Die Schönheitsvergiftung des Kinos durch William Shakespeare

Schiffbruch und Liebestaumel

Einerseits: Es ist ja so viel Film in Shakespeare wie Shakespeare im Kino steckt. Das reicht vom Dialog bis zur Montage, aber mehr noch: Das Kinopublikum, in der Glanzzeit des Kinos, hat eine mächtige Ähnlichkeit mit dem Publikum eines Shakespeare-Stückes, jedenfalls wie wir uns das vorstellen. Ein Publikum, das mampft, stöhnt und lacht, das zugleich tief berührt und kräftig amüsiert werden will. Vor dem Verstauben und Versteinern des Theaters, und vor der Trennung der hohen und der niederen Kultur.

Andrerseits: Shakespeare hat sein Publikum nie so versöhnt und so beruhigt, wie das Kino es meistens tut. Der Aufruhr will sich da so schnell nicht legen, den trägt man mit sich, es sei denn man kommt diesem Autor melodramatisch bei. Die meisten Menschen auf der Bühne sind nach einem Shakespeare-Stück entweder tot oder ratlos, und wenn in einem Film jemand Shakespeare zitiert, nicht wegen der Bildung, sondern aus dem Herzen, dann ist er auch bald tot oder ratlos. In John Fords Western MY DARLING CLEMENTINE, wo ein trunkener Schauspieler im Saloon im „Hamlet“-Monolog steckenbleibt und Doc Holiday ihm weiterhilft, ist der eine so ratlos wie der andere kurz darauf tot.

330 tempest
DVD Cover (New Age 21 Home Entertainment)

Und, natürlich, denkt man gleich ans Kino, wenn zum hundertsten mal das Zitat benutzt wird: „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind, und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt.“ Es stammt von Prospero aus „Der Sturm“ (4. Akt, 1. Szene), diesem Spätwerk, das ganz nebenbei die seltsamsten und mutigsten Verfilmungen provoziert hat. Es ist die Geschichte von einem Schiffbruch, ganz direkt, von einem Schiffbruch der Seelen, und vom Schiffbruch der Menschheit. 1956 als Science Fiction-Film „FORBIDDEN PLANET (Alarm im Weltall) war’s ein Schiffbruch mit Roboter, 1979 entfachte Derek Jarman eine mächtigen, todessüchtigen Bildersturm, 1982 erzählte Paul Mazursky mit John Cassavetes und Gena Rowlands als amerikanisches Ehepaar im Griechenland der Gegenwart, unter anderem vom Schiffbruch einer Familie, als eine Komödie, bei der man manchmal heulen möchte vor Trauer, und 1991 dekonstruierte Peter Greenaway auf seine Fleisch- und Text-Weise Stoff und Autor. Julie Taymor besetzte Prospero, natürlich als Prospera, 2010 mit Helen Mirren, und in „Sturm über Mississippi“ (1998) lässt Jack Bender Peter Fonda als Plantagenbesitzer in den Südstaaten mit einem Sklaven-Caliban ringen.

Shakespeare ist keine Garantie für einen guten Film, gewiss nicht. Aber merkwürdigerweise eine unwiderstehliche Versuchung, bei der Übertragung irgendetwas Verrücktes zu tun. Mehr als das Naheliegende wie, nur zum Beispiel, Romeo und Julia in den Ghetto- und Gang Wars anzusiedeln vielleicht, und den Stoff als endlosen Videoclip mit Claire Danes und Leonardo DiCaprio zu präsentieren, wie Baz Luhrmann 1996, Othello als Blaxploitation (mit vertauschten Geschlechterrollen) in SWITCHBLADE SISTERS (1975) oder als Söldnerdrama mit einem bemerkenswert fiesen Jago von Tony Curtis in BLACK COMMANDO (1982). Hamlet, der Zögerer, wie man weiß, sollte in Helmut Käutners DER REST IST SCHWEIGEN (1959) in Gestalt von Hardy Krüger das Rumoren in Ruhr-Dynastien im Nachkrieg illustrieren. Aber damals führte natürlich kein Weg von Bildung zu Revolte.

Wie „Tempest“ so ist auch „King Lear“ ein so verzweifelter wie schöner und widerspenstiger Stoff, dass das Kino ihn weiter und weiter erzählen kann. Grigori Kosinzev (1969), Peter Brook (1971) und Akira Kurosawa (1985) erzählten in sehr eigenen Bildern vom Untergang der Macht. Und jeder von ihnen sah etwas ganz anderes in der doppelten Auflösung des Königs. Vielleicht ist noch der „Sommernachtstraum“ so offen, das Lebens- und Liebes-Gegenbild zu Schiffbruch und Wahnsinn, dass sich Filmemacher von William Dieterle bis Woody Allen so ungewohnte Freiheiten herausnehmen können. Nicht bloß gegen Shakespeare, sondern auch gegen den Rest der Welt.

Was ist ein guter Shakespeare-Film? Die einfachste Antwort: Wenn gute Schauspieler und gute Regisseure ihren Shakespeare-Film gemacht haben, den manche einfach machen müssen. Laurence Olivier, Orson Welles, Roman Polanski, Aki Kaurismäki und viele andere. Zweite Antwort: Wenn ein Film anhand von William Shakespeare zeigt, was der Unterschied zu einer Theateraufführung ist. Oder untersucht, was das ist, Theaterspielen, wie Al Pacinos LOOKING FOR RICHARD. Filme, die ihre ganze visuelle Phantasie aufwenden, um den Texten stand zu halten. Das dritte sind Filme, die an Shakespeare mehr oder weniger inspirierend verrückt werden. Das vierte sind Filme, die betrachten, was dieser Autor und seine Interpretation mit Menschen anstellen können, auch zwischen den Kulturen wie Merchant/Ivorys SHAKESPEARE WALLAH (1965). Und dann sind da noch Filme, die an die Quelle zurückkehren. An den Tumult von Leben und Theater, wie Ernst Lubitschs TO BE OR NOT TO BE, wo hinter der Bühne die groteske Liebes- und Eifersuchtsgeschichte ebenso abläuft wie der furchtbare Zivilisationsbruch der Nazis. Ein guter Shakespeare-Film muss nicht viel von Shakespeare zeigen. Er muss mit Shakespeare sehen.

 

Georg Seeßlen, Die Zeit

 

 

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