Abschied nehmen: Jessica Krummachers BERLINALE-Film „Zum Tod meiner Mutter“ |

Lachen, Weinen, Schlafen, Erinnern – Abschied nehmen. In „Zum Tod meiner Mutter“ geht es um das langsame Sterben einer Frau/einer Mutter in einem Hospitz. Nach vorangegangener, schwerer Krankheit möchte sie ihrem Leben ein Ende machen. Kein Essen und kein Trinken mehr für Kerstin (Elsie de Brauw). Doch sie ist nicht allein, sie wird von ihrer Lieblings-Tochter Juliane (Birte Schnöink) bis zum letzten Atemzug begleitet.

Jessica Krummmacher greift in ihren Filmen existentielle Themen auf. Bereits „Totem“, der erster Langfilm der Regisseurin, der 2012 in Cannes lief, behandelte ein schwieriges Thema. Damals ging es um den Selbstmord einer osteuropäischen Haushaltshilfe in einer deutschen Familie. Sprachlosigkeit, seltsame Rituale, die ganzen Merkwürdigkeiten von latent vorhandenen Gewalt- und Machtverhältnissen spielten in diesem Film eine Rolle. Dagegen hat „Zum Tod meiner Mutter“, der jetzt auf der Berlinale vorgestellt wird, einen zärtlichen, sensiblen Grundton. „Der Tod gehöre für sie zum Leben“, erklärt die Regisseurin in einem Interview. Auch ihre Mutter entschied mit Mitte 60 und schwer krank die Nahrungsaufnahme einzustellen. Sehr genaue, intime Beobachtungen sind es, die womöglich nur jemand visualisieren kann, der selbst dergleichen erlebt hat. Hilflosigkeit, Verzweiflung und die schmerzhafte Einsamkeit derjenigen, die einen Sterbenden begleiten, werden von der Regisseurin fast dokumentarisch festgehalten. Zuweilen vergisst man, dass es ein Spielfilm ist. Das liegt nicht nur an den hervorragenden SchauspielerInnen, sondern auch an der (Hand)Kamera von Gerald Kerkletz.

Wie banal auf einmal alle Gespräche klingen, und überhaupt, was und wie redet man am Bett eines Menschen, der bald nicht mehr sein wird? Jessica Krummacher wagt viel. Sie zeigt die Tocher bei allen möglichen Varianten des sich-Stellens angesichts dieser Ungeheuerlichkeit: kleine Fluchten in die Natur, in die Literatur, in den Alkohol. Erleichternd wirken auch die stilistisch überraschenden Brüche: Eine Krankenschwester fängt plötzlich an zu tanzen, eine Pflegerin spielt Klavier, Juliane rezitiert aus Brechts Tagebüchern. Und zuweilen wird es auch makaber, komisch. „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ sagt ein Kellner in einem Lokal, wo einst Helmut Kohl saß. Hier ißt Juliane mit Freunden den berühmten Saumagen, kurz nachdem die Mutter Essen und Trinken verweigert hat. Irgendwann wünschen sich aber alle – auch wir Zuschauenden – , daß es vorbei sein möge.

In der Vorführung saß ich allein mit zwei weiteren Menschen. So viel Angst macht dieses Thema?

 

Daniela Kloock

 

Bild oben: Zum Tod meiner Mutter (Regie: Jessica Krummacher) | DEU 2022 |

Sektion: Begegnungen | © Gerald Kerkletz

 

„Zum Tod meiner Mutter“ hatte in der BERLINALE Sektion Encounters  Premiere.

Die Sektion Encounters bietet ästhetisch und strukturell wagemutigen Arbeiten von unabhängigen, innovativen Filmschaffenden eine Plattform. Ziel ist es, neue Perspektiven des Kinos zu fördern und der Vielfalt narrativer und dokumentarischer Formen mehr Raum in der offiziellen Auswahl zu verschaffen.

Encounters ist eine kompetitive Sektion, die sich als Kontrapunkt und Ergänzung des Wettbewerbs neuen filmischen Visionen verschreibt. Die ausgewählten Werke stellen die traditionellen Formen des Kinos infrage und fordern im gleichen Zug das Publikum zur Reflektion seiner Sichtweisen auf. Als Spiegel der lebendigen Energie der verschiedenen Produktionsweisen, die im 21. Jahrhundert entwickelt wurden, ist Encounters ein Treffpunkt sowohl für Filmemacher*innen und Produzent*innen, Programmer*innen und Filmkritiker*innen als auch für Cinephile und Festivalliebhaber*innen.



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