Vom Raum zwischen den Zeiten

Leerstand

Nichts bleibt, alles ist möglich!

Eine Kulturgeschichte der Zwischennutzung

von Tina Veihelmann

Redaktion Ingo Arend

Deutschlandradio Kultur

Zeitreisen, gesendet: Mittwoch, den 11.12.2013

 

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Bild: screenshot katerholzig.de

Fabriken werden zu Partyorten, Stadtbrachen zu urban gardening-Projekten, leere Ladengeschosse zu Ateliers. Wo Leerstand herrscht, entsteht oft etwas Neues. Wobei: Ganz neu ist das nicht. „Zwischennutzungen“, von denen derzeit viel die Rede ist, sind so alt wie die Welt.

 

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Deutschlandradio Kultur:

Vom Raum zwischen den Zeiten

alternativ: Nichts bleibt, alles ist möglich!

Eine Kulturgeschichte der Zwischennutzung

Deutschlandradio Kultur

Zeitreisen, Mittwoch, den 11.12.2013

Autorin: Tina Veihelmann

Redaktion: Ingo Arend

MUSIK 01 von Stefan Langfeld: „Out of Reach“ 

 

ATMO Feiernde im Hof des Clubs Kater Holzig 

Sprecher: Der Club „Kater Holzig“. Früher war es eine Seifenfabrik. Heute wird hier gefeiert.

MUSIK 01 von Stefan Langfeld: „Out of Reach“ 

Sprecher: Ein Fabrikhof, der sich zur Spree hin öffnet. Das Mauerwerk hat schon bessere Zeiten gesehen. Der Putz bröckelt. Dafür glitzert, spiegelt und leuchtet es überall. An Seilen hängen bunte Stoffwimpel, Spiegelscherben, schaukelnde Lampen.

Terrassen aus Planken, die an Treibholz erinnern. Feiernde. Trinken, lachen, winken den Spreeschiffen zu. Wenn das Ganze selbst ablegen würde, keinen würde es wundern. Und tatsächlich. Wo eben noch gefeiert wird, wird morgen gepackt. Der Kater Holzig – einer der angesagtesten Clubs von Berlin – war eine „Zwischennutzung“. Nur für drei Sommer durfte er die Fabrik bespielen. Ab Januar wird hier gebaut.

Man kennt das: Fabriken werden zeitweilig zu Partyorten, Stadtbrachen zu urban gardening-Projekten, leere Ladengeschosse zu Ateliers für Designer und Künstler. Wo Leerstand herrscht, entsteht etwas. Und es scheint en vogue zu sein. Reporte, Kongresse, ganze Forschungsprojekte erkunden sie: Die temporary uses und spaces. Ihre Chancen und Möglichkeiten. Den rätselhaften Charme der Vorläufigkeit.

MUSIK 01 von Stefan Langfeld: „Out of Reach“ 

Sprecherin: Aber ist das alles tatsächlich neu? Dagmar Thorau ist Professorin für historische Urbanistik an der TU Berlin. Und sie meint: Nein. Seit Menschen bauen, fallen Gebäude brach, werden wieder in Beschlag genommen und dienen vorübergehend anderen Zwecken:

O-Ton 01 Dagmar Thorau: Das sind, allgemein gesprochen, Phänomene von Krisenzeiten. Nehmen Sie Rom im Mittelalter. Einst stolze Hauptstadt des Imperiums, entwickelt sich die Stadt dann zu etwas, das wir heute shrinking city nennen würden. Eine ehemalige Millionenstadt dümpelt jetzt mit wenigen 100 Bewohnern vor sich hin. Nur noch einige Hügel sind überhaupt bewohnt – aber es stehen noch die alten Gebäude dort. Und es bietet sich an, die zu nutzen, weil man ja gar nicht in der Lage war, aus den beschränkten Mitteln, über die man jetzt verfügte, etwas vergleichbares neu zu errichten. (38 sek) 

Sprecher: In der Stadt Rom zum Beispiel wird im 11. Jhdt. das Kolosseum in eine Festung verwandelt. Die Frangipani, eine der räuberischen Adelsfamilien, die Rom jetzt beherrschen, kontrollieren von hier aus die Stadt. Wo früher die Zuschauer jubelten, wird jetzt gewohnt, werden Waffen gelagert. Aber auch andere antike Prunkbauten des Imperiums werden kurzerhand umfunktioniert:

O-Ton 02 Dagmar Thorau: Denken Sie an die wunderbaren Amphitheater in der römischen Gallia Narbonensis in der heutigen französischen Provence Arles und Nimes. Herrliche, stolze, riesige Bauten – die natürlich nach dem Untergang des Imperium Romanum brach gefallen sind, im Mittelalter aber eine neue Funktion zugewiesen bekommen haben, indem man sie als Schutzräume, als Städte in der Stadt nutzte, und im weiten, leeren Rund der Arena dann hunderte von Häusern errichtet hat, die dann zum Teil bis zu 200 Personen Schutz geboten haben, die da teilweise unter unvorstellbar schlechten Bedingungen hausten. (45 sek) 

Sprecherin: Sie sind Kinder von Umbrüchen, Systemwechseln oder Krisen – die temporary uses vergangener Zeiten. Wenn die Hüllen des Vergangenen brach liegen, haben sie Hochkonjunktur. Wenn umgedeutet, wenn improvisiert werden muss.

Nach der französischen Revolution zum Beispiel wird der Louvre vom Schloss zum Museum. Entweihte Klöster werden zu Lazaretten, Kasernen, Universitäten und Schulen.

MUSIK 02 von Günther Neumann, Gesang Tatjana Sais „Man braucht zum Leben eine Menge Mut“ 

Sprecher: Voller Zwischennutzungen ist auch die deutsche Nachkriegszeit:

Im Berliner Tiergarten wird Gemüse angebaut. In Bunkern und ausgedienten Kasernen bringt man Flüchtlinge unter. Als 1946 die Rundfunkanstalt “Drahtfunk im amerikanischen Sektor”, DIAS, auf Sendung geht, wird die erste Sendung aus dem halbzerstörten Fernmeldeamt in Schöneberg ausgestrahlt:

ATMO: Ansprache des 1. Intendanten des DIAS an die Zuhörer der ersten Sendung im halbzerstörten Fernmeldeamt: 

„Da sind wir also, liebe Hörer … Im stehen gebliebenen Teil einer Ruine. Ein paar kahle, weniger als kahle Räume in eine komplette Radiostation zu verwandeln, das ist heute keine Kleinigkeit …“ (21 sek) 

Sprecherin: Zwischennutzungen sind so alt wie die Welt. Neu ist nur eins: Dass man über sie spricht. Denn so allgegenwärtig sie immer waren, die temporary uses vergangener Zeiten – Thema von Geschichtsschreibung waren sie nie. Warum auch? Schließlich ging es meistens um Notbehelfe. Um Vorläufiges, Flüchtiges, Zusammengebasteltes.

Heute ist temporary use ein It-Wort. Es klingt nach Avantgarde und Elektrosounds, nach neuem Wirtschaften, Biotomaten und Dachgärten. Was ist anders geworden?

Sprecher: Auch heute ist es ein Umbruch, in dessen Ruinen die Zwischennutzungen gedeihen. In Europa und Nordamerika geht das Industriezeitalter zu Ende. Seit Ende der 60er Jahre liegen Fabriken und alte Industriegebiete brach. Noch nie vorher standen auf einmal so viele und so große Gebäude leer: riesige Hallen, Werften, ganze Hafenanlagen.

MUSIK 03 von Tonsteine Scherben Family: „Rauch Haus Song“ 

Sprecherin: Die ersten, die sie bezogen, waren die Künstler. Wo früher Schlote rauchten, gründen ab den 70er Jahren junge Leute „Kulturfabriken“.

Manche werden besetzt – wie das „Stollwerck“ in Köln. Noch öfter verhandelt man – bis die Stadtväter die Gammelimmobilen zu günstigen Mieten überlassen. Die ersten Pioniere tragen das Haar noch lang und verfolgen Ideale der 68er Generation. Zwischen Freiburg und Hamburg spießen zwischen 1969 und Ende der 80er Jahre an die 100 Kulturzentren aus dem Boden, die sich „Ufa-Fabrik“, „Schokoladenfabrik“, oder „Kulturbrauerei“ nennen. In Namensgebung und Ästhetik knüpft man gern an Werktätigkeit und Maschinen an. Man mag Schrottkunst und schwere Eisenträger.

ATMO: Schrottkünstler bei der Arbeit 

Sprecher: Eins ist klar: Die Kulturfabrikanten wollen in ihren Häusern bleiben. Das Wort „Zwischennutzung“ gibt es noch nicht. „Zwischennutzer“ bleiben nur die, die keinen Mietvertrag bekommen – die geräumt werden. Die scheitern.

Sprecherin: Etwas nie da Gewesenes passiert in Deutschland 1989: Die Mauer fällt.

Ein ganzer Staat liegt brach. Eine ganzes Wirtschaftssystem ist Geschichte. Aus den Innenstädten Ostdeutschlands sind noch dazu massenhaft Menschen weggezogen. Allein im Bezirk Berlin Mitte stehen über 2.000 Wohnungen leer. Die Atmosphäre ist gespenstisch – oder faszinierend. So viel Leerstand auf einmal gab es wahrscheinlich noch nie.

ATMO: Fabrikruine 

Sprecherin: In den leeren Gehäusen Ostberlins sprießen in den Jahren nach 1989 inoffizielle Bars und Veranstaltungsorte wie Pilze aus dem Boden. Der verlassene Bezirk Mitte wird besetzt – oder vielleicht ist „besetzt“ das falsche Wort –, denn es gibt gar keinen Widerstand. Die Gebäude stehen offen, die jungen Leute brauchen einfach nur die Türen zu öffnen. Niemand fühlt sich zuständig – überhaupt sind für 80 Prozent der Gebäude die Besitzverhältnisse ungeklärt.

Es beginnt eine Zeit zwischen den Zeiten. Alles scheint möglich: Das Öffnen von Türen wird zum magischem Moment:

MUSIK 04 von Danielle de Picciotto „Nackte Hunde“ 

O-Ton 03 Danielle de Picciotto: Es gab so viele unglaublich tolle Orte in der Stadt, verlassene Tankstellen oder alte Gemäuer, so Tunnel, irgendwelche leeren Tunnel oder irgendwelche Dächer von eingefallenen Häusern.“ (13 sek) 

Sprecherin: erzählt Musikerin und Künstlerin Danielle de Picciotto.

Wie viele andere auch entdecken de Picciotto und ihre Freunde in diesen Tagen die Stadt. Finden Orte. Bespielen sie. Aus manchen werden Clubs – wie die Räume des E-Werks, die de Picciotto und DJ Motte bei einem Streifzug finden. Aber noch öfter ziehen die Veranstalter von Parties und Kunstevents von Ort zu Ort. Feiern, dekorieren aufwändig – mit Lichtprojektionen, alten Leuchtreklamen. Nur, um am Morgen danach alles wieder einzureißen.

O-Ton 04 Danielle de Picciotto: Wir hatten das Gefühl, als wenn die Häuser sich in einem Traumzustand befinden und wir ihnen einen kurzen Moment von Wiederbelebung geben – und dann war das Gebäude für eine Nacht plötzlich etwas anderes – ein Ballraum statt ein verlassener Tunnel, und danach war es dann wieder ein verlassener Tunnel. (18 sek) 

Sprecherin: Die pure Fülle an leerem Raum verführt regelrecht zu einer Kultur bewusster Flüchtigkeit:

O-Ton 05 Danielle de Picciotto: Was uns immer sehr wichtig war, war dass wir den Raum, wo wir diese Installationen oder Events oder Parties veranstaltet haben, genauso verlassen haben wie wir ihn gefunden hatten. Denn es ging uns nicht darum, irgendwas zu verändern, sondern es ging nur darum, in diesen Traum eintauchen zu können, ihn zu erleben, dieses Dornröschengefühl und dann wieder zu verschwinden. Also: Es hatte überhaupt nichts Zerstörendes an sich, aber auch nichts – Renovierendes. Es war nur: Diesen Ort möchten wir spüren, und dann sind wir wieder draußen. Das war so eine bestimmte Haltung, die uns wichtig war (46 sek) 

MUSIK 04 von Danielle de Picciotto „Nackte Hunde“ 

Sprecher: Die Ethnologin Anja Schwanhäußer hat sie untersucht – diese ersten „wahren Zwischennutzer“, wenn man so will: die ersten, die den leeren Raum nicht notgedrungen, sondern in voller Absicht nur auf Zeit bespielen. In „Kosmonauten des

Underground“ beschreibt sie den entstehenden Technounderground und seine Praxis des Driftens. Die Situationisten haben es vorweg genommen, das „Dérive“ – das Schweifen. Eine ganze Subkultur verschreibt sich dem Ziel, eine zweite Stadt in der Stadt zu kreieren. Eine bewegliche Stadt. Die mobilen „Partycollectives“ heißen zum Beispiel „Bar 25“ und ziehen wie Zirkuskaravanen von einem aufgelassenen Gelände zum nächsten. Selbst die Dekos spielen mit den Metaphern des Fahrens: Man mag Saloons. Lagerfeuer – und Bars in Gestalt von Wagen. Sogar Countrymusik wird zum Kult dieser Szene.

ATMO aus der Bar 25 

MUSIK 05 von Capey Cash „There was a Bar in Eastberlin“ 

Sprecherin: Etwa zehn Jahre lang währt dieser Zustand, in dem jede Brache der Stadt zum Freilufttheater, zur Skatebahn oder zur Strandbar mit Tangotanzboden wird. Die Freiflächen sind im Überfluss vorhanden. Selbst manch fahrendes Volk nutzt die Gunst der Stunde: Juval Diezinger vom Team der Bar 25 zum Beispiel entdeckt eines Tages seinen Platz an der Sonne hinter einem Bretterzaun. Hinter dem Zaun liegt das Ufer der Spree. Erst soll hier nur einen Abend lang eine Party steigen. Dann bleiben die Freunde – mit einem halbjährigen Pachtvertrag. Sie bauen erst Holzhütten, dann einen Club, dann einen Bootanlegesteg. Nach und nach entsteht ein Abenteuerspielplatz, der immer weiter wächst: Bis auch die Stadtverwaltung merkt:

O-Ton 06 Juval Diezinger (Bar25): „dass das eigentlich ein kleines Paradies ist. Die Technobude war ja nur acht mal 15 Meter, der Rest war Freifläche, die schön gestaltet war, wo man abhängen konnte, wo es ein Theater gab, wo es ein Spa gab, zum Saunieren. Wo man verschiedenste Arten von Sachen machen konnte. Das war schon auch ein Traum. (12 sek) 

MUSIK 05 von Capey Cash „There was a Bar in Eastberlin“ 

O-Ton 07 Juval Diezinger: Am Anfang war das ganz klar – ein halbes Jahr. Und dann war es aber so erfolgreich – und dann nochmal – und danach wussten wir: Das war das Leben, das wir immer wollten. (11 Sek) 

MUSIK 05 von Capey Cash „There was a Bar in Eastberlin“ 

Sprecherin: Der Platz an der Spree wird zum weltweit bekannten Paralleluniversum. In nur einem Jahr besuchen 100.000 Gäste den Mikrokosmos mit Flussbadestelle. Wo Kronleuchter in den Bäumen hängen – und der Tag 25 Stunden hat

ATMO Spree, Badende 

Sprecher: Das verarmte Berlin erlangt bald Weltruhm. Allerdings nicht für seine Gewerbegebiete – sondern für seine Zwischennutzungen: Von Rom bis nach Moskau kennt man die Eastside Gallery, den Tresor, die Prinzessinnengärten. Um den Erfolg zu ergründen, tritt die Forschung auf den Plan. „Urban Catalyst“ nennt sich eine Gruppe von Wissenschaftlern, Architekten. Ab 2001 startet sie ein mehrjähriges Forschungsprojekt: Sie sondieren Wien, London, Zagreb, Helsinki nach den Wunderelixieren, die in den Stadtbrachen gedeihen. Ihr Ausgangspunkt aber ist Berlin:

O-Ton 08a Klaus Overmeyer: Wir haben uns 2001 als Forschungsprojekt gegründet, um das informelle, die ungeplanten Aktivitäten in der Stadt zu erforschen, 

Sprecherin: sagt Stadtforscher Klaus Overmeyer.

O-Ton 08b Klaus Overmeyer: Wir hatten festgestellt, dass es zumindest in Berlin einen großen Widerspruch gab – zwischen großen Plänen für eine Stadt für 6 Millionen Einwohner, die aber nie umgesetzt wurden, und den vielen spontanen, informellen Kulturen der Stadt. Dazu zählten die vielen Clubs, die Musikszene, die Flohmärkte aber auch kleine Start Ups in leerstehenden Gebäuden. Und die hatten der Planung voraus, dass sie unmittelbar zur Stadtentwicklung beigetragen haben. Da sind sehr viele Nährböden für Innovationen entstanden. (51 sek) 

Sprecherin: Deshalb meint Klaus Overmeyer, dass man die Zwischennutzungen unbedingt fördern sollte: Als Stadtlabore.

O-Ton 09 Klaus Overmeyer: Wir denken, dass diese Zwischennutzungen viele Themen bewegen, die uns in der Zukunft sehr stark beschäftigen werden: Wie leben wir eigentlich zusammen? Wie bewegen wir uns in der Stadt? Woher kommt unsere Ernährung? Welche Wohnformen gibt es? Welche Arbeitsbiografien? All das sind Fragestellungen, die von Zwischennutzungen sehr intensiv und auf praktische Art experimentiert werden. (25 sek) 

Sprecher: Auch der Journalist Wolfgang Kil sieht im nomadischen Nischenbesiedeln Hoffnung:

Sprecherin: „An totgesagten Orten werden nicht nur neue Lebenszeichen gesetzt – sondern auch visionäre Ausblicke eröffnet, schreibt er in seinem Buch „Luxus der Leere“. Die „Raumpioniere“ wagten sich ins Unbekannte vor. Erprobten dort neue Formen des Lebens, des Wirtschaftens. Gewännen vielleicht neue Aussichten.

ATMO Kunstprojekt „Hotel Halle Neustadt“ 

Sprecherin: Zur selben Zeit beginnt man, die Techniken des temporären Bespielens gezielt anzuwenden. Im maroden Ostdeutschland – um verlassene Plattenbaugebiete zu beatmen:

O-TON 10 Wolfgang Kil: Da sind Architekten und Künstler in eine Situation hinein gekommen, die geradezu darauf wartete, dass sie wachgeküsst wird, begeistert sich Wolfgang Kil – eine Stadt, die ziemlich in die Krise gekommen war, Halle, Neustadt, das darf man nicht unterschätzen, in den Städten gibt es ja auch ein psychologisches Klima – und das war in Halle Neustadt ziemlich marode. Da haben dann ein paar sehr performativ begabte Leute sich dieses Gebäudes angenommen und haben mit der Jugendszene dieser Stadt (ein halbes Jahr lang) einen Teil des Hochhauses zu einem zwischenzunutzenden Hotel umgebaut, – das ist auch richtig als Hotel betrieben worden – von den Jugendlichen, die es vorher eingerichtet haben. 

Und während der Laufzeit dieses Projekts, das waren, glaube ich, 6 Wochen, fand in ebendiesem Stadtteil, in eben diesem Hotel ein Theaterfestival statt. Das heißt, Theaterleute haben diese Räume parallel bespielt und haben tatsächlich um dieses Haus herum einen riesengroßen Dauerzirkus aufgeführt – so dass man wirklich nicht das Gefühl hatte, man befindet sich in einer Plattenbaustadt! (62 sek) 

ATMO Kunstprojekt „Hotel Halle Neustadt“ 

Sprecherin: Das Büro „Raumlabor“, so nennen sich die performativen Architekten, lässt in diesen 6 Wochen im Jahr 2004 den Plattenbau in der Halle Neustadt zum Spielplatz der Möglichkeiten werden – BMX-Biker widmen das leere Treppenhaus zur Indoor-Rennstrecke um.

ATMO Kunstprojekt „Hotel Halle Neustadt

Sprecherin: So etwas gab es noch nie. Mountainbike fuhr man bisher draußen. Aus Sperrholztüren werden Designersessel. Aus leeren Fluren ein Labyrinth voller Überraschungen. Für einen Sommer ist Halle Schauplatz eines vielbeachteten Experiments.

ATMO Hafen 

Sprecher: Nicht nur Künstler und Forscher – auch Stadtverwaltungen interessieren sich ab den 2000er Jahren für Zwischennutzungen zum Urbarmachen von Land. Die Stadt Amsterdam will ein Brachland am Nordufer des Flusses Ij entwickeln. Große Schiffswerften gab es da. Jetzt gibt es nur Teer und Öl.

Die gewaltigste aller Industrieruinen – die NDSM-Werft – schreiben die Stadtväter kurzerhand als Wettbewerb aus: für temporary use – zunächst für 5 Jahre.

Ein schlauer Zug. Eine Gruppe früherer Hausbesetzer bewirbt sich: „Kinetik Noord“. Sie erhält den Zuschlag – und befreit die verseuchte Riesenhalle gratis von Schmutz und von Altlasten. Dazu legt sie ein Konzept vor, das von sich Reden macht: „De Stad als Casco“. Ein Manifest zur Umnutzung großer Hallen:

ATMO Halle der NDSM Werft 

O-Ton 12 Eva de Klerk, Projektgründerin: We published that Manifest: called „De Stad als Casco“, wich means: The City as a hull. You know: The hull is the the framework or scaffolding of a boat wich is going to be built. The framework gives the possibilities of flexible use. You can change the walls or the floors inbetween. And this was our idea, that it would be nice to build these superstructures and let the people build their own space within this structure! (40 Sek) 

Overvoice: Wir veröffentlichten dieses Manifest: „De Stad als Casco“. Das bedeutet so viel wie: Die Stadt als Gerüst. Wir meinen so etwas wie einen Rahmen oder ein Schiffsgerippe – dieses Skelett, wenn man ein Boot baut. Dieses Grundgerüst bietet die Möglichkeit zum flexiblen Gebrauch: Wände oder Böden kann man beliebig einsetzen oder herausnehmen. Unsere Idee war, dass die Leute in diesem Rahmen ihre eigenen Räume gestalten! 

ATMO Halle der NDSM Werft 

Sprecher: In das Gerüst hinein bauen Selbstbastler bald Container und Hütten aus Stahl, aus Rigips oder aus Pressspanplatten. Wer kommt, kann sie schnell aufbauen. Wer geht, kann sie zusammenklappen wie einen Werkzeugkoffer. Wie Starenkästen sehen sie aus – wie eine bunte Favelasiedlung.

Um Paradiesvögel anzulocken, fördert die Stadt die Mieten der Kästen mit einem Programm namens „Brutstättenfond“. „Brutplätze“ nennen sie die Stadtväter. Was soll ausgebrütet werden? Kunst? Ideen? Ein besseres, interessanteres Leben?

ATMO Halle der NDSM Werft 

Sprecher: Und der Plan geht auf. Ganz im Sinne der Stadtverwaltung: Die bunte Keimzelle bringt eine Stimmung von Aufbruch. Das Nordufer

wird zum Anziehungspunkt für junge Leute, die des glattrenovierten Grachten-Amsterdams überdrüssig sind. Bald siedeln auch MTV und Red Bull auf dem Gelände.

Im Sommer kann man am Wasser sitzen. Ein Café, gleich am Fähranleger, kopiert den Stil der beweglichen, provisorischen Container. Die Tische sehen aus wie beim Sperrmüll gesammelt. Es gibt exquisite vegetarische Küche.

MUSIK 01 von Stefan Langfeld: „Out of Reach“ 

Sprecherin: Die Zwischennutzung wird weltweit zum Erfolg: Wer Platz hat, gewinnt nützliche Mieter. Wer Imageprobleme hat, macht sich interessant. Das Erfolgsprodukt gebiert seine Institutionen: In Deutschland starten ab 2004 die ersten Zwischennutzungsagenturen. Als Schnittstellen inzwischen Stadtverwaltung, Hauseigentümern und Bürgern. Wer billige Raume sucht, kann sich bei ihnen melden. Die Agenturen schießen wie Pilze aus dem Boden. Nie wurde so viel Leerstand vermittelt. Das Zwischennutzen ist jetzt kein Projekt von Abenteurern mehr, die über Zäune steigen, sondern gängige Praxis. Wie etwa das Reisen per „mitfahrgelegenheit.de“.

Sprecher: Doch bald zeigt sich: Die Lücken schwinden. An vielen Orten ziehen die Immobilienpreise wieder an. Sogar in Ostdeutschen Städten sind Grundstücke, die jahrelang vor sich hinträumten, auf einmal wieder begehrt. Die Nachfrage nach dem „überflüssigen“ Raum wird größer als das Angebot:

O-Ton 13 Wolfgang Kil: Dafür gibt´s zwei Gründe. Der eine Grund ist, dass wie verrückt abgerissen worden ist. Abreißen heißt natürlich, den Leerstand reduzieren, und je mehr Häuser abgerissen werden, desto weniger leere Wohnungen gibt es, und dann sind sie nicht mehr überflüssig, sondern es gibt neue Begehrlichkeiten für diese Wohnungen. Und dann gibt es noch eine irrationale und unvorhersehbare Komponente: Und das ist die Finanzkrise. Wenn man nämlich für sein Geld auf der Bank keine Zinsen mehr bekommt, dann kann man das Geld auch nehmen und dafür Immobilien kaufen – und das machen zurzeit wahnsinnig viele Kaufinteressenten aus ganz Europa. Und die kaufen sich nicht mehr nur in besten Lagen ein, wie man erwarten sollte, sondern sie kaufen auch in B- und in C-Lagen. Und damit werden auch leer stehende Häuser wieder interessant, die bisher auf der abschüssigen Liste standen! (55 sek) 

Sprecher: Manche Projekte müssen aufgeben. Andere sind erfolgreich und „erwachsen“ geworden. Sie professionalisieren sich. Wie die Berliner Bar 25 zum Beispiel. Das Paralleluniversum an der Spree ist inzwischen eine fixe Adresse: Zum Club haben die Gründer eine Skatebahn und ein Beachvolleyballfeld dazu gebaut. Außerdem ein Restaurant, ein Hostel und einen Märchengarten. Nach sieben Jahren kommt die Kündigung. Die Gründer, sieben Jahre älter geworden, wehren sich:

ATMO Demo der Bar 25 

Sprecher: Erfolglos. Sie müssen packen. Mit Sack und Pack und rund 80 Mitarbeitern ziehen sie weiter. Für zwei Jahre bekommen sie ein Ersatzgrundstück. Währenddessen beschließen die Cowboys von einst, ein Gelände zu kaufen. Eigentümer zu werden. Vom Planwagenfahrer zum Hausbesitzer.

O-Ton 14 Juval Diezinger: Und da gab´s halt nur diesen einen Weg. Weil wir dann auch gemerkt haben: Als Zwischennutzer hat man diese Freiheit, man geht unbeschwert an Sachen ran, aber es ist halt immer für begrenzte Zeit. Man baut etwas tolles auf und immer ist man abhängig davon, ob man bleiben kann – und am Ende muss man gehen. Und da haben wir uns gesagt: Das machen wir noch einmal mit – und dann nicht mehr. (25 sek) 

Sprecher: Tatsächlich erwerben die Gründer ein Grundstück. Es ist 18.000 Quadratmeter groß und liegt wiederum an der Spree. Als Käuferin tritt eine Schweizer Stiftung auf und überlasst den Pionieren das Gelände in Erbpacht. Und die wittern Morgenluft: Krempeln die Ärmel hoch und planen ein Großprojekt: „Holzmarkt“

wird es heißen. Nachhaltig soll es werden. Genossenschaftlich. Durchmischt. Ein Dorf mitten in der Innenstadt mit Atelierplätzen – aber auch mit Friseur und Gemüseladen, mit Club und Gemeinschaftsgarten. Ein Traum. Nur diesmal befestigt.

Sprecherin: Eine große Chance? Werden die Lückenbüßer von einst nun zu Stadtgestaltern?

Aber auch Kritiker melden sich zu Wort. Sie sehen den Aufbruchsgeist von einst in feste Mauer gepfercht. Den Zauber des Offenen, ewig Unfertigen.

O-Ton 15 Wolfgang Kil: Was ändert sich eigentlich, wenn diese Neugierigen, die da kommen, dann auch – zu Besitzern werden? (7 sek) 

Sprecherin: versucht Kritiker Wolfgang Kil sein Unbehagen in Worte zu fassen

O-Ton 16 Wolfgang Kil „Deshalb habe ich, wenn ich von der Inanspruchnahme neuer Räume geredet habe, immer – und jetzt kommt´s auf den Begriff an – von Räumen geredet. Räume sind sozusagen immer Möglichkeiten. Und wenn die neuen Nutzer jetzt – gezwungen werden, als neue Besitzer zu agieren, dann wird aus den Räumen plötzlich ein Besitzgegenstand. Eine Immobilie. Mit „Immobilie“ verbinde ich schon aus den Erfahrungen mit meinem Elternhaus immer Verpflichtungen. Da bin ich Knecht und im Dienst meiner Immobilie. Ein Raum ist etwas, in das ich hineingehe. Und wenn er zu eng ist, gehe ich in einen anderen. (40 sek) 

Sprecherin: Am Spreeufer feiert man derweilen Baubeginn: ATMO Feuerwerk 

O Ton 17 Juval Diezinger: „zu sagen: Man wird sesshaft. Und man will etwas aufbauen, das am Ende auch bleiben kann. Und wir machen das jetzt, und wir sind sicher, dass wir hier auch mit 60 noch arbeiten werden und zu tun haben sehr wahrscheinlich.“ (12 sek) 

Sprecher: Und die Zwischenzeit? Ist die jetzt vorbei?

O-Ton 18: Klaus Overmeyer: Für mich ist die Stadt wie ein riesiger Komposthaufen, man kann sie in ihrer Entwicklung schwer einfrieren. Natürlich wird der Raum weniger bei steigendem Wachstumsdruck. Auf der anderen Seite merkt man aber auch, dass es immer wieder zu neuen Leerständen kommt. Das sind zum Beispiel die Bürogebäude der 70er Jahre, die Einkaufszentren der 80er Jahre, die heute vielfach leer stehen. Oder auch Wohnsiedlungen der 50er und 60er Jahre. (30 sek) 

Sprecher: Was wird, wenn die heutigen Townhouses aus der Mode kommen? Wenn Shoppingmalls pleite gehen? Wenn Riesenflughäfen brach fallen, vielleicht weil es auf dem Planeten Erde kein Öl mehr gibt?

Wer wird in den Ruinen von Multiplex-Kinos feiern?

MUSIK 01 von Stefan Langfeld: „Out of Reach“ 

Copyright

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Es darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden. Insbesondere darf es nicht ganz oder teilweise oder in Auszügen abgeschrieben oder vervielfältigt werden. Für Rundfunkzwecke darf es mit Genehmigung von Deutschlandradio Kultur verwendet werden.

Literatur: 

Klaus Overmeyer, Philipp Oswalt, Philipp Misselwitz: „Urban Catalyst, mit Zwischennutzungen Stadt entwickeln“, Berlin, Dom Publishers, 2013

Klaus Overmeyer: „Urban Pioneers“, Berlin, jovis Verlag, 2007

Sarah Oswalt, Oliver Hasemann, Daniel Schnier, Michael Ziehl: „Second Hand Spaces, über das Recyclen von Orten im städtischen Wandel“, Berlin, jovis Verlag, 2012

Anja Schwanhäußer: „Kosmonauten des Underground, Ethnografie einer Szene“ Frankfurt, Campus 2010

Wolfgang Kil: „Luxus der Leere, vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt“, Wuppertal, Verlag Müller und Busmann, 2004

Florian Haydn, Robert Temel: „Temporäre Räume“, Birkhäuser Verlag, Basel 2006

Filme: 

Daniel Kunle und Holger Lauinger: „Nicht-Mehr, Noch-Nicht, 2006 UDK, Berlin

Nana Yuriko, Britta Mischer: „Bar 25, Tage außerhalb der Zeit“, movinetfilm 2010

Musik: 

Musik 01 „Out of Reach“ von Stefan Langfeld;

Musik 02 „Man braucht zum Leben eine Menge Mut“, komponiert von Günther Neumann, Interpretin Tatjana Sais; aus „Geschichte zum Hören 1946“; Köln DeutschlandRadio 1996, CD2

Musik 03 „Rauch Haus Song“, komponiert von Tonsteine Scherben; interpretiert von Ton Steine Scherben Family, Album „Keine Macht für niemand – Die Geschichte von Ton Steine Scherben“ Hörbuch von Kai Sichtermann, Jens Johler, Christian Stahl, CD2

Musik 04 „Nackte Hunde“ von Danielle de Picciotto, CD Sampler „Bleib Gold, Mädchen“, MerMer Records

Musik 05 „There was a Bar in Eastberlin“ von

Capey Cash, Album „Bar 25, Tage außerhalb der Zeit“, Soundtrack, Bar 25 Label

Mit freundlichem Dank an Dr. Phil. Dagmar Thorau, Leiterin des Mittelalter Studiengangs Historische Urbanistik der TU, Berlin, Prof. Dr. Phil Gabi Dolff Bonekämper, Professorin am Institut für Stadt und Regionalplanung der TU Berlin,

das Team der Bar 25, Klaus Overmeyer, Professor für Landschaftsgestaltung und Architektur, Bergische Universität Wuppertal, Philipp Oswalt, Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau und Urban Catalyst, Benjamin Förster Baldenius, Raumlabor

Sarah Oswalt, ZZZ Zwischennutzungszentrale Bremen, Eva de Klerk, Kinetik Noord, Danielle de Picciotto und Wolfgang Kil, Architekturkritiker;

 

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