Documenta 14 in Athen

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Am eigenen Mut gescheitert

Die weltweit grösste zeitgenössische Kunstschau Documenta bespielt zum ersten Mal eine gleichberechtigte Zweitausstellung ausserhalb ihrer Mutterstadt Kassel. Doch die Auseinandersetzung mit der Gastmetropole Athen enttäuscht.

«Die Hoffnung hat Geschichte geschrieben.» Die Rhetorik hätte hochfliegender nicht sein können, als Syriza im Januar 2015 die griechischen Parlamentswahlen gewann. «Wir werden die Austerität beenden», versprach ein strahlender Alexis Tsipras der Bevölkerung. Kaum zwei Jahre später prophezeien die DemoskopInnen dem einstigen Hoffnungsträger eine krachende Wahlniederlage.

Heisst «Von Athen lernen» womöglich, Erwartungen zu enttäuschen? Die Parallele drängt sich auf, wenn man zu beurteilen versucht, was sich Adam Szymczyk vorgenommen hat. 2013 war der polnischstämmige Kurator zum Chef Documenta 14 gewählt worden. Als er der Weltkunstschau das ungewöhnliche Motto «Von Athen lernen» verordnete, schien er eine neue Epoche anzukündigen.

Ein Zeitalter, in dem das Monopol einer nordhessischen Kleinstadt, «the state of the arts» zu definieren, gebrochen würde. Zugleich suggerierte er, eine in die Jahre gekommene Institution fernab von ihrem Geburtsort Kassel gleichsam neu erfinden zu können. Wer seine Athener Documenta besichtigt, muss freilich konstatieren: Würde bei der alle fünf Jahre stattfindenden Documenta gewählt, wäre auch ihm die Entlassung sicher. Dabei war Szymczyk womöglich eher auf eine heilsame als eine erzwungene Enttäuschung aus. Schon die Eröffnung sprach Bände. Künstlerinnen, Kuratoren und technisches Personal versammelten sich zum über hundertköpfigen Gruppenbild auf der Bühne der Megaron-Konzerthalle. Sie zischten, gurgelten, grummelten. Die Poesie des Differenten, Dissonanten und Vielstimmigen, die ein Routineritual plötzlich in eine Soundperformance verwandelte, sollte darauf einstimmen: Die eine Antwort auf unsere Frage gibt es nicht. Es gibt nur viele.

Ein Politpotpourri

Der ästhetischen entspricht die politische Polyphonie der mit Spannung erwarteten Schau. Szymczyk hat sein eigentlich präzises Motto in ein Politpotpourri aufgelöst, in dem der Besucher am Ende Athen vor lauter Säulen nicht mehr sieht. Vom Kolonialismus über die Migration, von der sexuellen Identität bis zum Kampf um den öffentlichen Raum – kaum ein Konfliktfeld, das nicht angeschnitten wird. Es ist kein Zufall, dass der nigerianische Künstler Olu Oguibe im EMST, dem derzeit wegen Geldmangel leer stehenden Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst, eine Buchsammlung zum Thema Biafra ausbreitet, um an den blutigen Bürgerkrieg der sechziger Jahre in seiner Heimat zu erinnern. Das Gebäude, einer der sechs Zentralorte der Schau, war einst eine Brauerei, die zum Parkhaus umgebaut werden sollte. Die Besetzung durch Kulturschaffende brachte den Durchbruch: Ein Teil der Brauerei wurde zum Museum.

Die kanadische Künstlerin Moyra Davey liess siebzig Menschen aus aller Welt ihre Porträtfotos an die Documenta senden und liess diese kommentarlos an eine Wand des EMST hängen. Man darf rätseln, wer hier inter-, wer transsexuell oder bi ist. Die australische Künstlerin Bonita Ely imaginiert in ihrem so ausufernden wie banalen Fotofries «Plastikus Progressus», wie die Welt in Zukunft aussieht, wenn sich Plastik weiter so in den Ritzen unserer Zivilisation einnistet. Natürlich darf auch eine Fotodokumentation der israelischen Übergriffe in der Westbank nicht fehlen. Die Liste liesse sich ad infinitum verlängern.

Was das Ganze mit Athen zu tun hat, bleibt im Dunkeln. Kaum einer hat Kontext, Poesie und Politik so zusammengebracht wie der österreichische Künstler Peter Friedl. Monatelang hat er in der MigrantInnenszene der Metropole recherchiert. Und die dabei Gecasteten dann im Athener Nationaltheater Franz Kafkas «Bericht für eine Akademie» aufsagen lassen. Wenn sie mitten in diesem Bericht des Affen Rotpeter über seine Menschwerdung, einem Symboltext für Assimilation, stoppen, symbolisiert das den Bruch in der Biografie der in der griechischen Hauptstadt Gestrandeten. Zwischen solch raren Perlen finden sich unmotivierte Einsprengsel formalistischer Positionen: etwa die puristische Farbfeldmalerei eines Stanley Whitney. Den roten Faden in diesem revolutionären Poesiealbum sucht man vergebens. Da hilft auch der «Red Thread» nichts, den die chilenische Künstlerin Cecilia Vicuña als «weiche Skulptur» aus roten Stoffseilen von einer Hallendecke herunterhängen lässt.

«We (all) are the people». Mit einem riesigen Plakat an der Aussenwand des EMST, das diesen Satz in zwölf Sprachen zeigt, bringt Hans Haacke, der Altmeister der Politkunst, bewährt brachial auf den Punkt, was Paul B. Preciado, der spanische Philosoph und Sexualtheoretiker, in Athen erfahren hat: Das eigentliche Parlament, so der Leiter des «Public Program» der Documenta, seien die Menschen «auf der Strasse» gewesen. Was ihn zu seiner Idee vom «Parlament der Körper» inspirierte. Das klingt experimentell und legitimiert das Grossaufgebot an Performances in Athen. Politisch liest es sich dennoch fatal: Will Preciado einen «neuen Sozialvertrag» allein auf den körperlichen Akt vereinzelter Individuen gründen?

Die Frage nach dem engeren Zusammenhang mit Athen ist keine Kleingeisterei. Immerhin hat Szymczyk dieses Symbol demonstrativ aufgerufen. Doch nur bei Emeka Ogboh scheint eine Kritik des Finanzkapitalismus auf, um die es in Athen geht: Im Dunkel eines nicht fertiggestellten Amphitheaters lässt der nigerianische Video- und Klangkünstler fiktive Börsenkurse als Leuchtschrift über die Wand laufen. Zum Kontrast erklingen aus Lautsprechern afrikanische Gesänge, die so etwas wie «natürliches» Wachstum zu beschwören scheinen – eine der besten Arbeiten der Documenta 14.

Szymczyk und seine acht KuratorInnen sind gewiss nicht wie Alexis Tsipras vor dem Internationalen Währungsfonds oder vor Wolfgang Schäuble in die Knie gegangen. Sondern offenbar vor der eigenen Courage. Die Probleme mit dem eigenen Motto deuteten sich schon an, als die anfängliche, gefährlich nah an der aktuellen Politik platzierte Formel «Von Athen lernen» unmerklich zum generelleren «Süden als Geisteszustand» mutierte. Irgendwann muss die MacherInnen der Mut zur konzentrierten Analyse eines dieser Ansätze verlassen haben. Und Athen steht plötzlich für alles, gegen das progressive «artsys» eben sind.

Doch wegen solcher Allgemeinplätze – dass Transfeministen und Antirassistinnen auf aller Welt gegen die «weisse, maskuline koloniale Herrschaft» (Preciado) ankämpfen – hätte der historische Kontextwechsel nach Südosteuropa nicht gewagt werden müssen. «Krisentourismus» ergibt das vielleicht nicht, wie Yanis Varoufakis, der ehemalige griechische Finanzminister, im Vorfeld geätzt hat. Doch die Stadt mit den Trümmern des antiken Symbols der Demokratie ist in diesem Szenario nicht viel mehr als die Kulisse für eine beliebige Politkunstbiennale. Konzeptionell und ästhetisch liegt die Latte für die Documenta aber höher.

Schuld an allem Übel

Dieser Unfähigkeit zur Fokussierung auch noch metaphysische Weihen zu erteilen, kommt einer Bankrotterklärung gleich. «Ich weiss, dass ich nichts weiss», zitierte die griechische Kuratorin Marina Fokidis zum Auftakt das Passepartout-Zitat des guten alten Sokrates. «Verlernen zu wissen, was wir glauben, ist ein guter Anfang», sekundierte ihr Chef Szymczyk. Das ist nicht nur unpolitisch – die «money-power relations» der «Athener Krise» sind schliesslich recherchierbar –, es ist auch unaufrichtig. Denn trotz der überraschenden Beschwörung des heilsamen Nichtwissens: Die Gewissheit, dass der Neoliberalismus schuld an allem Übel der letzten Jahre zwischen Athen und Washington ist, lässt sich die Documenta denn doch nicht nehmen.

«Von Athen lernen» will sie offenbar sowieso nicht sehr viel. Als Preciado vergangenen Herbst sein Auftaktprogramm «Exercises of Freedom» in einer Baracke in Athens Eleftherias-Park eröffnete, die schon der griechischen Obristenjunta als Gefängnis gedient hatte, kritisierten Opferverbände die Ortswahl und dass er keine ZeitzeugInnen um Rat gefragt hatte. Dazu kommt die symbolische Merkwürdigkeit, dass im KuratorInnenteam der Documenta Marina Fokidis, die einheimische Gründerin der experimentellen Kunsthalle Athena, die der Documenta sogar ihre Kunstzeitschrift «South» «ausgeliehen» hat, nur als «kuratorische Beraterin» fungiert.

Irgendwie war das Absperrband, das die TeilnehmerInnen des Empfangs von Athens Bürgermeister auf dem Platz vor dem Rathaus von den DemonstrantInnen trennte, die ein paar Meter weiter gegen die neuste Sparrunde demonstrierten, dann doch ziemlich symbolisch.

Ingo Arend | WOZ Nr. 15/2017 vom 13.04.2017

Bild: Adam Szymczyk | Author Haemmerli | Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Die Documenta 14 ist noch bis 16. Juli 2017 in Athen zu sehen.

Am 10. Juni 2017 eröffnet die Documenta in Kassel.

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