Sag mir, wo die Blumen sind … |

Der Krieg im Kosovo, offiziell seit 1990 beendet und längst aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt, ist jedoch nach wie vor allgegenwärtig, vor allem für Frauen. Häufig sind sie es, die ihre Familien durchbringen müssen, da Ehemänner, Brüder oder Söhne im Krieg verschleppt oder getötet wurden. Bis heute bleiben viele unauffindbar und die „Zurückgebliebenen“ müssen mit einer unerträglichen Ungewissheit zurechtkommen.

„Hive“, beim letztjährigen Sundance Filmfestival mit gleich drei Hauptpreisen versehen, beginnt mit der Suche einer Frau nach ihrem Mann. Ein Massengrab ist entdeckt worden, man ist dabei, die Leichen abzutransportieren als Fahrije (die Hauptfigur des Films) versucht, unter den abgedeckten Toten irgendwo ihren vermissten Agim wiederzufinden. „Hive“ („Der Bienenstock“), das Debut der albanisch-kosovarischen Regisseurin Blerta Basholli, beruht auf der wahren Geschichte von Fahrije Hoti. Diese verwirklichte nach einem grauenvollen Massaker des serbischen Militärs, gegen alle Widerstände und sogar unter Lebensgefahr eine unternehmerische Idee und sorgte im ganzen Land für Aufsehen.

Sieben Jahre der Ungewissheit, der Angst und der Trauer hat Fahrije (Yllka Gashi) bereits hinter sich, so erfährt man später. Agim, der als Bienenzüchter arbeitet, gilt schon länger als offiziell vermisst. Er war der Ernährer der Familie, vor allem mithilfe seiner zahlreichen Bienenstöcke. Doch seit er nicht mehr da ist, geben die Bienen immer weniger Honig. Auch reicht das vom Sozialamt zugewiesene Geld nicht. Wie also die Familie, eine Teenager-Tochter, einen kleinen Sohn und den misslaunigen, im Rollstuhl sitzenden Schwiegervater durchbringen? Jede Initiative außerhalb einer hauswirtschaftlichen Tätigkeit ist Tabu für Frauen, Geschäftsideen zu entwickeln ein totales „No-Go“. Selbstständigkeit und Initiative bedeuten gleich mehrfache, zum Teil gefährliche Tabubrüche. Nicht nur, dass damit deutlich wird, eine Rückkehr der „Verschollenen“ für unwahrscheinlich zu halten. Es ist auch eine Kampfansage an die fast unvorstellbaren – weil so aus unserer Zeit gefallenen – patriarchalen Macht- und Ordnungssysteme. Im Dorf sind sich dann auch alle einig, was der Schwiegervater (Çun Lajçi) offen ausspricht: „Eine Witwe soll Hausarbeit machen, ihre Familie respektieren und zu Hause bleiben“. Übles Getratsche bis hin zu einer versuchten Vergewaltigung, all das muss Fahrije überstehen. Doch sie kämpft erfolgreich gegen alle Widerstände, gegen die latente und offene Gewaltbereitschaft der übrig gebliebenen Männer. Sie macht den Führerschein, kauft ein altes Auto und beginnt Ajvar, eine scharfe Soße aus Paprika, herzustellen und mithilfe einer Freundin im Supermarkt zu verkaufen. Nach und nach motiviert sie andere Frauen mitzumachen und eine schier unglaubliche Emanzipationsgeschichte kommt ins Rollen.

Es ist nicht nur dem überzeugenden Spiel der DarstellerInnen, allen voran Yllka Gashi, zu verdanken, dass der Film nicht ins Melodramatische oder kitschig-Klischeehafte abdriftet. Auch die hervorragende Kamera (Alex Bloom) trägt dazu bei. Sie schafft atmosphärisch dichte Bilder und eine dokumentarische Direktheit, die überzeugt. Vor allem jedoch gelingt es der Regisseurin, zahlreiche komplexe Themen mit leichter Hand zu verknüpfen. Und so folgt man ihr gerne auf eine Reise ins Land des Trauerns und der Kämpfe, aber auch der hoffnungsvollen Neu-Anfänge.

 

Daniela Kloock

Bild: jip film & verleih

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