin, Jeanine Meerapfel, Jahrgang 1943, selbstkritisch so manche Kunstproduktion der 70er Jahre.

Der Berliner Kunstphilosoph Helmut Draxler klagt schon seit Jahr und Tag über den wohlfeilen Mainstream der „criticallity“ auf Biennalen, Triennalen Documentas und dem Meer der politisch motivierten Themenausstellungen. Wenn schon ein progressiver Mann wie Leonhard Emmerling, Leiter des Bereichs Bildende Kunst in der Münchener Zentrale des Goethe-Instituts vom „Elend der Partizipation“, der „Querfinanzierung der Kultur durch die Moral“ und dem „engagierten Mainstream der relationalen Ästhetik“ klagt, die über die „Mimikry der administrativen Sprache“ eine „bessere Gesellschaft“ anstrebe, darf man wohl von einem linken Unbehagen an der gesellschaftskritischen Ästhetik zeitgenössischer Prägung sprechen.

„Die politische Kunst ersetzt inzwischen die Politik“ warnte Emmerling nicht ganz zu Unrecht vor einem problematischen Rollenwechsel. „Musik um ihrer selbst willen zu hören, ist schon politisch“ pflichtete der Komponist und Kunstprofessor Mathias Spalinger, ein Urgestein der Neuen Musik in Deutschland, auf einer abendlichen Podiumsdiskussion in den Chor kritischer Stimmen ein.

Die Künstler als „Partisanen der Sinnlichkeit“ den Ausweg aus dieser Sackgasse des Politischen suchen zu lassen, wie es der Philosoph Christoph Bermes empfahl, klang vielen zu martialisch. Zurück zur guten alten „Autonomie der Kunst“ geht es aber offenbar auch nicht. Die Kunstprofessorin Isabelle Graw erinnerte daran, dass sich dieses Credo als kompatibel mit dem „Neuen Geist des Kapitalismus“ erwiesen hat, wie ihn die französischen Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello in ihrem gleichnamigen Werk 1999 beschrieben.

Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, so Graw, seien längst zu ökonomischen Tugenden geworden. Das Ideal einer autonomen Kunst erleichtere also nicht nur deren Vermarktung, sondern korreliere zudem mit den Werten dieser neuen Ökonomie. Selbst die nicht ganz so theoriefeste AdK-Präsidentin Meerapfel winkte ab: „Autonomie existiert nicht“ konstatierte sie das Netz ihrer Abhängigkeiten – von der Genrewahl über die Geldgeber bis zu den Mitarbeitern.

Auch der schillernde Begriff „Schönheit“ führt in diverse Schieflagen. Nicht nur, weil „Beauty“, wie der gerade verstorbene Jazz-Musiker Ornette Coleman einmal eines seiner Alben betitelte, „a rare thing“ ist. Zur ubiquitären Ressource des konsumistischen Alltags geworden, hat sie ihr einst subversives Potential womöglich längst eingebüßt. Und wie in einen neomystischen Tonfall zurückfallen kann, wer sie rehabilitieren will, demonstrierte der Philosoph Christoph Menke, als er dem Kunstwerk eine außerökonomische „Kraft“ zubilligen wollte, mit der es „Macht über uns“ habe.

Ob nun das „Gramsci-Monument“, das der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn 2013 in New York errichtete, den „Dritten Weg“ zwischen dem Edelgrau des zeitgenössischen Biennale-Seminarismus, gut gemeinter Partizipationsfolklore und dem obsolet gewordenen „Schönen“ à la Rilkes Duineser Elegien weisen könnte, wie es Christoph Bartmann, Leiter des dortigen Goethe-Instituts behauptete, war umstritten in Berlin. Den einen schien Bartmanns „revolutionäre Bruchbude zwischen Scheitern und Utopie“ zu Ikea-trashig und damit unschön, den anderen schien das Gemeinschaftsforum in Kunstform in den Forest Houses in der New Yorker Bronx die Inkarnation der utopischen Melancholie. Die Diskussion über das Verhältnis von Kunst und Politik wird also immer, immer weitergehen. Aber vielleicht lässt sich Schönheit sowieso nur dialektisch verstehen. Und es braucht, um „das Ästhetische politisch zu denken“ einfach einen neuen Punk.

 

Ingo Arend

siehe auch www.goethe.de