Chef’s Table – Tim Raue (Regie: Abigail Fuller) | Atlantic (Regie: Risteard O Domhnaill)

Kulinarisches Kino: PASSION FOOD

Culinary Cinema im Programm der BERLINALE 2017

Über einen unsympathischen Koch und einen wichtigen Film

Tim Raue, der vom Ghettokind zum Star- und Zwei-Sterne-Koch aufgestiegene Liebling der Medien, serviert bei der diesjährigen Berlinale nicht nur ein 4-Gänge Menü für knapp 100 Euro, sondern ist auch selbst Held in einer Episode   der Netflix-Serie „Chef´s Table“ (USA 2016). Hier erfährt jeder, wie schlimm Raues Kindheit und Jugend war – seine „intellektuell limitierte Mutter“ (O-Ton) und sein prügelnder Vater – und wie ihm das Kochen half, seine dunklen Seiten zu zähmen. Was nicht heißt, dass er sich jetzt sonderlich im Griff hat. Sein fröhliche Zuruf: „Beweg deinen verfickten Arsch“ (Zitat aus dem Film), soll zum Beispiel eine Kellnerin beschleunigen – dass dies der Umgangston in seiner Küche ist, sofern er selbst überhaupt noch drin steht, glaubt man sofort. Inszeniert und gedreht ist diese 48-minütige Episode der Doku-Serie „Chef’s Table“  von der Dokumentarfilmerin Abigail Fuller, die bereits einen Emmy Award und zahlreiche Preise auf internationalen Festivals gewonnen hat. Als klar war, dass die Produktion in Auftrag geht, hat Raue fix auch noch ein Foto / Rezept / Autobiografie Buch produziert, welches vollkommen ironiefrei den Titel trägt: „Tim Raue – My Way“. Und so kann er jetzt nicht nur Interviews zum Film geben, sondern auch noch zu seinem Buch, und vielleicht gibt es demnächst auch noch die passende Musik dazu. Ach, unser Tim, einfach ein genialer Selbstvermarkter und eine heilige Kuh dazu; denn niemand würde wagen, öffentlich auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass seine Restaurants vielleicht doch nicht ganz so toll sind, wie immer wieder beschrieben, und, dass zum Beispiel in seinen Colette Bistros in München, Berlin und Konstanz eiskalt Froschschenkel auf der Karte stehen.

Dabei hat sich doch der Schwerpunkt „kulinarisches Kino“ – eine Erfindung von Dieter Kosslick und nach wie vor das Lieblingskind des leidenschaftlichen Gourmets und passionierten Vegetariers – auf die Fahnen geschrieben uns Konsumenten ein bisschen zu erziehen, oder harmloser ausgedrückt, aufzuklären. Wie können wir unser Essverhalten verbessern – zum eigenen Wohle, aber auch zu dem der Tiere? Im „kulinarischen Kino“ sollen Filmemacher und Köche eigentlich erzählen, was Essen überhaupt bedeutet, und was für eine gigantische Industrie die Lebensmittelproduktion ist. Von all dem ist bei Raue keine Rede.

Genau davon handelt jedoch dankenswerter Weise ein Film der Reihe, der an dieser Stelle unbedingt gewürdigt werden soll. Norwegische, kanadische und irische Fischer berichten in „Atlantic“ eindrücklich über die Veränderung ihrer Fanggründe. Eine absurde Politik der EU, die brutale Überfischung toleriert, und die skrupellosen Praktiken der Ölindustrie führen zu massiven Veränderungen des atlantischen Ökosystems. Besonders betroffen von letzterem ist der Norden Norwegens, die bisher noch weitgehend intakten Gewässer der Lofoten, Vesteralen und der Küsten bis zum Nordkap. Da die Bodenreserven im Süden des Landes zu Ende gehen, tobt hier ein ungleicher Interessen-Krieg. Die Detonationen ihrer Sprengungen wirken sich über 200 Kilometer weit im Meer aus und sind für die Lebewesen ein einziger Terror. Darüber sprechen die Umweltschützer und die Fischer, und ihr Engagement erscheint ebenso hoffnungslos wie bewundernswert. Viele Szenen des Films dokumentieren die grauenvollen Fangmethoden der internationalen Trawler, deren gigantische Schleppnetze abertausende Tonnen Fische an Bord ziehen, von denen die Hälfte als Müll wieder im Meer landet. Wie Fangquoten manipuliert werden und welche mafiösen Methoden angewendet werden, auch hierzu gibt der Film Informationen. Die skrupellose Art der Fischerei wird kontrastiert mit den „einfachen“ und traditionellen Fangmethoden der Fischer vor Ort, für die es keine Zukunft zu geben scheint. Der Film – mit Bildern einer verschwindenden Welt – ist ein großer Appell an uns, Fisch bewusster zu essen. Und Herrn Kosslick sollten wir lieber nicht fragen, woher Tim Raue den Kabeljau für das Berlinale Menü hat.

Daniela Kloock

Bild:  Atlantic | Kulinarisches Kino | IRL/CAN/NOR 2016 | von: Risteard Ó Domhnaill

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