Hollywood – eine Alptraumfabrik | 

Ein Film über die Kraft und den Mut von Frauen – über die gleichermaßen gefährliche wie komplizierte Demontage eines perfiden, patriarchalen Machtsystems, das ist „She Said“, der neue Film von Maria Schrader.

Basierend auf der Buchvorlage von Megan Twohey und Jodi Kantor, folgt die Regisseurin der Geschichte dieser beiden New York Times-JournalistInnen. Ein Heldinnenstück war es. Ihrer Arbeit und ihrer Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass eine Mauer des Schweigens und der Angst zum Einsturz kam, die um einen der mächtigsten Männer Hollywoods gezogen worden war. Es geht um die Sexual-Verbrechen des Königsmachers Harvey Weinstein. Denn Weinstein, Sohn eines jüdischen Diamantenhändlers, war nicht nur Chef von Miramax, einer der erfolgreichsten US-amerikanischen Produktionsfirmen, sondern auch derjenige, der Filmemacher wie Quentin Tarantino oder Martin Scorsese groß gemacht bzw. finanziert hat.

Auf der Hinterbühne Hollywoods jedoch war er DER Mann, der über Jahrzehnte Frauen in seinem Umfeld eingeschüchtert, belästigt, bedroht, sexuell genötigt und vergewaltigt hat. Harvey Weinstein hielt all dies nicht nur für sein selbstverständliches Recht, sondern es war ihm darüberhinaus gelungen, ein dichtes, juristisch und geschäftlich abgesichertes Netz aus Verschleierungen und Stillhalteabkommen zu spinnen. Wie viele Männer mehr oder weniger daran beteiligt waren, bzw. von den Vergehen wussten, oder sogar davon profitierten, ahnt man spätestens nach der Hälfte des Films. Sie waren Mitwisser und Unterstützer, strategischer Teil – mittels Drohungen, Verschwiegenheitserklärungen oder finanziellen „Zuwendungen“ – die Vergehen Weinsteins zu verdecken.

Rebecca Corbett(Patricia Clarkson), Megan Twohey (Carey Mulligan) und Jodi Kantor (Zoe Kazan).

She Said“ ist ein doppeldeutiger Titel. Nicht nur, dass die Frauen vertraglich zum Schweigen verdammt waren, sondern sie lebten darüberhinaus immer in der Angst vor persönlichen, beruflichen und familiären Konsequenzen, sollte publik werden, was ihnen angetan worden war. Sie schwiegen auch aus Scham, oder schlichtweg weil sie vergessen und nicht erinnert werden wollten. Und so arbeiten Megan (Carey Mulligan) und Jodi (Zoe Kazan) sowohl gegen systemische und juristische, wie gegen psychologische Widerstände an.

Der Film zeigt die kleinteilige, mühsame Arbeit der beiden ReporterInnen nicht nur die betroffenen Frauen ausfindig zu machen und zu motivieren „ihre Geschichte“ zu veröffentlichen, sondern auch die das System absichernden Männer (Juristen/Geschäftspartner etc.) zur Rede zu stellen. Dabei werden ihnen nicht nur zahlreiche Türen vor der Nase zugeknallt oder Telefonate rüde beendet, sondern sie selbst begeben sich auch in Gefahr – wie eine nächtliche Szene mit einem sie verfolgenden SUV nur andeutet. Sogar ehemalige Mossad-Agenten hatte Weinstein auf Jodi und Megan angesetzt. Doch Regisseurin Maria Schrader und ihre Drehbuchautorin (Rebecca Lenkiewicz) wollten keinen Krimi drehen, sondern die ZuschauerInnen miterleben lassen, wie investigativer Journalismus funktioniert, und wie Professionalität und Zähigkeit, vor allem jedoch Solidarität am Ende zum Erfolg führen.

Dieser grundlegende Fokus läßt den Film zuweilen arg repetitiv geraten. Hinzukommt das nicht unbedingt überzeugende Spiel der beiden Darstellerinnen. Sie müssen nicht nur den mühsamen und frustrierenden Alltag von seriös klassisch arbeitenden Recherche-Journalistinnen darstellen, sondern auch Butterbrote schmieren, Kinder trösten und Ehemänner koordinieren. Der Film will damit auf das Dilemma zwischen Beruflichem und Privatem hinweisen, welches für Frauen immer noch problematischer ist als für Männer – sicher ein hehres Ziel, das zeigen zu wollen, nur wirken die Szenen eher unverbunden und sehr gewollt. Weit spannender hingegen sind die Nebenfiguren. Allen voran Ashley Judd, die sich als Einzige der von Weinstein mißbrauchten Frauen selbst spielt, und Samantha Morton in der Rolle von Zelda Perkins, Weinsteins langjähriger Assistentin. Sie spricht, während Zoe Kazan wie so oft die Augen vor Entsetzten noch weiter aufreißt, einen der durchschlagendsten Sätze des Films: „This is bigger than Weinstein, this is about a system protecting abusers.“

Auch wenn die Verurteilung Weinsteins und die #MeToo Bewegung einen riesigen Stein ins Rollen gebracht haben, bleibt die Frage, wieviele Harveys es nach wie vor gibt. Und: Dient der Film, der als schwer Oscarverdächtig gehandelt wird, nicht zuletzt auch als beklatschte Reinwaschung der dunkelsten Stellen der (Alp)Traumfabrik.

 

Daniela Kloock

 

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USA 2022

128 Minuten

Alle Bilder:   © 2022 Universal Studios 

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