Die Demokratisierung der Intellektuellen-Rolle

Jean-François Lyotard, Fotografie von Bracha Lichtenberg Ettinge.

Jean-François Lyotard hat schon 1983 verkündet: Niemand darf sich heute noch einen Intellektuellen nennen. Zu kompromittiert seien die großen Ideen, in deren Namen man in eine solche Rolle schlüpfen könnte. Die Moderne und ihre Emanzipationsversprechen gelten dem ehemaligen Marxisten als gescheitert. Doch nur im Bezug aufs Universelle kann der Intellektuelle seine Einmischung rechtfertigen: „Man kann nur dann ein Intellektueller sein, ohne der Ehre verlustig zu gehen, wenn das Unrecht nicht geteilt ist, wenn die Opfer und die Henker unentschuldbar sind, wenn in der Welt der Namen, die unsere Geschichte ist, wenigstens einige Namen ohne Makel, reinen Ideen gleich, erglänzen“.

Heute wird die Diagnose vom Verschwinden des engagierten Geistesarbeiters oftmals selbst von jenen geteilt, die mit Lyotards postmodernem Credo wenig anfangen können. Die Intellektuellen scheinen ihren Platz im öffentlichen Leben verloren zu haben. Vermisst werden die Wissenschaftler, die im Namen universeller Werte das Recht der Schwächeren verteidigen. Gesucht werden die Künstler, die eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft spüren. Und wo es sie noch gibt, so die Klage, bleiben die Intellektuellen zur Wirkungslosigkeit verdammt. In einer schnelllebigen Medienwelt würden ihre Interventionen im allgemeinen Rauschen verhallen, meint etwa Jürgen Habermas. Internet und Fernsehen böten zu wenig Raum für sorgfältig gewogene Worte und grundsätzliche Reflektionen. Auch Dietz Bering bilanziert in seinem soeben veröffentlichten, materialreichen Werk über Die Epoche der Intellektuellen (Berlin University Press) den Niedergang dieser Sozialfigur. Ein „Neuanfang“ für den Intellektuellen bleibt für Bering wünschenswert, aber offen.

Bedarf es wirklich eines Neubeginns? Begegnen uns die Intellektuellen nicht regelmäßig in allen Medien? Die Stellungnahmen eines keynesianischen Ökonomen wie Joseph Stiglitz erreichen ein globales Publikum. Engagierter als Arundhati Roy kann eine Schriftstellerin kaum sein. Und die kulturkämpferischen Behauptungen Samuel Huntingtons scheinen den Tod ihres Schöpfers auf lange überdauern zu wollen.

Es dürfte also weniger das angebliche Verschwinden des Intellektuellen sein, das ein Verlustempfinden nährt. Viel eher inspiriert sein tatsächlich verändertes Auftreten manche Beobachter zu Nachrufen. Woran aber bemisst sich dieser Wandel? Welches Ideal soll erreicht werden? Pessimistisch gestimmte Analytiker wie Bering orientieren sich meist, wenn auch zuweilen implizit, am Beispiel Jean-Paul Sartres. Der Vordenker des Existentialismus war omnipräsent, nie um eine Stellungnahme verlegen und verfügte über ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein. Gemessen an ihm müssen die meisten heutigen Intellektuellen wie kleine Lichter erscheinen. Nicht nur deshalb taugt Sartre kaum als Referenz für die engagierten Geistesarbeiter der Gegenwart. Viele Intellektuelle agieren bewusst viel zurückgenommener als der französische Philosoph – und demokratisieren damit ihre gesellschaftliche Rolle.

Jean-Paul Sartre um 1950 (Quelle: Archivo del diario Clarín. Fotografía publicada en 1983 en la revista dominical del periodico ilustrando un artículo sobre el poeta, en Buenos Aires, Argentina)

Zweifellos verkörpert Sartre in der Nachkriegszeit den Prototyp des Intellektuellen schlechthin. Er streitet nach 1945 nicht nur für die engagierte Literatur, er erhebt die politische Parteinahme des Geistesarbeiters regelrecht zur Pflicht. Ein Intellektueller ist, wer sich in Dinge einmischt, die ihn scheinbar nichts angehen. Damit überzeugt Sartre seine Zeitgenossen. Schließlich haben viele Literaten während der deutschen Besatzung Partei ergriffen – für die Résistance oder für die Kollaborateure in Vichy. Sartres ethischer Imperativ – erhebe deine Stimme! – fällt auch außerhalb Frankreichs auf fruchtbaren Boden. Nach den Schrecken von Weltkrieg und Holocaust darf der Schriftsteller nicht in die Ruhe seines Arbeitszimmers flüchten. Er muss die öffentliche Bühne suchen und damit ein Intellektueller werden. Pointiert formuliert Sartre dieses Credo 1946 in einer Rede zur Gründung der UNESCO: „Schweigen ist auch ein Wort… Schweigen ist ein Modus der Verbindung der Wörter, und es bezeichnet etwas. Schweigen heißt immer noch sprechen; von einem Stummen sagt man nicht, dass er schweigt.“

Sartre geht noch weiter. Der Intellektuelle soll für den historischen Fortschritt Partei nehmen und dabei in eine Avantgarderolle schlüpfen. Er soll im Namen der Arbeiter und Bauern das Wort ergreifen, auf ihre Lage aufmerksam machen und sie zugleich aufklären: „Er muss von den anderen sprechen, er muss für sie sprechen und sich an sie richten.“

Einige Jahre behält dieses Postulat seine Gültigkeit. Dann kommt der Mai 1968 und erschüttert die traditionellen Autoritäten, inklusive der etablierten Linken. Von diesem Impuls bleibt auch der Avantgarde-Intellektuelle nicht verschont, wie Sartre schmerzlich erfahren muss. Der Philosoph sympathisiert mit der Revolte, und gerne nimmt er die Einladung an, auf einer Protestveranstaltung gegen Zwangsexmatrikulationen zu sprechen. Doch kaum steht er hinter dem Rednerpult, als ihm ein Zettel zugeschoben wird: „Sartre, fass Dich kurz!“

Seine jüngeren Kollegen teilen diese anti-autoritäre Haltung und distanzieren sich schrittweise vom Sartre’schen Modell. Sie sehen im Intellektuellen keinen erleuchteten Vordenker mehr, sondern eher einen informierten Mistreiter. Gilles Deleuze sagt, es sei „unwürdig“, für andere zu sprechen, Michel Foucault will „Schluss machen mit den Wortführern“. Er ergänzt: „Ich bin der Ansicht, dass die Rolle des Intellektuellen heute nicht darin besteht, das Gesetz zu machen, Lösungen vorzuschlagen, zu prophezeien; denn in dieser Funktion trägt er zwangsläufig dazu bei, eine bestimmte Machtsituation zu zementieren, die meines Erachtens kritisiert werden muss“. Der Intellektuelle soll den Anspruch aufgeben, auf jedes politische Problem die Antwort zu wissen und stattdessen dort aktiv werden, wo er lebt und arbeitet. Auch wenn Foucaults eigene Praxis diesem Appell zuweilen nicht entspricht, spielen solche engagierte Experten eine wichtige Rolle in den sozialen Bewegungen der folgenden Jahre.

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Ein Intellektueller ist, wer sich in Dinge

einmischt, die ihn scheinbar nichts angehen.

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Dem Ruf nach mehr Bescheidenheit haftet nichts Defensives an. Foucault etwa will keine Politikberatung leisten. Ihm schwebt ein neuer Typus des radikalen Intellektuellen vor. Gleichzeitig weiß Foucault: Wie oppositionell ein Intellektueller auch sein mag, er verfügt doch über Macht. Mehr noch: Der Intellektuelle gehört zwangsläufig zu den Eliten, so die soziologische Analyse Pierre Bourdieus. Wer in dieser Gesellschaft als Intellektueller gelten will, muss zuvor Bildungstitel erwerben oder sich eine Reputation erarbeiten, ob als Wissenschaftler oder als Künstler. Kurz, er engagiert sich von einer privilegierten Position aus. Er ist in den Worten Bourdieus „Beherrschter unter Herrschenden“. Das, fordern Foucault und Bourdieu, muss der Intellektuelle reflektieren. Er soll die Sprecherrolle zurückweisen, sich weder für den Chefstrategen halten, noch behaupten, die einzige Wahrheit zu kennen.

Diese Zurückhaltung ist im Kern demokratisch. Sie baut auf die Klugheit der Mitmenschen und auf deren Fähigkeit, das für sie Richtige zu erkennen. Eine solche bescheidenere, beratende Rolle nimmt heute etwa Naomi Klein ein. So sehr die Star-Autorin in ihren Büchern die großen Zusammenhänge liebt, so wenig sieht sie sich als strategischen Kopf der globalen Protestbewegungen. Schon 2001 appellierte sie in der New Left Review: „Wir sollten Vertrauen in die Fähigkeit der Menschen aufbringen, über sich selbst zu bestimmen und die für sie besten Entscheidungen zu treffen. Wir sollten im Angesicht von so viel Arroganz und Paternalismus etwas Bescheidenheit zeigen“.

Daher gibt Klein in Interviews, zum Unwillen manches Journalisten, keine Patentrezepte aus. Im Gespräch mit einer Hamburger Wochenzeitung etwa sagte sie vor einigen Jahren: „Ich kann höchstens gegen Einmischungen argumentieren und für mehr Raum, damit die Leute ihre eigenen Lösungen entwickeln können… Mein ganzes Buch (Die Schock Strategie) dreht sich darum, dass es stets Alternativen gegeben hätte. In der polnischen Solidarnosc-Bewegung, im African National Congress und so weiter. Darüber zu lesen ist viel interessanter als ein Buch von Naomi Klein, wie sie Lateinamerikas Volkswirtschaften reparieren würde“.

Klein entstammt einer Generation, die von der Bildungsexpansion der sechziger Jahre geprägt worden ist. Heute privilegieren akademische Titel zwar nach wie vor, heben ihre Träger aber nicht mehr derart heraus wie zu Sartres Zeiten. Anders gesagt: Mehr Menschen erreichen mit dem Universitätsabschluss eine Grundlage, um in dieser Gesellschaft potenziell als Intellektuelle auftreten zu können.

Was bedeutet es, die Intellektuellenrolle zu demokratisieren? Lauert da nicht ein Widerspruch in sich, und damit eine gefährliche Illusion? Schließlich können sich die Intellektuellen ihr Mandat nur selbst verleihen. Sie intervenieren, wenn sie es für richtig halten. Überdies dürfen sie weder auf institutionelle Abläufe noch auf Mehrheitsmeinungen verpflichtet werden. Ihre Bedeutung bemisst sich gerade daran – in diesem Punkt hat Sartre Recht –, auch dann zu widersprechen, wenn keiner sonst es tut. Weder ein Gerichtsentscheid noch der verbreitete Antisemitismus konnten Émile Zola von seinem Engagement für den Hauptmann Dreyfus abhalten.

Die zentrale und seit 1968 immer wieder gestellte Frage lautet: Wie gestalten die Intellektuellen ihre Einmischung? Wollen sie Vordenker, Chefstrategen oder Propheten sein? Oder sehen sie sich als Engagierte unter anderen, als Aktivisten mit Reputation? Entscheiden sie sich für die zweite Variante, verzichten die Intellektuellen freiwillig auf einen Teil ihrer Autorität – und tragen damit zur Demokratisierung gesellschaftlicher Verhältnisse bei.

Text: Steffen Vogel

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