Werden die großen Filmfestivals auch in Zukunft ihre Autorität behaupten können?

Wenn die großen Filmfestivals beginnen, werden auch diejenigen, die nichts mit dem Kino am Hut haben, auf Berlin, Cannes, Venedig und Locarno aufmerksam. Gestern etwa begann das Festival von Locarno, und am 1. September wird das von Venedig eröffnet. Doch worin liegt eigentlich der Sinn und Zweck dieser Veranstaltungen? Im Zeitalter des Digitalen stellt sich diese Frage mehr denn je. Denn auch für die Ware Film entstehen neue Plattformen des Vertriebs, der Verwertung und Kommunikation.

Noch kann man sagen: Wenn Film ein Fenster zur Welt ist, sind Festivals das Schaufenster fürs Kino. Bislang wird nur hier ein bestimmtes Spektrum an Filmen aus einem breiten Angebot vorsortiert und vorgestellt. Allein die Tatsache, aus einem riesigen Angebot an Filmproduktionen für ein Festival ausgewählt worden zu sein, ist ein wertvolles Label für die Vermarktung eines Films. Der Regisseur, der hier einen Preis erhält, muss sich um einen Platz auf der Karte des Weltkinos nicht sorgen. So wären etwa Pedro Almodóvar, Abbas Kiarostami, Cristian Mungiu oder Apichatpong Weerasethakul ohne ihre Festivalpreise bestenfalls in ihren Heimatländern oder nur einem kleinen Kennerkreis bekannt.

Doch Filmfestivals sind nicht nur eine Synthese aus mehr oder weniger durchschaubaren Selektions- und Ordnungsprozessen sowie Strategien zur Lenkung massenmedialer Aufmerksamkeit, sondern auch eine Form der Publikumsbetreuung. Denn jenseits auratisch aufgeladener Seh(n)suchtsorte wie Cannes oder Venedig existieren viele kleine und mittelformatige Festivals, Filmtage und Filmwochen, deren Existenz überregional kaum bekannt ist. Diese sind vor allem kulturpolitisch bedeutsam, weil sie wenigstens teilweise die immer größer werdenden Lücken schließen, die das Sterben von Programm- und kommunalen Kinos hinterlassen.

Es ist indes das Internet, durch das die Filmfestivals sowohl ihre Funktion der „selektierenden Autorität“ als auch ihre Geltung als Ort des Filmerlebens verlieren könnten. Denn in der digitalen Welt gibt es immer mehr Menschen, deren primäre Interaktion mit Film über das neue Universal-Medium geschieht. So sind (Vor-) Kenntnisse nicht länger abhängig von Universitätsseminaren, Besuchen der Filmbibliotheken und einschlägigen Festivals. Und statt nach den Urteilen prominent besetzter Jurys oder wichtiger Feuilletons zu gehen, orientiert man sich heutzutage mehr an den Eintragungen im Netz. Internetseiten wie rottentomatoes, imdb, metacritic und hierzulande critic.de, cargo-film.de oder die Blogs bestimmter Filmfreaks sind für manche längst zu Hauptorientierungspunkten geworden. Und die Netzdebatten sind zuweilen durchaus spannend, aktuell und dialogisch.

Vor allem aber sind sie an keinen Ort und keine feste Zeit gebunden. Es könnte also durchaus sein, dass die Funktion von Kuratoren, Festivalleitungen und Jurys schneller als vermutet brüchig wird beziehungsweise neu überdacht werden muss. Vor allem dann, wenn der kommerzielle Aspekt der Festivals sich weiter aus- und verlagert. Online entstehen neue Verleih- und Vertriebswege, die über kurz oder lang Auswirkungen auf die gesamte Filmlandschaft haben werden. Bislang ist es so, dass die Mehrzahl der Filme kein Publikum findet (über 1 000 Filme werden jährlich allein in Europa produziert); sie kommen weder ins Kino noch ins Fernsehen. Das Netz als Plattform wird hier neue Wege des Filmvertriebs, aber auch des Filmerlebens schaffen.

So kann man beispielsweise alle Filme von Agnes Varda ebenso wie die Cannes-Favoriten des vergangenen Jahres in voller Länge online bei www.theauteurs.com beziehungsweise bei www.mubi.com sehen. Man braucht lediglich einen kostenlosen Account. Und es ist durchaus denkbar, dass in Zukunft der Wettbewerbsfilm eines Festivals seinen zeitgleichen Auftritt im Internet hat. Dann entschiedet sich möglicherweise dort auch, ob ein Film nun preisverdächtig ist oder nicht.

Die Festivals werden sich jedenfalls etwas einfallen lassen müssen – jenseits neuer Auswertungs- und Refinanzierungsmodelle, die auch zur Debatte stehen. Docken sie sich zunehmend an das Internet an? Öffnen sie sich gegenüber anderen Künsten im Netz, wie es seit 1997 bereits das (erste) digitale Filmfestival „onedotzero“ (Großbritannien) macht? Oder gehen sie ganz andere Wege, um sich ein attraktives Profil oder Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen? Das Festival Aurora in Norwich (GB) diskutierte beispielsweise im vergangenen Jahr etwas ganz Überraschendes. Statt, wie etwa die Berlinale, immer größer zu werden und dabei immer unübersichtlicher und vielleicht auch belangloser, kehrte man hier zu EINER einzigen Leinwand zurück. EIN kompakter Veranstaltungsort als Sinnbild für die (Ver-)Sammlung und das einmalige Kinoerlebnis. Also hin zur Verkleinerung und Vereinfachung? Vielleicht ist die Idee der radikalen Reduktion und Konzentration gar nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick scheint.

Text: Daniela Kloock

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