Aufstand in Los Angeles – zum Tode von Rodney King

Rodney King wurde wegen extremen Rasens angehalten und vor laufender Kamera von vier Polizisten verprügelt. Als vor gut 20 Jahren am 29. April 1992 die Täter freigesprochen wurden, kommt es zu Volkskrawallen in den ganzen USA, besonders im Großraum Los Angeles, wo der Prozess stattfand. Während der Unruhen appellierte King auf einer Pressekonferenz die  Aufständischen an ein Miteinander.

In einem nachfolgenden Prozess wurden zwei Polizisten zu Haftstrafen verurteilt, King erhielt 3,8 Millionen Dollar Entschädigung. Doch seine Leben geriet weiter aus den Fugen, er verliert massenhaft Geld durch eine Plattenfirma, wird mehrfach berauscht festgenommen und landet in der Reality-Show „Celebrity Rehab”. Zum 20 Jahrestag der Unruhen erschien Kings Buch „The Riot Within: My Journey from Rebellion to Redemption“ („Der innere Aufruhr – Mein Weg vom Aufstand zur Erlösung“). Am 17. Juni 2012 wurde er, 47 Jahre alt, tot in seinem Pool gefunden.

 

 

Der Fall Rodney King vs. LAPD 

L.A. galt mit seiner modernen funktionalen Auto-Einfamilienhaus-Stadtstruktur lange Zeit als zukunftsweisend. Selbst die massiven Probleme wachsender Armut, Ganggewalt, Umweltverschmutzung und der wirtschaftliche Einbruch der Rüstungsindustrie durch Glasnost, schadeten dem Image der Sonnenmetropole nicht. Doch die Rassenunruhen 1992 zeigten, dass L.A. – wie einst New York in den 70er Jahren – am Ende war. Die Riots zerstörten die Illusion einer friedlichen multikulturellen Welt. Die Bilder von Rassenhass und Zerstörung stärkten den Ruf als gewalttätige Megacity

Ein Amateur-Video zeigt, wie am 3. März 1991 im L.A. County Lakeview Terrace vier weiße Polizisten den vorbestraften Schwarzen Rodney King nach einer Autoraserei mit Schlagstöcken verprügeln. Viele sahen darin den Beweis, wie brutal die hauptsächlich weißen Polizisten des LAPD mit Schwarzen umgehen. Das brutale Vorgehen der Polizei gegen den Missetäter aus einer Paranoia gegenüber Farbigen. Die Angst und Gewaltbereitschaft wachsen miteinander. Das Video war im Prozess Beweismittel der Verteidigung(!), da King sich anfangs wehrte – King war nicht als Zeuge geladen. Die fast rein weiße Jury sprach am 29. April 1992 die Polizisten frei.

 

L.A. in Flammen

In South Central kam es nach der Urteilsverkündung zu ersten Ausschreitungen. Auch in Houston und Atlanta kam es zu Unruhen, aber L.A. traf es am härtsten. Es herrschte Anarchie: Weiße Autofahrer wurden aus ihren Fahrzeugen gezerrt und zusammengeschlagen. Häuser wurden angezündet und Geschäfte geplündert. Demonstranten marschierten durch die Stadt und riefen „No justice, no peace”. Gangs beschossen die Feuerwehr und lieferten sich mit der Polizei Gefechte. Die Polizei verlor dabei ganze Stadtteile an die Aufständischen.

Durch hunderte brennender Häuser hing ein dichter Rauchschleier über der Stadt. Der Flugverkehr wurde wegen der schlechten Sicht und der Gefahr beschossen zu werden, eingestellt. Plünderer rannten durch die Supermärkte und die Polizei kapitulierte, so dass Händler patrouillieren mit Sturmgewehren ihre Läden verteidigten.

5.000 zerstörte oder schwer beschädigte Häuser, 10.000 zerstörte oder ausgeraubte Läden, 700 Millionen US-Dollar Schaden, 12.500 vermeintliche inhaftierte Plünderer und Randalierer, 2.300 Verletzte und 58 Tote wurden am Ende der drei Tage dauernden Riots registriert

In der Nacht zum 30. April wurden rund 10.000 Einsatzkräfte mobilisiert. Polizei, Nationalgarde und Marines besetzten die Kreuzungen der Notstandsgebiete. Mit gepanzerten Mannschaftswagen der Armee und dem massiven Aufgebot konnten die Riots zur Ruhe gebracht werden. Selbst im „Surfburbia“ patrouillierten Soldaten neben Wellenreitern an den Stränden – in L.A. kommt alles zusammen.

 

Rodney King als Ventil

Ständig wurde im Fernsehen die Aufnahme gezeigt, wie schwarze Jugendliche einen Lkw-Fahrer zusammenschlugen. Die wiederholte Ausstrahlung verstärkte das gängige Bild über die gewalttätigen Schwarzen, aber die Ermordung eines 15jährigen Schwarzen blieb unerwähnt. In den Medien war von dem „Riot in South Central” und der „Wut der Schwarzen” die Rede. Doch unter den Festgenommenen waren 45 Prozent Latinos und 12 Prozent Angelos. „Im ersten multirassischen Riot ging es nicht nur um aufgebrachte Gemüter, sondern auch um leere Bäuche”, meint Davis: „Vielen der Plünderer, gerade Nichtafroamerikanern, dürfte Rodney King unbekannt oder egal gewesen sein.”

Während viele Betrachter blinde, nihilistische Zerstörungswut sahen, erfolgten die Brandstiftungen systematisch. Nicht die verhassten Wolkenkratzer Downtowns waren das Hauptangriffsziel und nur Ausläufer der Aufstände erfassten Stadtteile wie Beverly Hills. Die Opfer waren zumeist Koreaner. Es ging hier auch um eine Vendetta an einem schwarzen Teenager, der knapp ein Jahr zuvor in einem koreanischen Geschäft erschossen wurde. Ein paar Wochen später erschoss ein schwarzer Räuber ein Neunjähriges koreanisches Mädchen. Rodney King war als eines von vielen Opfern Auslöser einer komprimierten Kettenreaktion.

Die Koreaner stellen die Senkrechtstarter in den USA dar. Durch harte Arbeit und Geschäfte in den Ghettos der Schwarzen konnten sie sich erfolgreich eine Existenz aufbauen. Sie stabilisierten Stadtteile und wehrten sich gegen Straßenkriminalität, so dass ihre Viertel sich vom Ghetto-Dasein lösten. Während die Schwarzen selbst in ihren eigenen Vierteln nicht den „Amerikanischen Traum” verwirklichen konnten, schafften die Koreaner innerhalb der ersten Generation den Aufstieg in die Mittelklasse. Diesen Sprung schafften in den 60ern auch die Juden und symptomatischer Weise brannten während der Unruhen von Watts 1965 großteils jüdische Läden.

Koreaner sind das scharfe Kontrastbild zu Schwarzen, die vielfach den Rückzug in den Süden der USA unternommen haben. Spannungen entstehen auch durch gegenseitige Vorurteile. Zum Beispiel halten die Schwarzen Koreaner gemeinhin für habgierig und Koreaner Schwarze für faul und schlecht erzogen.

Das sogenannte „wilde Pogrom gegen die Koreaner” vereinfacht Zustände, denn unter den 58 Toten wurden „nur“ zwei Asiaten Opfer der Straßengewalt. Die Motivation der Eskalation war vielfältig und zeugte für die Unmöglichkeit eines gemeinsamem Miteinanders.

 

Die Riots im Film

Die Riots und Rodney King spielen in vielen Filmen eine direkte und indirekte Rolle.

Der satirische Science Fiction DEMOLITION MAN (1993) zeigt zu Beginn wie L.A. im Jahre 1996 im neuesten Riot untergeht. STRANGE DAYS (1995) spiegelt die Erfahrungen der Aufstände in dem Zukunftsszenario zum Jahrtausendende 1999, bei dem erneut Unruhen drohen: zwei rassistische Cops haben einen Schwarzen hingerichtet, ein Video beweist diese Tat, in den Straßen herrscht Ausnahmezustand, Panzer patrouillieren, koreanische Ladenhänder sichern mit Gewehren ihren Laden.

DARK BLUE (2002) beginnt mit den authentischen Bilder der Rodney-King-Verhaftung und spielt während der Ausschreitungen, in deren Chaos ein Polizist (Kurt Russell) einen Fall höherer Polizeikorruption lösen muss. DARK BLUE befasst sich weniger mit den Opfern, als mit der Polizei und deren Motivation zur Gewalt.

Die lustig-ätzende Realsatire THE L.A. RIOT SPECTACULAR (2005) zeigt wie Medien, Politik und Justiz das Chaos für ihre Zwecke nutzten. Er zeigt, dass dies letztlich auf Kosten der ohnehin unterdrückten ethnischen Minderheitsgruppen ging. Diese machen sich untereinander fertig, während sich der „King of Beverly Hills“ (George Hamilton) über die Ereignisse nur höhensonnengebräunt lächeln kann. Der Film nennt die Beteiligten beim Namen und schert sich nicht um Ausgewogenheit oder guten Geschmack: Snoop Dogg rappt in einem Gerichtssaal voller weißer Cops „F… the Police“.

LAKEVIEW TERRACE (2008) nutzt provokativ den Viertelnamen, in dem Rodney King verprügelt wurde. In dem Sozialthriller terrorisiert der schwarze Cop Abel Turner (Samuel L. Jackson) seine multiethnische Nachbarn. Turner ist ein durchschlagskräftiger Cop, hyperkorrekter Spießbürger und Rassist. Durch seine Selbstgerechtigkeit erklärt er die bürgerliche Nachbarschaft zur Kriegszone. Im brennenden Haus kommt es zum tödlichen Showdown. King Volksappell „Können wir nicht alle miteinander auskommen?“ wird hier auch benutzt.

Der Film zeigt Rassismus im Alltag in den USA, sowie die Exzesse der oft überforderten Staatsgewalt in einem politisch korrekten wie gewalttätigen Land. So wie bei L.A. CRASH ein Autounfall einen rassistische Kettenreaktion auslöst, ist es hier förmlich nur ein Funke, der genügt, um die Welt in Flammen zu setzen.

Bild: Rodney King, CC BY-3.0 Justinhoch / Justin Hoch for a Hudson Union Society event

Wolf Jahnke (Auszug aus seinem Buch: Los Angeles – Mit Hollywood durch LA)

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