Lässt sich der Markt zivilisieren? Auf diese – nicht nur für den Kunstbetrieb denkwürdige – Gretchenfrage lief es hinaus, als die Art Brussels 2012 Katerina Gregos zu ihrer Kuratorin erkor. Denn die griechischstämmige Kunsthistorikerin, Jahrgang 1967, lange beim unabhängigen Brüsseler Art-Space Argos, ist eine vehemente Kritikerin des Kunstmarkts.

In Interviews zog die Ausrichterin politisch engagierter Schauen und Biennalen gegen das Art-Flipping zu Felde. Und auch zum Auftakt der 34. Ausgabe der 1968 gegründeten Schau vergangene Woche geißelte sie ihn einmal mehr als geschichtsvergessen, geldgierig und verantwortungslos.

Dem versuchte die temperamentvolle Kunstliebhaberin in Brüssel von Anbeginn das Modell eines gezähmten Marktes entgegen zu setzen: Der Markt, der kritische Kunst fördert, Galerien fördert, die Künstler entwickeln helfen, statt schnelle Rendite erzielen wollen, sein Langzeitgedächtnis bewahrt, statt dem „hot shit“ von heute nachzujagen.

Gregos‘ nach diesen Prinzipen kuratierte und selektierte, gegenüber dem Vorjahr um 50 Galerien verkleinerte Schau mit 140 Händlern aus 28 Ländern im neuen Domizil der alten Lagerhallen des europäischen Postadels Thurn und Taxis im Nordwesten Brüssels mag mit ihren klassischen White-Cube-Boxen nicht besonders cool ausgesehen haben.

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1904 errichtete Lagerhalle Tour und Taxis – die neue Location der Art Brussels. Foto: Wikimedia

Doch das Angebot und konstant 30 Tausend Besucher sprachen wieder einmal für sich: Kaum irgendwo finden sich so kritische, ungewöhnliche Positionen: Nikita Kadans überzeugende Versuche etwa, für die Erfahrung von staatlicher Gewalt und Repression in seinem Heimatland Ukraine angemessene ästhetische Formen zu finden. (Galerie Transit, Mechelen).

Die Versuche der belgisch-amerikanischen Künstlerin Cécile Evans, mit ihren aufgebrochenen Serverboxen das Verhältnis des Menschen zur digitalen Lebenswelt auszuloten (Galerie Sailer, Zürich). Oder die Bilder Taysir Batnijis (Galerie Eric Dupont, Paris). Der palästinensische Künstler hatte im Gaza-Krieg von den Israelis zerstörte Häuser seiner Landsleute von einem Freund fotografieren lassen und sie im Stil einer Real-Estate-Anzeige zum Verkauf angeboten.

Batnijs Waffengurt, in dem statt Patronen angespitzte Bleistifte eingelassen sind, sind ein Bild für seine Beschränkung als Künstler, der nicht in seine Heimat zurück kann und ein Sinnbild für die Kunst als Waffe gegen den Krieg.

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Taysir Batnijis Arbeit „Untitled“ am Stand der Galerie Eric Dupont. Foto: Ingo Arend

Kurzum: Wenn man nach Beispielen sucht, wie sich die allgemeine Müdigkeit über die von Gregis wiederholt gegeißelte, erwartbare „Art-Fair-Art“ bekämpfen kann, dann bei den von ihr kuratierten Messen.

Die Praxis, dem kritisch beäugten Kunstmarkt neue Legitimität dadurch zu verschaffen, dass Non-Profit-Art-Spaces eingeladen werden, verfolgt natürlich auch die Art Brussels. In Brüssel waren es in diesem Jahr acht. Doch auf welcher Kunstmesse weltweit findet man eine Abteilung wie „Rediscovery“ – Soloshows von ins kunsthistorische Abseits geratenen KünstlerInnen der Jahre 1917 – 1987?

Natürlich lässt sich immer argumentieren, mit solchen Strategien verschafft man dem kritisierten Markt nur eine neue Legitimation dergestalt, dass man helfe, im auch noch die peripheren und kritischen Potentiale einzuverleiben. Aber den Versuch war es auf jeden Fall wert.

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Das Vanderborght-Building, Standort der neuen Independent-Messe in der Brüsseler Innenstadt. Foto: Ingo Arend

Mit insgesamt 14 Präsentationen, etwa des Lebenswerks der österreichischen Künstlerin Renate Bertlmann (Galerie Steinek, Wien) oder des amerikanischen Fotografen und Regisseurs Gordon Parks (Jenkins Johnson Gallery, San Francisco, New York) versuchte die Messe, die drei Kardinalprobleme des Kunstmarktes: „Ageism, Presentism and Amnesia“ zu konterkarieren.

Bertlmann, Jahrgang 1943, visualisiert mit Hilfe von Gummi, Latex oder Messern alle Fragen von Sexualität, Gewalt und Tod in einem an Louise Borgeois erinnernden Oeuvre. Und die Bilder des amerikanischen Künstlers, der auch Schauspieler war und Filmmusik komponierte, geben ein schockierendes Zeugnis der US-Rassentrennungspolitik im Alltag der fünfziger und sechziger Jahre.

Mühelos stellte Gregos mit ihrem derart durchdachten Format die studentisch angehauchte Alternativmesse „poppositions“ in den Schatten, die ihre zweite Ausgabe wegen ihres Standorts im Problembezirk Molenbeek „The Wrong Side“ genannt hatte.

Mit einer intimen Schau von Kunstwerken, die Künstler ihrem Freund und Förderer Jan Hoet zugedacht hatten, zollte Gregos – neben der Kunstmarktkritik dann wieder dem Tribut, was eine Messe ausmacht: Die Beziehung Sammler-Künstler. Dafür konnte sie auf die Sammlung des 2004 verstorbenen Kurators Jan Hoet zurückgreifen.

Neben Bildern mit Joseph Beuys, einem oder dem als Collage gestalteten Dankesbrief von Studenten, die Hoet in einer Kunsthochschule unterrichtet hatte, bezauberte hier besonders ein dunkelfarbiges Portraitfoto Hoets von Marlene Dumas.

Paradigmatischer und problematischer war, dass in dem historischen Vanderborght- Kaufhaus in der Brüsseler Innenstadt mit der „Independents“ eine trendige Pilotmesse, erster europäischer Ableger des 2010 gegründeten New Yorker Netzwerks umd Laura Mitterand, die langjährige Aufbauarbeit der Art Brussels auszubeuten versuchte. 72 Galerien von Aurel Scheibler (Berlin) bis David Zwirner (New York) konnten nur auf Einladung (des Netzwerks) teilnehmen.

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Eingang zur 2. „poppositions“-Fair im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Foto: Ingo Arend

Die „Independent“-Exponate waren zwar hochwertig, sahen mit wenigen Ausnahmen aber doch wie die „Siegerkunst“ aus, die der Kunstpublizist Wolfgang Ullrich jüngst beschrieben hatte. Paradoxe Dialektik: Auch ein Anti-Markt-Experiment kann einen mittleren Kunst-Standort wie die europäische Hauptstadt so attraktiv machen, dass der „normale“ Markt Blut leckt.

Vielleicht hat Gregos deswegen das Handtuch geworfen. Eine neue Kuratorin für 2017 wollte Anne Vierstraete, die Direktorin der Art Brussels, noch nicht benennen. Welche Person auch immer es sein wird, sie tritt ein schweres, weil anspruchsvolles Erbe an. Die Art Brussels ist das bemerkenswerte Beispiel einer Messe von regionalem und kulturpolitischem Eigensinn, das fortgeführt werden sollte.

Bleibt zu hoffen, dass es nach der immer erfolgreicheren Ausweitung der Kunstmarktzone nun nicht auch noch in Brüssel zu der „highbrow-gentrification“ kommt, die Katerina Gregos zur Eröffnung angeprangert hatte. „Brussels is not the new Berlin“, rief sie so abwehrend wie trotzig. Wir wollen es nur zu gerne glauben.

Ingo Arend

Bild ganz oben: Flo Kasearus neue Arbeit „International Fun“ am Stand der Galerie Temnikova und Kasela.
Foto: Ingo Arend

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