Aschewolken

Unvorhergesehene Störungen der Routine

Viel Unsinn könnte vermieden werden, wenn die Menschen, anstatt immer woanders hinzuwollen, einfach da blieben, wo sie schon sind. Zumal es an den Zielorten häufig gar nicht so anders aussieht, als da, wo sie herkommen. Insofern ist es zu begrüßen, wenn Flugzeuge mal für ein paar Stunden oder Tage am Boden bleiben müssen – einfach deshalb, weil die allgemeine Fortbewegungsroutine im internationalen Luftraum damit eine kleine Besinnungspause erfährt. Denen, die dann auf Flughäfen herumirren, ins Wartedelirium verfallen und das überhaupt nicht lustig finden, lässt sich zurufen: Wärt ihr vertrauensvoll zu Hause geblieben, wäre euch das nicht passiert! Zugegeben, das ist gemein und ein bisschen schadenfroh. Aber vom ökologischen Standpunkt aus ist die besinnungslose Dauerfliegerei ja noch viel gemeiner – und keiner soll sagen, er kompensiere das, indem er pro tausend Flugkilometer für ein zartes Niembäumchen in der Sahara spende. Ein einziger Tag mit Flugverboten leistet mehr für die Umwelt als jedes einzelne Windrad und jeder frisch gepflanzte Baum für die nächsten hundert Jahre.

Also. Wir sollten den isländischen Vulkanen dankbar sein. Sie haben sich offenbar vorgenommen, ab sofort einmal jährlich ihren Klimaschutz-Tribut von den rastlosen Reisenden einzufordern. Wie leicht es geht, den Flugverkehr lahm zu legen, das hätten sie wohl auch nicht vermutet, sonst hätten sie schon früher damit begonnen, ihre Aschewolken auszustoßen. Seltsam ist es aber schon, dass der Luftschutz gewissermaßen aus den Tiefen der Erde erfolgt, dass erst das Innerste nach außen gekehrt werden muss, um so etwas wie eine kleine Störung zu produzieren. Island mit all seinen Feen und Elfen, Mythen und Geheimnissen ist allerdings ein günstiger Ort für diese Umschichtung. Schon Jules Vernes hat in seiner „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ einen isländischen Vulkan zum Ausgangspunkt gemacht. Namen wie Eyjafjallajökull oder Grimsvötn klingen so, als hätten wir schon etwas begriffen, wenn wir sie nur aussprechen können.

Im Grunde geht es immer um das selbe: Der Mensch hat die Technik erfunden, um mit ihrer Hilfe die Natur und die Grenzen von Raum und Zeit zu überwinden. Zweifellos hat er dabei von Jahrhundert zu Jahrhundert enorme Fortschritte gemacht und erreicht immer schneller immer fernere Ziele. Jules Verne brauchte noch 80 Tage um die Erde. Und dann sitzt der Mensch doch wieder nur in einer dieser schrecklichen neuzeitlichen Wartehallen herum. Lohnt dafür all der Aufwand der Geschichte? Ein bisschen Vulkanasche, und schon geht gar nichts mehr? Was für eine Kränkung für die menschliche Gattung. Am Ende siegt eben doch die Natur. Mal grausam und rücksichtslos wie beim Erdbeben in Japan, mal spielerisch und nur zur Mahnung, wie im Aschehimmel über Europa.

Text: Jörg Magenau

rbb Kulturradio (26.05.2011)

Bild: Explosion near summit of West Mata volcano throws ash and rock. Molten lava glows below. Image is about six feet across in an eruptive area about 100 yards that runs along the summit. Urheber: National Science Foundation


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