Wolf-Eckart Bühler – Regisseur, Autor und Produzent

Wolf-Eckart Bühler – einer der wichtigen, aber eher unbekannten politischen Filmemachern der 1980er Jahre


Ein Münchner Filmregisseur, über 40 Jahre in Schwabing wohnhaft, wenn auch oft auf Reisen und mit großer Neugier auf die Welt, nie im Rampenlicht, immer ein sehr eigener Kopf – das ist Wolf-Eckart Bühler, ehemals Redakteur der Filmkritik. Seine drei Kinofilme liegen über 30 Jahre zurück, sie haben den Ruf, man würde sie nie vergessen. Jeder von ihnen ist anders.

Zum Filmemachen kam Wolf-Eckart Bühler, so seltsam das klingen mag, eher unwillig. Er hatte Theaterwissenschaft und Philosophie studiert, war bereits in jungen Jahren viel herumgekommen und war alles andere als ein verhinderter Filmemacher. Sein Medium war das gedruckte Wort. Bühler schrieb über Filme, mit Herz und Verstand, ziemlich scharfem Verstand und dialektisch geschultem Blick. Ab 1972 war er Redakteur der Filmkritik. Legendär sind seine Hefte über John Ford, Howard Hawks oder Piratenfilme, das mit Felix Hofmann entstandene Heft über Polizei, sein Text „Tod und Mathematik“ über Irving Lerner. Dessen „Murder by Contract“ (Der Tod kommt auf leisen Sohlen) war ihm Anlass für eine weit über diesen Film noir hinausreichende Analyse. Bühler interessierte sich für die dunkle Seite Amerikas, für die Zeit der Hexenjagd in Hollywood, der Blacklist und der Berufsverbote, für das Treiben des „Komitees gegen un-amerikanische Umtriebe“ (House Committee on Un-American Activities, kurz HUAC). Bühler wurde zu einem Advokaten der Gegengeschichte. Sein „Naming Names“ galt den Vergessenen und Verfemten, zwei seiner Kinofilme galten einem Mann zwischen allen Stühlen – dem Schauspieler Sterling Hayden.

Ohne Werner Dütsch vom Westdeutschen Rundfunk aber wäre er wohl nie zum Filmemachen gekommen, ihm sei er zu großem Dank verpflichtet, sagt Bühler. Dütsch mochte Bühlers Texte und bat ihn, doch „etwas“ für ihn zu machen. Der schlug ihm einen Film über den alten, völlig unbekannten amerikanischen Marxisten und Dokumentarfilmer Leo Hurwitz (1909 – 1991) vor. Hurwitz hatte damals noch nicht „Dialogue with A Woman Departed“ gemacht, war vergessen. Dütsch zog sein Angebot nicht zurück. So entstand „Filme für ein anderes Amerika“ (1980). Es folgte „Innere Sicherheit“ (1981) über Abraham Polonsky, vom FBI-Chef J. Edgar Hoover als „The Most Dangerous Citizen“ stigmatisiert und ebenfalls auf Hollywoods Blacklist gesetzt. Beide Filme sind Musterbeispiele dessen, was die Dritten Fernsehprogramme einmal geleistet haben. Beide sind sie Prototypen, Bausteine eines kritischen Gedächtnisses, das die Zeiten zu überdauern vermag. (So wie übrigens Bühlers Filmkritik-Texte immer noch eminent lesbar sind.)

Anfang der 1980er Jahre arbeitete er an einem Buch über das „Komitee gegen un-amerikanische Umtriebe“, ebenso wenig vollendet wie das epochale über „Marx & Amerika“. Aus dieser Beschäftigung aber entstand ein Interesse an dem damals vor dem HUAC-Tribunal als „freundlicher Zeuge“ aufgetretenen Sterling Hayden und dessen Autobiographie „Wanderer“.

Bühler fand das Buch so aufregend, dass er daraus seinen Film „Der Havarist“ (1983) entwickelte. Konzept und Drehbuch sahen vor, Haydens Stimme so ernst zu nehmen wie Straub & Huillet ihren Pavese oder die griechischen Klassiker– so groß ist tatsächlich das darin aufgewühlte Lebensdrama. Bühler wusste, dass Hollywood sich bereits mehrfach für eine Verfilmung interessiert hatte, sogar mit Robert Redford als Hauptdarsteller. Ihm war klar, dass er Hayden persönlich überzeugen musste. Ihn aufzuspüren, dauerte beinahe ein Jahr. Hayden war damals 65 Jahre alt, hatte sich Hollywood entzogen, trieb sich oft in Europa herum, wo Bertolucci ihn etwa als Patriarch der Landarbeiter in „1900“ inszenierte, ankerte mit seiner alten holländischen Barkasse auf der Doubs bei Besancon. Hayden las das Skript, war begeistert, schenkte Bühler die Rechte, meinte dann am zweiten Abend, wie schade es doch sei, dass niemand ihr Treffen in Bild und Ton festhalten würde. Binnen weniger Tage organisierte Bühler eine telegrafische Zusage von Werner Dütsch für einen 45-Minuten-Film sowie ein Team, das die Gagen zurückstellte, war eine Woche später zurück. Sie hatten ganze fünf Drehtage; einmal nachts fiel Hayden betrunken in den Fluss, wurde nur knapp gerettet.

Hayden war jede Minute des Drehs betrunken oder bekifft, aber redet im Film mit der Klarheit eines Erzengels, sitzt da mit gewaltigem Bart und wilder Mähne, wettergegerbt, barfuß, zugedröhnt. Ein König ohne Land und Untertanen. Eine Shakespeare-Gestalt. „Pharos of Chaos“ (Leuchtturm des Chaos), der Titel eines unvollendet gebliebenen Hayden-Buches, gab dem aufwühlenden Dokumentarfilm den Namen.

Hayden sah sich den Film ein Jahr später an, alleine in einem Kino, schwieg lange im Restaurant, wo er sich mit dem Regisseur traf, meinte dann, der Film sei gut, richtig gut und wahrhaftig, nie mehr in seinem Leben aber wolle er ihn sehen, sich auf solche Weise begegnen müssen, derart auf dem Boden der Existenz. Schonungslos redet Hayden im „Leuchtturm“ über die Folgen seines Verrats, über die Unmöglichkeit, sich so etwas je verzeihen zu können. „Shirley“ nennt er sich immer wieder. Eine Memme. Ronald Reagan, damals (erst) Präsident der US-Schauspielergilde, hatte ihm nach der Aussage ein Telegramm geschickt: „Sterling, ich bin stolz auf dich!“

Hayden war im Zweiten Weltkrieg OSS-Offizier gewesen, hatte Titos Partisanen mit einer von Süditalien aus operierenden Nachschubflotte unterstützt und den Zusammenhalt der Kämpfer direkt erlebt, war 1946 für ein halbes Jahr der Kommunistischen Partei Amerikas beigetreten. „Quest“ (Suche) hatte er das an diesem Tag gekaufte Schiff getauft. „Nicht viele können von sich sagen, diese zwei Dinge an einem Tag gemacht zu haben“, meinte er dazu. 18 Schiffe besaß er im Lauf seines Lebens, dreimal umkreuzte er den Globus vor dem Mast. Er liebte es, in rauester See zu segeln, er war ein Windjammermann, das Fieber der Schiffe hatte ihn schon jung ergriffen, im entfesselten Nordatlantik, bei den Fischern von Neuengland, den „Gloucestermen“. Sein Zweimaster „Wanderer“ gab dem Buch der Selbstabrechnung den Namen, literarisch hochrangig, der Beat Generation ebenso zuzurechnen wie den großen Autoren der Ozeane. Bis heute hat sich dafür kein deutscher Verlag gefunden. Ebenso wenig wie für „Voyage. A Novel of 1896“, Haydens „großen amerikanischen Roman“ über zwei Schiffspassagen, die eine durch die Südsee nach Japan, die andere um Kap Hoorn, zugleich eine Klassengeschichte Amerikas und der Arbeiterbewegung.

Bühler widmete Hayden noch einen weiteren Film, in dem er ganze Passagen aus „Wanderer“ textgetreu inszenierte. Titel der Unternehmung: „Der Havarist“. Heute noch beklemmend, die ebenso wörtlich übernommene szenische Inszenierung von Haydens Aussage vor dem HUAC-Komitee. Es war ein Low-Budget-Film, produziert von einem jungen Martin Moszkowicz am „Ende einer Epoche“ (Rainer Gansera), im Herbst des Neuen Deutschen Films, als das Autoren- durch das Produzentenkino verdrängt wurde. Bühler weiß von keiner Einmischung zu berichten, freilich sei Moszkowicz klar gewesen, dass hier kein Kassenschlager am Entstehen sei.

Bühler wollte aus Haydens Drama kein Rührstück machen. „Der Harvarist“ ist ein politischer Film – heute sogar mehr denn je. Der „McCarthyismus“, das macht Bühler klar, ist kein historisches, sondern ein alltägliches Phänomen, Anpassung und Selbstverrat sind überall. „Haydens Geschichte soll der Anlass sein, uns selber in Frage zu stellen“, meinte Bühler, der die Hauptrolle dreifach besetzte: mit dem damals umstrittenen Burkhard Driest (dialogische Ebene), mit dem bekennenden DKP-Mitglied Hannes Wader (erzählerische Ebene) und mit Rüdiger Vogler (monologisch und reflektierend). Driest hielt seinen Sterling Hayden stets für seine beste und sinnvollste Rolle. Hannes Wader in der Zeit der Berufsverbote vor die Kamera zu holen, war ein politisches Statement. Rüdiger Vogler muss man erlebt haben, wenn er, von bodenloser Nachdenklichkeit erfüllt, einen der Schlüsselsätze des Films spricht: „Aber was, wenn der Schauspieler den größten Teil seiner Schauspielerei gar nicht vor der Kamera verrichtet – wenn er vor der Kamera noch am allerwenigsten Schauspieler ist?“

Bühler suchte nicht nach Stoffen, um daraus Filme machen zu können. Es sei immer umgekehrt gewesen. „Erst ist ein Stoff da, ein Sujet, das mich fasziniert, dann wird ein Film daraus“, beschreibt er den Prozess. „Die Nachwirkungen des Krieges gegen Vietnam sichtbar machen“ (Felix Hofmann), das unternimmt der mit minimalstem Budget in Thailand gedrehte dokumentarische Spielfilm „Amerasia“ (1985). Bühler stellt darin zwei ganz unterschiedliche Arten von Opfern dieses Krieges einander gegenüber – die in Thailand gestrandeten amerikanischen Ex-GIs und die von US-Soldaten gezeugten, in Waisenheime abgeschobenen Kinder, die dem Krieg ihr Leben, aber auch ihre Heimatlosigkeit verdanken.

In diesem Film spielen alle Darsteller sich selbst. Der Vater der thailändischen Hauptdarstellerin war amerikanischer Soldat, alle anderen sind das, was sie wirklich sind: Barbesitzer, Farmer, Nichtstuer, Journalisten, Tänzerinnen und Huren, Thai-Boxer, Söldner … jeder von ihnen, und jeder auf seine Weise, ein Opfer des Vietnamkrieges. Heimlich-unheimliche Zeugen einer dort wie hier unerwünschten und unterdrückten Vergangenheit, fremd und unbehaust in einem Land, das ihnen niemals Heimat sein kann. Hauptdarsteller John Anderson war zwei Jahre Soldat in Vietnam gewesen, hatte in Haile Gerimas „Ashes and Embers“ einen Veteranen gespielt, der in den USA keine Heimat mehr findet. Mit und in „Amerasia“ holte ihn diese Vergangenheit direkt ein. Bühler: „Es war für ihn wie ein Schock, er war zurückversetzt in die Zeit des Krieges. Er schlief nur noch angezogen, in Stiefeln, genau wie damals, immer bereit zum Aufspringen beim leisesten Alarm. Tagsüber wartete er entweder stumm und apathisch auf Befehle – ein Schauspieler und Soldat, und beides zusammen -, oder er rebellierte vehement und mit monologischen Wortkaskaden, sah den Film zunehmend als ein linksradikales, kommunistisches Komplott, identifizierte sich immer mehr mit allem Amerikanischem vor Ort, wurde paranoider und abgestumpfter zugleich.“ Ein Schauspieler, der immer weniger über sich verfügt, in dessen ratlosem Gesicht sich auch der Betrachter spiegelt.

Asien und vor allem Vietnam hat Bühler danach immer wieder bereist, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Hella Kothmann verfasste er den weltweit ersten und bis heute informiertesten Reiseführer Vietnam, dies vor den Recherchemöglichkeiten des Internets. Im September 2014 erschien die 12., vollständig aktualisierte Auflage. Hartnäckigen Gerüchten zufolge war Bühler übrigens lange Jahre in Saigon Miteigentürmer einer Bar namens „Apocalypse Now“.

Neben seinen drei Kinofilmen entstanden gut ein halbes Dutzend Fernsehdokumentationen, darunter ein Film über Paolo Conte, keine von ihnen Ware von der Stange. Seine Haltung als Filmemacher artikulierte Bühler so: „Die Qualität eines Filmes bemisst sich nicht an der Anzahl der Probleme, die er ‚aufwirft‘ oder zu beantworten versucht, noch an der Stringenz der vorgefassten Meinungen, die er bestätigt oder verwirft, sondern an der exemplarischen Tragweite der FRAGEN, die er provoziert.“

Alf Mayer

Leuchtturm des Chaos (Pharos of Chaos)

BRD 1982 I R: Wolf-Eckart Bühler I B: Wolf-Eckart Bühler, Manfred Blank I K. Bernd Fiedler I mit Sterling Hayden I 118 min

Die „New York Times“ sah hier „documentary film making at it‘s most laissez faire“. Tatsächlich entstand der Film spontan und aus der hohlen Hand, allerdings mit einem in der Sache höchst vorbereiteten Filmemacher. Wolf-Eckart Bühler hatte Hayden auf einer Barkasse in Frankreich ausfindig gemacht, um sich die Filmrechte für dessen Autobiographie „Wanderer“ zu holen, hatte das darauf beruhende Drehbuch dabei, was den ehemaligen Hollywoodstar dazu brachte, ihn zu einer schnellen Dokumentation einzuladen. So entstand ein schonungsloses Porträt, das sich meilenweit von anderen unterscheidet. Ein ziemlich einzigartiges Dokument der Filmgeschichte.

Der Havarist

BRD 1983 I R + B: Wolf-Eckart Bühler, nach der Autobiographie „Wanderer“ von Sterling Hayden I K: Peter Gauhe I M: Konstantin Wecker I D: Burkhard Driest, Rüdiger, Vogler, Hannes Wader, Hans Michael Rehberg, Edgar Selge, Kristina van Eyck I 100 min

Ein Film außerhalb der Begriffe und einer der interessantesten aus dem Kreis der Zeitschrift Filmkritik. Die selbstkritische Autobiographie des Seefahrers, Partisanenkämpfers, Hollywood-Stars, Kommunisten und FBI-Kollaborateurs Sterling Hayden als Literaturverfilmung, Tiefenanalyse, politisches Lehrstück, Exkurs in den Film noir, im Geiste von Straub & Huillet, von Brecht, Peter Weiß und Kellers Grünem Heinrich. Anders als der spontan entstandene „Leuchtturm“ ist dies ein geradezu symphonisch gefügtes Werk, die Titelrolle auf drei Schauspieler aufgespalten, die Musik von Konstantin Wecker komponiert, das heftige Klavierstück zu Beginn eine Deklination des wilden Ritts, der die Zuschauer erwartet. Ein Low-Budget-Film, produziert von einem jungen Martin Moszkowicz, der ebenso eine Rolle übernahm wie Klaus Emmerich, Michael Krüger, Dieter Schidor, Hans Noever, Enno Patalas, Laurens Straub, Hans Günther Pflaum oder Roger Fritz. Dazu Edgar Selge in seiner ersten Filmrolle und eine Wiederbegegnung mit Kristina van Eyck.

Amerasia

BRD 1985 I R + B: Wolf-Eckart Bühler I K: Bernd Fiedler I M: Terry Allen, Surachai Jantimatorn I D: John Anderson, Gilian Tuyudee Hornett, Surachai Jantimatorn, Terry Allen, Alan Dawson I 97 min I engl OF.

Auch dieser Film eine Detektivarbeit – wie alle WEB-Filme, wenn es denn einen gemeinsamen Nenner gibt. Bühler reflektiert den Vietnamkrieg dort, wo er komplexe Spuren hinterließ: auf dem ehemaligen US-Flugzeugträger Thailand. Dort, wo Babykiller Babys machten, die niemand haben will. Die Musik stammt von Terry Allen, einem der größten Einzelgänger der Countrymusik. „Bühler vermeidet, seine Figuren zu diffamieren, obwohl er es sich und den Zuschauern damit hätte leichter machen können. Aber der Weg zur Wahrheit ist nie der leichteste. Bühler verstellt uns nicht den Blick durch Vorurteile, erkundet statt dessen die verschiedenen Gesichter einer Wahrheit und weist nach, wie die GIs und die Südostasierinnen, die sie mit ihren Kindern haben sitzenlassen, von der gleichen Heimatlosigkeit getrieben werden; wie Schuld und Verdrängung in einen Teufelskreis münden, dem keiner entfliehen kann.“ (Michael Althen)

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Mitte November 2015 zeigte das Filmmuseum München eine Retrospektive des deutschen Regisseurs, Autors und Produzenten Wolf-Eckart Bühler

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