Le Mans, 24 Stunden, 1 Tag, un jour, toujours, immerzu Raserei, wie Kinderkarussell, nur viel schneller

“24h von Le Mans“, ein, Fans sagen, das Rennen von Sportwagen. Le Mans, eine, Fans sagen, die Rennstrecke, gelegen im französischen Departement Sarthe vor Paris. Le Mans, ein, Fans sagen, der Film, mit Steve McQueen, dem King of Cool, 109 Minuten, nebst neuer Doku, „Steve McQueen – The Man & Le Mans“ (102 Minuten, erstmals in Cannes 2015). Le Mans, 24 Stunden, 1 Tag, un jour, toujours, immerzu Raserei, wie Kinderkarussell, nur viel schneller. Zum Spaß spielen, franz. jouer, die extremsten Rennautos der Welt auf der 13,6 Kilometer langen Piste Fangerlenz im Kreis herum. Wer auch nur 1mm außerhalb, fußballerisch gesprochen abseits des PS-Spektakels lebt – die Fans werden sagen, umsonst gelebt – fasst sich an den Kopf. Hat die Welt nix Besseres zu tun, als in dieser Materialschlacht Benzin zu verbrennen, voll Lärm die Luft zu verpesten und Tote zu riskieren? Bei diesem zu 9 Läufen der FIA-Langstreckenweltmeisterschaft zählenden Rennen sind 1955 mal eben 83 Zuschauer zu Tode gekommen, als ein Bolide vom Kurs abkam.

Ja, diese Asphaltpiste, Geraden, Kurven, Passagen, Boxen, Boxengasse, Boxenluder nicht vergessen, eine himmlische Hölle aus Asphalt, Sound, Slicks, Curps, Grip, Drive, Speed und Adrenalin. Legendär die Streckenabschnitte: Dunlop-Schikane, Esses, Tertre Rouge, Mulsanne Arnage und 5 Kilometer, fünf!, g’radaus’ die Hunaudières bolzen, einst mit 400 Sachen, nun entschärft, kastriert sagen die Fans, auf 320 km/h slow motion. Auch so brauchen die Asphaltorgeln 3 Minuten 20, macht Schnitt 250. (Auf der BAB von Nürnberg nach München können es derzeit für 160 Kilometer gern 3 Stündchen sein, Schnitt 50). 24 Stunden live, auch im Fernsehen. Allein: auf Porsche, Toyota, Ford, Chevrolet, Ligier, Morgan, mit 500, 600 PS oder 1000 Nm wie AUDIs Diesel ausweglos im Kreis fahren, was soll das?

Ein Gleichnis für das Leben als einer Wettkampfbahn – so schon der Apostel Paulus – in einer ausweglosen Immanenz? Eine Gaudi, Kirmes, Zirkus, ein fossiler Potlatch, jene Orgie der Verschwendung, der hemmungslosen Ekstase, um zu zeigen, dass man sich alles leisten kann, souverän, heroisch? Ja, für die PS-Gläubigen innerhalb des Events sind die Piloten Helden. Doch wer sind die Gegner? Andere Piloten? Die Widerstände von Raum und Zeit? Der Tod, Tempo als Flucht, Trost, Revolte? Oder ist’s ein antikes Duell im Theater Agon, wer gewinnt, geht durch die Heilstür, wer verliert, durch die Unheilstür in den Tod? Georges Bataille, in Paris zuhause, hatte seine eigene Idee: komplexe Gesellschaften würden ihren Überschuss, ihren Speck verbraten in Almosen, Spielen oder Krieg. Terror, wo Brot und Spiele fehlen? Es scheint, so ein Theater Agon könne den Menschen, das animal rationale, das Vernunft begabte Tier, zivilisieren, zum Bravsein dressieren, und zwar durch Spaltung: das Rationale verdinglicht sich instrumentell, feiert sich in der technischen Konstruktion, im Artefakt. Das Tierische sediert sich in Rostbratwurst und Bier. So sind wir, motorisch bewegungsverstärkt und zugleich notorische Zuschauer: intensiv fokussiert. Und damit der ökologische Frevel nicht so obszön gen Himmel schreit, sind die Sprit-, Öl- und Stoffverbräuche limitiert. Soviel zur Nachhaltigkeit. „Ein Sportauto ist schöner als die Nike von Samothrake“ – in Le Mans gilt Marinettis Futuristisches Manifest von 1909 (Le Figaro, Paris) noch. Für die Konzerne sind die geflügelten Projektile auf 4 Gummiwalzen Labors für die Serie. Le Mans, ein Hochamt der alten Mania, eine Andacht der Göttin Velocità. Ob Frauen am Start waren? Rasen ist ein Gegenmodell zum betreuten Sofa. Le Mans 2016 verlief friedlich. Sind wir noch zu retten?

Jochen Wagner

Bild oben: © Studio / Produzent – Steve McQueen: The Man & Le Mans von John McKenna

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