Licht (Regie: Barbara Albert)

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Sehen kann wehtun ….

Der Film handelt von zwei Menschen, die im Rokoko vermutlich über 200 Jahre zu früh lebten. Die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis (1759–1824) hat es wirklich gegeben, sie war ein Wunderkind am Klavier, eine großartige Komponistin und vermutlich die erste sogenannte Musikpädagogin. In Barbara Alberts Film ist sie vor allem der Goldesel prestigesüchtiger Eltern, für die die Blindheit ein riesiges Vermarktungsmanko darstellt. Nach zahllosen Fehlbehandlungen trifft sie, auch dies entspricht historischen Tatsachen, den Wiener Arzt und Magnetiseur Franz Anton Mesmer (1734 –1815), dessen Erkenntnisse fast 100 Jahre später u.a. auch Sigmund Freud beschäftigten. Als Resi, so wird sie meistens genannt, Mesmer das erste mal begegnet und dieser sie bittet das „Pudergespenst“ in Form einer monströsen Perücke abzunehmen, sehen wir ihren kahl geschorenen Schädel voller Narben und Schrunden. Und dies sind nur die sichtbaren Zeichen der Verwundungen, die ihr zugefügt wurden. Beim sogenannten Wunderheiler erfährt die junge Frau das erste Mal überhaupt echte Zuwendung, vor allem beim gemeinsamen Klavierspiel kommen die beiden sich nahe. Und tatsächlich setzt eine Heilung ein, Resi beginnt zu sehen – Schatten erst und Konturen, und dann zunehmend mehr. Doch das Glück währt nicht lange. Zu missgünstig beobachtet die intrigante gehobene Gesellschaft das Geschehen in Mesmers Sanatorium, welches von seiner reichen Gattin finanziert wird. Man gönnt ihm den Erfolg nicht, hält alles für Schwindel. Vor allem jedoch verliert die Pianistin mit zunehmender Sehkraft ihre Virtuosität am Klavier, so dass die erbosten Eltern ihr Kind zurückholen.

Die Schauspielerin Maria Dragus (Das weiße Band und Tiger Girl) wurde für den Film mit detailverliebten Kleidungsstücken aus der Zeit ebenso ausstaffiert (ein Lob an die Perückenbauer und Kostümbildner) wie mit Kontaktlinsen, die die trüben Augen der Musikerin simulieren sollen. Sie verdreht diese und sich selbst auch wirklich gekonnt. Die Kamera (Christine A. Maier) saugt sich an ihrem Gesicht fest, verfolgt distanzlos den angestrengten, zuweilen ekstatischen Ausdruck und die ruckartigen Bewegungen, die die Schauspielerin sich in monatelangem Studium mit und bei blinden Menschen antrainiert hat. Diese langen, für manche vielleicht schwer aushaltbaren Szenen könnten eine aggressive, provokante oder auch vieldeutige Note haben, wenn man nur wüsste, in welchem Kontext sie stehen bzw. was eigentlich das Thema des Films sein soll …

Devid Striesow als Mesmer ist der etwas geckenhaft wirkende Arzt, der im Unklaren lässt wie weit sein Interesse an Resi geht. Sein Sanatorium, ein skurriler Ort mit karikaturenhaft verzerrtem Personal, dient vor allem dazu, die Diskrepanz zwischen der dekadenten höfischen Welt und dem ausgebeuteten Dienstpersonal anschaulich zu machen, bzw. zu zeigen, wie schlimm die Verhältnisse in dieser Zeit waren. Die Figuren des Films werden so zu reinen Bedeutungsträgern, was sie letztendlich stereotyp und uninteressant macht. Alles wird zwar opulent serviert, aber Appetit stellt sich nicht ein. Auch die Exkurse zum Leib-Seele Problem oder die eingesprengelten wahrnehmungstheoretischen Reflexionen, sowie die große Frage, was die Welt der Begriffe eigentlich mit unserem Sehen macht – all dies wird zwar irgendwie im Film angesprochen, aber kommt nicht wirklich zum Tragen. Offensichtlich war man bemüht einen Historien- wie Kostümfilm zu schaffen, der gleichzeitig eine detaillierte Milieustudie sein soll, der noch dazu ein Künstlerinnen- und Frauenschicksal zeigt, der die Körper- und Familienpolitik der damaligen Zeit kritisiert und dann auch noch ethnologisch korrekt sein muss. Die Schauspieler sprechen mal Wienerisch, mal richtig schwer zu verstehenden Dialekt, mal höfisch französisch verschraubt und dann wieder hochdeutsch. Womit wir bei der Sprache wären.

Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ auf dem der Film beruht, ist virtuos, raffiniert gebaut, ein einziger Lesegenuss. Das Buch sei hiermit in Erinnerung gebracht und empfohlen.

Daniela Kloock

Bilder: © Farbfilm

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