40 Tage in der Wüste (Regie: Rodrigo García)

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Und noch ein Jesus-Film. Ist im Kino nicht schon alles zu ihm, über ihn, erzählt worden, im Kino? Komisches gab‘s, Ehrfürchtiges, sogar Brutales. Vor allem: kitschiges.

Der aus Kolumbien stammende Autor und Regisseur Rodrigo García hat sich trotzdem an die Figur des Heilands gewagt. Und er überrascht in seinem in den USA produzierten Spielfilm damit, dass er sich beschränkt: Nicht das ganze Leben des Sohnes Gottes wird gespiegelt, keineswegs wird auf alle Aspekte von dessen Persönlichkeit geschaut. Rodrigo García konzentriert sich auf einen Ausschnitt: Die in der Bibel geschilderten 40 Tage, die Jesus fastend und betend in der Wüste verbracht hat, um sich selbst zu erkennen und um Gott zu erfahren. Natürlich sind für den Film Details erfunden worden, Episoden ausgedacht. Doch die Konzentration auf das Wenige des Innehaltens in einer Ausnahmesituation ist das Entscheidende. Und siehe da: Man wird gefesselt. Und mehr: Man beginnt, über sich selbst nachzudenken, nicht über Glaubensfragen an sich, sondern darüber, wie weit man sich in der Welt verankert meint.

Jesus (Ewan McGregor) wird gezeigt, wie er in die Wüste zieht, fast mürrisch anmutend. 40 Tage will er fasten, beten, hofft, dadurch Gott nahe zu sein, Kontakt mit ihm aufzunehmen zu können. Einsamkeit zur Erweiterung des Geistes. Was nicht mal eben schnell-schnell klappt. So sind es denn auch Begegnungen mit anderen, die entscheidende Auswirkungen haben. Da ist erst einmal der ebenfalls von Ewan McGregor gespielte Teufel. Er gurrt, er lockt, er will mit gleißenden Worten das Vertrauen von Jesus in das Göttliche zerbrechen. Noch wichtiger ist das Zusammentreffen mit einer Familie: Mutter (Ayelet Zurer), Vater (Ciarán Hinds) und Sohn (Tye Sheridan). Die drei durchleben eine schwere Zeit, ist die Mutter doch todkrank, will der Sohn in die weite Welt hinaus, der Vater scheint ratlos. Jesus will helfen. Worin der Teufel eine Chance sieht, ihn zu Fall zu bringen. Ist da nicht Eitelkeit im Spiel? Drängt Jesus den Fremden nicht seine Weltsicht auf? Der Teufel provoziert Jesus, wenn er behauptet, dessen Vater liebe ihn nicht, er liebe nur sich selbst, was er auch Jesus unterstellt. Und der Film tut gut daran, sich nicht auf die Seite seines Protagonisten zu schlagen, ihn nicht mit Pathos zu verteidigen.

Gezeigt wird ein Mann, der unsicher ist, von Zweifeln geplagt, von Hoffnungen getriebenen, von Ängsten verwirrten. Alles Äußerliche dient allein dazu, in sein Inneres zu schauen. Ewan McGregor erweist sich dabei als geradezu idealer Interpret. Vor allem darauf angewiesen, sich mit Mimik und Gestik auszudrücken, porträtiert er den Erlöser als fehlbaren Charakter, als Zauderer, aber auch als Weisen, als Menschen, der Geduld aufbringen kann, wo nötig, der aber auch zupackt, wenn erforderlich. Das hat nichts Entrücktes, erst recht nichts Predigendes. Jesus ist ein Kerl, nicht immer wirklich sympathisch in seiner bis zur Verbohrtheit gehenden Strenge mit sich und anderen, aber zugleich begreifbar als Einer, der nicht aus Selbstsucht handelt, sondern wirklich in dem Bestreben, eine bessere Welt für alle zu schaffen. Da ist es ein kluger Schachzug, den Schauspieler auch als Teufel agieren zu lassen, die Kraft, die, wie es in Goethes „Faust“ heißt, stets das Böse will und stets das Gute schafft. Besonders beeindruckend sind jene zutiefst menschlich anmutenden Momente, wenn sich Jesus beschämt und erschrocken eingestehen muss, dass seine liebevoll gemeinten Worte der sterbenden Mutter nichts nutzen, ihr und ihrer Familie keine Hilfe sind, nicht einmal tröstlich. Begriffe wie Demut und Scham werden nicht strapaziert. Doch sie geben den Ton an.

Die schöne Ruhe des Erzählrhythmus‘ zwingt zu Aufmerksamkeit. Dabei kommt den Bildern des bereits mehrfach mit einem „Oscar“ ausgezeichneten Kameramanns Emmanuel Lubezki („Gravity“) eine besondere Bedeutung zu. Klug hat er die Ödnis außerhalb Jerusalems eigefangen. Nichts da mit Postkartenidylle. So offen die Bilder sind, so weit, so genau spiegeln sie die düstere Enge des menschlichen Daseins. Das bringt einen als Zuschauer sehr nah an die Figur des Jesu.

Manche Kritiker können dem fast meditativ anmutenden Film nichts abgewinnen. Zu karg, meinen sie, zu ereignislos, gar von Leere ist zu lesen, davon, dass Jesus hier nichts anderes sei als eine farblose Erscheinung in braunem Tuch, sinnlos durch die staubige Felswüste stapfend. Tatsächlich braucht der Film die Lust an der Hingabe, am stillen Genuss, am Auf- und Nachspüren von Gedanken. Mag sein, dass da auch Verleiher zurückschrecken. Es hat erstaunlich lange gedauert, ehe der Film nun endlich den Weg in die deutschen Kinos gefunden hat. Klar: Das ist keine Kost für Actionfans, die es gewohnt sind, jede Botschaft hübsch verpackt serviert zu bekommen. Aber es muss doch nicht immer Fast Food sein!

Peter Claus

Bilder: © Tiberius

40 Tage in der Wüste, von Rodrigo García (USA 2015)

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