In einer rabiaten Umwertung der gängigen Märchenmythologie vom bösen Wolf, der das arme Rotkäppchen im Haus der Großmutter zu verschlingen droht, handelt es sich hier um eine junge Frau, die den Wolf im Krüppelholzwald einfängt, in ein modernes Hochhausverlies einsperrt, und Schritt um Schritt menschliche Umgebung und gesellschaftliche Konvention hinter sich lässt.

Wer ist hier wild? Erste Vermutung: Der Wolf, der in Mengen rohes Fleisch verschlingt, am Ende auch das ihm als Opfer überlassene Kaninchen blutig zerfetzt – und damit doch nur seinem Hungertrieb folgt. Oder – zweite Vermutung – ist es nicht eher die junge Ania (Lilith Stangenberg), die über die Begegnung mit dem Wolf ein spontanes Erweckungserlebnis hat? Der einsame Wolf, von seinem Rudel getrennt, löst in ihr Beschützergefühle und Domestizierungswünsche aus, reißt sie aus ihrem Alltagstrott heraus. Sie will das Tier beherrschen, wird aber zugleich beherrscht, weil selbst das zutraulich gewordene Wildtier sich nicht vollends bändigen lässt. Oder – auch das eine nahe liegende Interpretation bei all den Bildern von Trostlosigkeit und Stumpfheit – repräsentiert dieses Setting aus verwahrloster Plattenhaussiedlung, schlecht gelüfteten, nahezu fensterlosen Büros und einer Universitätsklinik im Stil eines Brutalo-Sichtbetons nicht selbst eine neue, moderne Wildnis?

Dieser Film ist radikal. Er ist Schauder erregend radikal, weil er die Beziehung zwischen Mensch und Tier bis zum Ende durchdekliniert und zu Einstellungen kommt, an denen ein Sexualforscher wie Volkmar Sigusch bei seiner Beschreibung von Neo-Perversionen seine Freude haben müsste. Wo ein Mensch ausgezogen ist, da wird das Andere einquartiert. Das von Anias Schwester verlassene Zimmer bekommt einen neuen Untermieter namens Wolf. Von der Wohnungsbesitzerin ist der Wolf nur durch eine dünne Rigips-Wand getrennt, und es ist nur eine Frage von Tagen, bis das Wildtier diese Firnisschicht zwischen Natur und Zivilisation durchbricht. Von da an gibt es kein Halten mehr. Auf der einen Seite verwildert Frau schrecklich. Ihr Körper wird zu einer großen Wunde, übersät mit Kratzspuren und Bissen, struppig das Haar, blutunterlaufen das Gesicht, zerrissen die Kleidung. Der Tiefpunkt ist erreicht, wenn sie sich auf der Flucht vor der aggressiven Zärtlichkeit ihres Wolfs erst in einen Müllschlucker, dann Stockwerke tiefer in einen Container stürzt. Abfall zu Abfall – aber keine Spur von Einsicht oder Umkehr.

Denn dies ganz und gar verwahrloste Mädchen blüht über die Begegnung mit dem Wolf gleichzeitig auf. Das Tier und die Nähe zum Tier verschaffen ihr ungeahnte Körpersensationen und sexuelle Erregungszustände. Eine Frau, die bislang wie ein Roboter in mechanischer Pflichterfüllung zwischen frühem Aufstehen, öder IT-Büroarbeit und Besuch im Krankenhaus beim Großvater pendelte, entwickelt eine neue Vitalität, Engagement und Widerborstigkeit. Ihr Mitbewohner, der Wolf, wird zu ihrem privaten Liebesobjekt. Krebitz spielt im Hochhaus-Apartment eine Perversion durch, die die Menschen bei Ulrich Seidl nur im Keller als geheimes Feierabendvergnügen treiben. Mit Lilith Stangenberg hat sie zudem eine Hauptdarstellerin gefunden, die ihr bedingungslos vertraut und dabei einen hemmungslosen Hang zu bewunderungswürdiger Selbstentblößung zeigt. Wo alles entgrenzt wird, da verschwimmen auch die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen Begehren und Wunscherfüllung. Die Kamera von Reinhold Vorschneider trägt zu dieser Zwischenlage entscheidend bei.

Gegen die Übermächtigkeit des einmal geweckten Triebes kommt keiner an. Weder die Hauswartfrau, die Ania Vorhaltungen macht wegen des infernalischen Gestanks, der von der Wohnung ausgeht. Auch nicht die besorgte Arbeitskollegin Kim (Silke Bodenbender), die sich an kosmetischen Verbesserungen im ramponierten Gesicht Anias bemüht. Und schon mal gar nicht ihr Chef, auf den dieses verschlossene Mädchen eine eigenartige Faszination ausübt, der aber für diese Zuneigung am Ende schrecklich zahlen muss.

Dabei hat die Regisseurin mit Georg Friedrich für diesen Boris einen Schauspieler ausgesucht, der in seinem nasalen, tiefen Wiener Dialekt den unberechenbaren Mann par excellence verkörpert. Ein Mann, dem jede Perversion zuzutrauen ist. Aber die kleine Angestellte wird diesem despotischen, innerlich zerrissenen Start-up-Unternehmer zum Verhängnis.

WILD TOP 680

Boris ist Ania letztlich nicht radikal genug. Zu rücksichtsvoll in seiner Sexualität, zu konventionell in seinem Liebesversprechen. Er glaubt hart zu sein, sie aber will härter und ausdauernder gefickt werden. Ihre Hingabe verkehrt sich minutenschnell in Ablehnung, ja Hass. Sie verabschiedet sich von dem Mann und ihrem alten Leben mit einem Akt, von dem jeder frustrierte Angestellte schon mal geträumt hat, ohne den Traum jemals Wirklichkeit werden zu lassen. Sie scheißt auf seinen Schreibtisch und setzt anschließend das Büro in Brand.

Ein Autodafé sondergleichen, der freilich folgenlos bleibt. Es gibt keine Instanz, die vorbeugend oder strafend einschreitet. Die Polizei, wenn sie denn einmal in Erscheinung tritt, agiert als lahmer Verein in Uniform, der die Brandstifterin brav nach Hause kutschiert und wieder von der Bildfläche verschwindet. Familiäre Bindungen sind spätestens mit dem Tod des (russisch-deutschen?) Großvaters gekappt. Staatliche Gewalt hat abgedankt oder bleibt unsichtbar.

Es fügt sich wunderbar, dass dieser Film in Halle und sächsisch-anhaltinischer Landschaft gedreht worden ist, dem Land der sprichwörtlichen Frühaufsteher, dem Land, das von Braunkohle-Tagebau, Chemie-Industrie und Agrarmonokulturen so verwüstet worden ist, dass es über weite Teile verwildert erscheint. Erst verkommt die Natur, dann die Menschen. Oder umgekehrt?

Tatsächlich funktioniert „Wild“ als düstere Parabel über Glück und Freiheit in der Postmoderne. Oder präziser gesagt: als deren Unmöglichkeit. Denn obwohl der Film dem Prinzip einer Welt als Wille und Vorstellung gehorcht, führt der Weg von Ania & Wolf schnurstracks in eine Dystopie. In den letzten Bildern bewegen sich die beiden in einer postindustriellen Mondlandschaft, wie sie Houellebecq für „Die Möglichkeit einer Insel“ nicht schöner hätte entwerfen können. Nur das befreite, leicht irre Lachen der Ania ganz am Schluss wäre dem französischen Apokalyptiker fremd geblieben.

Michael André

Bilder:  © Heimatfilm

Wild, von Nicolette Krebitz   (Deutschland 2016)

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