Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn (Steven Spielberg)

Pusteblume!

Das Kino des zerlegten Menschen: Steven Spielbergs Comic-Verfilmung „Tim und Struppi“

Wenn es etwas gibt, wofür das 3-D-Verfahren sich lohnt, dann für die künstlich erzeugten Nachfolger des guten alten Staubes, der im Licht der Projektoren auf der Leinwand zitterte: Funkenflug, Wassertropfen, Pusteblumen. Es sind die sehr kleinen Dinge, die den dreidimensionalen Raum erzeugen. Das tun sie auch in ein paar magischen Momenten des Films Tim und Struppi: Das Geheimnis der »Einhorn«.

Doch wenn wir damals im Staub der Projektorlampe zugesehen haben, wie ein Held erzeugt wird, sehen wir heute eher dem Zerfall, dem Zerlegen, vornehm: der Dekonstruktion, trashig: dem Zerhacken einer Person zu. Das ist gut so, denn in dieser staubfreien Zone versammeln sich die zerlegten und zerhackten Subjekte eines Zeitalters, das man als postidentisch bezeichnen kann.

Der postidentische Mensch hat es aufgegeben, jenen glücklichen Zustand zu erreichen, den Popeye, der Spinatmatrose, einmal mit den Worten beschrieb: »I yam what I yam an’ that’s all I yam« (zu Deutsch etwa »Ich bin, was ich bin, und das is’ alles, was ich bin«). Ich ist nicht einmal mehr ein anderer, und Tinkerbell lebt hier nicht mehr. Daher benötigen wir Helden, die uns das neue zerlegte Leben vormachen. Etwa indem sie sich wie der Held von Tim und Struppi der biografischen Grammatik verweigern und in einer ewigen Jugend einrichten.

Die postidentische Ära des Kinos geht einher mit der Erneuerung des Mediums aus dem Rechner. Und zwar in drei Schritten: Computeranimation, die stets verfeinerten Rendering-Verfahren (die errechnete Veränderung von Oberflächen und Lichteinfall) und schließlich das Motion Capture, mit dem man Aufnahmen von realen Schauspielern in hinreichende Datenmengen verwandelt, um sie etwa als Comicstrip-Figuren jenseits aller körperlichen Begrenzungen agieren zu lassen.

Die Herstellung eines Bewegungsbildes für einen Film wie Tim und Struppi darf dabei durchaus als metaphorisch angesehen werden: Schauspieler bewegen sich auf einer Bühne, die »Volume« genannt wird, etwa hundert Kameras verfolgen ihre Bewegungen und speichern die Daten anhand von an ihrem Körper angebrachten Lichtpunkten. Gleichzeitig tragen diese Schauspieler Helme, in denen eine eingebaute Kamera die Bewegung der Augen und des Mundes festhält. Mimik und Gestik werden dann wieder zusammengesetzt. Danach erfolgt das »digitale Make-up«: Die realen Schauspieler werden in die gewünschten Erscheinungen verpackt. In Spielbergs Tim und Struppi sind es großnasige, stark konturierte Comicfiguren, die perfekt nach dem gezeichneten Vorbild modelliert sind.

Ist also, was da zu sehen ist, ein realer Mensch, der nur ein besonders raffiniertes Kostüm und Make-up trägt, enthoben aller Stofflichkeit? Oder ist es eine Computerfigur, die auf perfekte Weise menschliche Vor-Bilder »verarbeitet«? Es ist das Beste von beiden Seiten, werden Spielberg und sein Produzent Peter Jackson sagen. Es ist das Schlimmste von beiden Seiten, sagen die Kulturpessimisten: der von der Bilder-Maschine gefressene Mensch…

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Das Thema der Filmkritik ist das Filmesehen. Und Filmesehen ist eine Kunst. Und Georg Seeßlen versteht davon eine ganze Menge. Seine kompetente Übersetzung des audiovisuellen Mediums Film in Sprache ist tiefgründig, vielschichtig und bezieht aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen mit ein.
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Bilder: © Sony Pictures

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