Maria Lassnig gehört zu den Großen der figurativen Malerei. Als Künstlerin trieb sie wie vielleicht keine seither die Erforschung des Leibes mit malerischen Mitteln auf die Spitze. Das von ihr sogenannte „Körpergehäuse“ bis in die letzten Winkel in die feinsten Emotionen hinein zu erfühlen, den Leib als DAS unabdingbare Medium, von dem alles Denken und Fühlen ausgeht, zu begreifen, das blieb lebenslang ihr Thema. Doch wie Sinnesempfindungen visuell darstellen und wie diese mit Ideen koppeln, ohne Rekurs auf Symbolik, Narration, Realitätsbezug oder Erinnerung? Mit diesen komplexen Erkenntnissen und Fragestellungen im Kopf malte die 1919 in Kärnten geborene Künstlerin schon früh Bilder, die jahrzehntelang keiner verstand. Zu fremd, zu jenseits aller Konventionen war ihre Bildsprache. Und so blieb ihr Lebensweg, der von Wien über Paris bis nach New York führte, lange steinig und einsam, der Ruhm kam erst spät.

Im Gutshaus Steglitz kann derzeit eine hochkarätige Auswahl ihrer Gemälde und Zeichnungen aus der Sammlung Klewan eventuell neu- oder wiederentdeckt werden. Und gleich der Auftakt ist beeindruckend. Gezeigt werden die aus den 1960er Jahren stammenden „Monster-Bilder“: rätselhafte Figuren, seltsam deformierte Gesichter und vereinzelte Körperteile, die wie Inseln im Raum schweben. Hier ein Kopf vom Rumpf abgetrennt, aus seinen Ohren wachsen seltsame Antennen, dort Beine, die abtauchen, als stürzten sie in einen Pool. Auf einem anderen Gemälde verschmilzt ein Gesäß mit einem Fauteuil oder ein Doppel-Gesicht gebiert zahlreiche kugelnde Äpfel. Bilder zwischen Traum und Wirklichkeit, Bilder, die nichts illustrieren, die ohne Halt und Interpretationshilfen auskommen. Denn auch die durchweg monochromen und gegenstandslos gehaltenen Hintergründe lassen keinerlei Rückschlüsse auf Ort, Zeit oder Situation zu.

Die Ergebnisse ihrer introspektiven Erlebnisse nannte Maria Lassnig „Körperbewusstseinsbilder“ bzw. „Body awareness paintings“. Um nicht das zu malen, was „man“ sieht, sondern das, was „man“ fühlt, entstanden die Gemälde dem Vernehmen nach oft im Liegen, mit geschlossenen Augen und mit Stöpseln in den hoch sensiblen Ohren. Für bestimmte Gefühlszustände schuf sie später einen eigenen Farb- und Begriffskanon. Von Kälte- oder Qualfarben, Druck- oder Völlefarben, Höhlungs- und Quetschfarben ist dann die Rede. Wiewohl es häufig um Schmerzliches oder Drastisches geht, um die Unerträglichkeit oder Einsamkeit des Seins, dominiert nie ein existenziell düsterer Ton.
Im Gegenteil. In den Bildern steckt hintergründiger, manchmal auch bitterer Humor, wie in dem Gemälde „Brettl vorm Kopf“ (1967) oder „Selbstportrait mit Ordenskette“. Hier ist einer ganz in Rosa und Orange-Violett gehaltenen, einäugigen Kopffigur der sprichwörtliche Kragen geplatzt. Der Hals ist zornig angeschwollen. Für die von dünnen Ärmchen gehaltene Ordenskette, an der merkwürdige hominoidenartige Objekte hängen, bleibt kein Platz. Oder ist die Kette wegen des Wutausbruchs gerade gerissen? Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die linke Hand einen kleinen Stinkefinger hebt. Offensichtlich macht die Künstlerin sich hier über all die (männlichen) geistigen und weltlichen Würdenträger lustig, die als Sinnbild ihrer Macht sich mit dergleichen Insignien brüsten.

Maria Lassnig Fruchtbarkeit, 1964, Öl auf Leinwand / Oil on canvas 100 × 80 cm, © Maria Lassnig Stiftung/Foundation / VG Bild-Kunst Bonn 2022


Wiewohl Maria Lassnig nie als feministische Malerin verstanden werden wollte, war ihr durchaus bewusst, wie männlich dominierte Machtgefüge die (künstlerische) Freiheit von Frauen einschränken. Dass sie jedoch von Kindheit an von ihrem malerischen Talent überzeugt war und sich gegen alle Widerstände nie von Männern beeinflussen ließ – schon früh entschied sie sich gegen die Ehe und eine eigene Familie – das erfährt der Besucher in einem 8-minütigen Film von 1992, der sogenannten „Maria Lassnig Kantate“. In unterschiedlichsten, herrlich schrägen Kostümen besingt sie selbstironisch und ganz vergnügt einzelne Stationen ihres Lebens, während im Hintergrund selbstgezeichnete Trickfilme ablaufen.

Die Räume mit den Zeichnungen aus drei Jahrzehnten veranschaulichen einmal mehr, wie unermüdlich und unerschrocken Maria Lassnig ihren Sinnes- und Selbstwahrnehmungen nachspürte. Die Arbeiten bestechen durch ihre Frische, durch ihren Witz. So direkt, so kühn winden sich da die Linien und Striche, als könnten die Figuren und Formen gleich in Bewegung geraten, mit Leben gefüllt werden. „Mit Konturen beginnt alles“, dieses Zitat erklärt das fortwährende Interesse der Künstlerin am Grafischen, doch der Pinsel war und blieb ihr das Wichtigste.
Den goldenen Löwen der Kunstbiennale Venedig erhielt Maria Lassnig erst kurz vor ihrem Tod 2013. Die Kunstwelt hatte zu spät begriffen, dass diese „Hirnforscherin auf dem Terrain der Malerei“ in die Reihe der großen Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts gehört. Heutzutage erreichen ihre Bilder Millionenpreise, ihr Name wird in einem Atemzug mit Louise Bourgeois, Joan Mitchell oder Germaine Richier genannt. Doch keine ging bei den Erforschung der Wahrnehmung so weit, keine ist der Linie ihres Körperempfindens so konsequent gefolgt wie Maria Lassnig.

Daniela Kloock

Bild ganz oben: Maria Lassnig,
Selbstporträt mit Ordenskette, 1963,
Öl auf Leinwand, 100 × 73 cm,
© Maria Lassnig Stiftung/Foundation / VG Bild-Kunst Bonn 2022

AUSSTELLUNG

Maria Lassnig – Werke aus der Sammlung Klewan
bis 26.2.2023

Gutshaus Steglitz
Schlossstr. 48, 12165 Berlin
bis 26. Februar 2023
Schließtage: jeder 1. Dienstag im Monat und 24.-26.12.2022 / 31.12.2022 / 1.1.2023
www.kultur-steglitz-zehlendorf.de
Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr
Eintritt frei

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