Jud Süß – Film ohne Gewissen (Oskar Roehler)

Oskar Roehler ist ein Filmemacher, der etwas riskiert. Das geht, gelegentlich, in Zonen von Intimität und Peinlichkeit, aber immer weiß man, dass etwas auf dem Spiel steht beim Filmemachen, dass es Bilder gibt, die man nicht absichern und nicht zurücknehmen kann. Auf den ersten Blick überrascht, dass „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ eine fast schon konventionelle Spielfilm-Dramaturgie aufweist, ins Schauspieler- und Ausstattungskino lockt, Geschichte in psychologischem Realismus, Melodram und in geordneten Syntagmen auflöst, wie es andere tun; auf das, worauf der Film wirklich hinaus will, kommt man erst, wenn man auch diese Oberfläche als Teil eines komplizierteren und nun eben doch: riskanten Spiegel-Spiels zwischen Film, Geschichte und Psyche akzeptiert. Es geht um die Mitschuld der (Film)-Kunst im Nationalsozialismus und darum, wie sie erzeugt wurde.

Machen wir uns nichts vor: Es gibt keine „richtigen“ oder „falschen“ Filme über den Nationalsozialismus, für jede Perspektive gibt es ein Für und Wider, für jede künstlerische Methode Argumente und Gegenargumente. Und jedes mal lohnt die Auseinandersetzung, auch der Streit. Man kann nur lernen. Um so erstaunlicher erscheint mir das Verhalten des deutschen Publikums. Da scheint es nur Filme zu geben, die, wie man so sagt, einen Nerv treffen und ein großes Publikumsbeben auslösen, deutscher Hitler-Kitsch à la „Der Untergang“ oder amerikanische Frechheiten wie Tarantinos „Inglorious Basterds“, und andere Filme, die man mehr oder weniger höflich ignoriert. Es ist, als würde man sich allen Filmen verweigern, die eine kritische Mitarbeit erfordern oder nicht in eindeutige Statements zu übersetzen sind.

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52 Filmkritiken, geschrieben und veröffentlicht in den Jahren 2010 bis 2013, bieten Einblicke und Ansichten, vermitteln Zusammenhänge und Perspektiven.
Das Thema der Filmkritik ist das Filmesehen. Und Filmesehen ist eine Kunst. Und Georg Seeßlen versteht davon eine ganze Menge. Seine kompetente Übersetzung des audiovisuellen Mediums Film in Sprache ist tiefgründig, vielschichtig und bezieht aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen mit ein.
Gehen Sie mit Georg Seeßlen auf eine Reise in die Filmgeschichte. Eine Reise in Zeit und Raum.

 

 Bild: © Concorde Filmverleih GmbH

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