Bürgersteigaufstand im Berliner Prenzlauer Berg

This is not a love song – Zoff auf der „Casting“ Allee

Schon Monate vor dem wie immer völlig unerwarteten Schneetreiben des Winters ruhen die Bauarbeiten in der Oderberger Straße, als hätten die Untergangspropheten der Globalen Erwärmung Bagger und Presslufthämmer auf den Index der Co2-Sünder Baustopp gesetzt. Obwohl früher auch bei Minusgraden  noch ausgeschachtet wurde, pausiert nun aus Protest gegen atypische Wetterphänome die Arbeit. Oder ist es Ratlosigkeit angesichts der Realität, die wetterideologisch nicht mehr ins Konzept passen. In der DDR hieß es im Volksmund: die vier Hauptfeinde des Sozialismus – Frühling, Sommer, Herbst und Winter. In Zeiten des von Energielobbyisten (um die Kosten des Umbaus fossiler auf alternative Energiequellen auf die Verbraucher abzuwälzen) erfundenen, von gekauften Experten analysierten und von Politikern propagierten Treibhauseffektes, ist der Schneemann, von lachenden Kindern gebaut, der Hauptfeind, den es, dialektisch betrachtet, nicht mehr geben dürfte. Deshalb erwägt Herr Kirchner, grüner Stadtrat für Öffentliche Ordnung und Tiefbau von Pankow ein Verbot dieser Götzen des Kalten Krieges bzw. bei Zuwiderhandlung ein saftiges Bußgeld. Denn schließlich muß bei anhaltender Kälte der zu Beton gefrorene Schnee vom städtischen Räumdienst entsorgt werden.

Nach jahrelangem Streit um die kosmetische Operation der Oderberger Straße nach Kirchners postsozialistischem Schönheitsideal gegen das East-Village-Ambiente der meist jungen Bewohner demonstrieren seit letzten Freitag die Anwohner der Kastanienallee gegen die Stuttgardisierung ihrer Flaniermeile zum gebührenpflichtigen Parkraum. „Schickt den Kirchner aufs Dorf!“ skandieren Berufsprotestler aus Kreuzberg und wissen nicht, dass ihr Hassobjekt 2011 das Bürgermeisteramt anstrebt. Bis dahin will er als Mitglied der grünen Protestpartei noch sein Sanierungskonzept ‚Prenzlauer Berg 21’ unumkehrbar machen. Zwar redet er davon, dass Politik ein Kompromissgeschäft ist, meint aber nicht die Mitsprache der Betroffenen, hält, wie es scheint, Demokratie von unten für Populismus. Dr. Motte hält mit Beats aus der Love-Parade-Mottenkiste dagegen und gutbürgerliche Besserverdienende drohen, ab jetzt Gelb statt Grün zu wählen. Was für ein Weihnachtsmarkt der Unbesinnlichkeit und Politikverdrossenheit! Der durch Migration In-Vitro-Fertilizierter Mütterlichkeit inzwischen langweiligste Kietz Berlins, wo nach dem Sandmännchen die Bürgersteige hochgeklappt werden, findet zurück zu seinem DDR-Nimbus als Ort des Unmuts. Die Kastanienallee leistete lange Widerstand gegen Ordnungswahn und Abkassierung des öffentlichen Raums im Namen desselben. Doch seit Einführung der Parkraumbewirtschaftung sind die grinsenden Visagen der Models für Arbeitskleidung vom Label ‚Ordnungsamt’ in der Überzahl. Bei jedem Wind und Wetter verteilen sie ihre Strafzettel, am liebsten fünf nach Neun morgens und kurz vor Mitternacht. Sind die parkenden Autos unterm Schnee kaum noch auszumachen, kratzen sie die Windschutzscheiben frei, was nach dem Gesetz wegen drohender Sachbeschädigung verboten ist. Aber die Berufsverbieter setzen sich über die Verbote hinweg, die ihresgleichen aus purer Langeweile am Schreibtisch erdenken. Um schnell dorthin zu gelangen, wo es warm und gemütlich ist, überbieten sich die ordnungsamtlichen Trebegänger mit Gebührenquoten. Und die Fahrzeughalter freuen sich auch noch, dass sie nun leichter einen Parkplatz vorm Haus finden, weil weniger Schöneberger mit dem eigenen Auto zum Dauer-Brunchen kommen. Sind wir denn alle noch bei Trost? Murrend aber untätig nehmen wir hin, dass der Staat bzw. seine rentenversicherten Büttel sich in alles einmischt, was auch so in einer preussischen Zivilgesellschaft wie Berlin durch ‚leben und leben lassen’ funktioniert. Leute, wie Jens-Holger Kirchner, den seine Freunde Nilson (das bunte Pferd aus Bullerbü?) nennen, glauben scheinbar, dass die Bürger sie wählen, um von ihnen bevormundet und erzogen zu werden. Das hatten wir schon in der DDR von Erich Honecker, als Jens-Holger noch gelernter Tischler und Erzieher war. Die Bewohner der Kastanienallee, auch „Casting“ Allee genannt wegen der zur Schau getragenen Starallüren dortiger Asphaltblüten, könnten der Karriere des kommenden Bürgermeisters ernsthaft schaden. Denn die eher unscheinbaren, zwischen Traurigkeit und Zorn schwer zu genießenden Stammkunden des LPG-Biokaufhauses folgen jedem Trend wie die Kinder dem Rattenfänger von Hameln. Seit letztem Sommer trägt man gelbe Plakate mit rotem Querstrich über den Lettern ‚Stuttgart 21’. Auf der Demo am Freitag sah man Plakate mit der Cover-Version des Sommerhits mit dem Titel ‚Stoppt Kastanienallee 21’. Und einige Hunde, die den Griff ihrer Leine im Maul trugen. Die Besitzer meinten zu den grünen Ordnungshütern mit Helm und Schlagstock: „Mein Hund ist, wie vorgeschrieben, angeleint.“

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DER BERLINER PRENZLAUER BERG WIRD NICHT AM

HINDUKUSCH VERTEIDIGT, SONDERN AUF DER KASTANIENALLEE

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Deshalb mag ich Berlin, hier trieb man stets Schabernack mit den Schutzmännern, missachtete Verbote, die nur zur Belebung der Stadtkasse erfunden wurden, und kümmerte sich ansonsten nicht um Politik. Die Nazis und die Kommunisten hatten es nicht leicht, in Berlin ihre Macht zu etablieren. Die diktatorischen Demokraten wären lieber in Bonn geblieben, aber wir haben sie herkommen lassen und müssen jetzt dafür bezahlen, dass sie aus der einst interessantesten Stadt Europas (Erich Kästner) ein linksrheinisches Dorf mit weinstubenseliger Biedermeier-Idylle machen. Kleinbürger, ob Ost oder West können es nicht ertragen, dass die Welt anders tickt als sie selbst. Darum sorgen sie dafür, wenn sie die Macht haben, dass die polyglotte Grosstadt wie eine monokulturelle Gartenkolonie aussieht.

Ich bin kein politischer Aktivist, aber was zuviel ist, ist zuviel. Also werde auch ich Samstags mit meinem leinenlosen Hund zur Kastanienallee pilgern, um das traditionell unregierbare Berlin vor seinen selbstermächtigten Hassern zu verteidigen. Die Zeit für ironische Kommentare im bürgerlichen Feuilleton ist vorbei, auch Journalisten sind Bürger dieser Stadt und haben Reflexe.

Vorwärts mit Angst! Der Feind im eigenen Haus erspart das Verteidigungsministerium und die Geheimdienste. Der Prenzlauer Berg wird nicht am Hindukusch verteidigt, sondern auf der Kastanienallee.

Text: Thomas Knauf

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