Eyes Wide Shut (Stanley Kubrick)

Kubricks Objekt der Begierde

Stanley Kubrick verfilmt die »Traumnovelle« von Arthur Schnitzler. Und er macht das natürlich, wie wir es von Stanley Kubrick gewohnt sind: Lange Vorbereitung, Dreharbeiten zwischen Perfektionismus und Folter – 90 Takes für eine einzige Aufnahme -, höchste Geheimhaltung. Und drumherum jede Menge Gerüchte und Legenden. Bei »Star Wars« nennt man so etwas »Hype«. Diesmal, so scheint es, soll alles auf einen erotischen Skandal hinaus. Haben Nicole Kidman und Tom Cruise, Hollywoods Traum-Ehepaar derzeit, wirklich richtig vor der Kamera? Hat Harvey Keitel, bevor er gefeuert wurde, wirklich auf das Kleid der Hauptdarstellerin? Sieht man wirklich dies? Und das auch? Und müssen wir wirklich so über Filme reden?

Kritik:

Müssen wir natürlich nicht. Die amerikanische Fassung von »Eyes Wide Shut« ist so zahm, daß man sich fragen mag, was die ganze Aufregung soll. Kubricks Film hat seinen eigenen, düsteren Erotismus, und daß er hier und dort die Grenzen zumindest des Gewohnten überschreitet, erklärt sich aus seinem Thema. »Eyes Wide Shut« handelt nämlich davon, wie das bürgerliche Konzept der Liebe vor unseren Augen durch Begehren und Eifersucht zerfällt, von der Lust und der Qual des Sehens, von der Verwandtschaft von Eros und Tod.

Ein bürgerliches Ehepaar. Liebevoll verabschiedet man sich vom Kind, um sich auf einen Ball zu begeben. Dort kommt es zu kleinen, kaum bedeutenden erotischen Irritationen. Am nächsten Tag steigen die »Schattengestalten« der Redoute, nachdem sie sich zunächst eher anregend gezeigt hatten, wieder auf, und »aus dem leichten Geplauder über die nichtigen Abenteuer der verflossenen Nacht gerieten sie in ein ernsteres Gespräch über jene verborgenen, kaum geahnten Wünsche, die auch in die klarste und reinste Seele trübe und gefährliche Wirbel zu reißen vermögen«. Und die beiden versuchen einander ihre geheimen Wünsche zu entlocken. Das Bild der geträumten Untreue, das Bild einer als Subjekt begehrenden Frau, das sich weder ins patriarchalische Modell der auf ewig untreuen Frau zurück bannen läßt, noch in eine Utopie der sexuellen Freiheit projizieren, wird für den Mann zum Auslöser einer bizarren erotischen Odyssee. Sie führt ihn von den überraschenden Avancen einer Frau, deren Vater gerade gestorben ist, über die Begegnung mit einer Prostituierten und einer Nymphe im Hause eines Kostümverleihers bis zu einem grandios makabren sexuellen Maskenspiel in einer Villa. Bei seiner Rückkehr erzählt ihm seine Frau von ihrem Traum, in dem er sich wieder betrogen und gedemütigt fühlen muß. Am nächsten Tag geht er den Stationen seiner nächtlichen Reise nach. Alles erscheint nun in anderem Licht, trivialer und doch zugleich mysteriöser. Schließlich findet er die Maske, die er bei seinem Abenteuer verloren hat, im Bett neben seiner schlafenden Frau. Es ist ein »Erwachen«, das keine Lösung bringt.

Stanley Kubrick und sein Co-Autor Frederic Raphael haben die Handlung der »Traumnovelle« ins New York von heute, oder auch an einen Ort, der ebenso zeitlos und unwirklich ist wie Schnitzlers Wien, verlegt. Auch hier mag eine Gesellschaft zu beobachten sein, die an ihrer Ungleichzeitigkeit leidet. Das Alte und das Neue, eine Lockerung der Sitten und ein innerer und äußerer Zwang zur Offenheit, stehen einer nach wie vor fundamentalen Organisation von Liebe und Familie gegenüber. Kubrick stellt nicht die Frage, warum eine Beziehung funktioniert oder nicht, und unter welchen Bedingungen, er stellt die unbescheidene, philosophische Frage: Was ist die Liebe?

Gewiß kann man »Wide Eyes Shut« wie einen erotischen Thriller in der Manier von Alfred Hitchcock sehen, ein »Vertigo« für das Ende des Jahrtausends. Das Scheitern des männlichen Begehrens vollzieht sich auf radikale Weise. Daß sich die Frau nicht mehr spaltet in das Objekt der Begierde und das Subjekt der Liebe, das macht den Helden der »Traumnovelle« ganz buchstäblich verrückt. Aber worin besteht sein Wahn? Oberflächlich gesehen darin, daß die Spannung zwischen Eifersucht und (unterdrücktem) Begehren so groß wird, daß er beides als Kette beständiger Übertretungen und Bestrafungen in einem Alptraum zusammenbringt, in dem ihm Erfüllung ebenso wie Klarheit versagt wird. In der wahnwitzig choreographierten und großartig gespielten Szene, in der Alice – so heißt die von Nicole Kidman gespielte Heldin im Film – ihrem Mann Bill (Tom Cruise) von ihrem eigenen Begehren spricht, alle seine Rationalisierungs- und Kompromissvorschläge, seine Konzepte der Liebe, um genau zu sein, ablehnt, ist es, als würde er zum ersten Mal im anderen nicht nur das Bild, sondern auch den Spiegel sehen. Und das ist, wir wissen es aus beinahe allen dreizehn Filmen, die Kubrick gedreht hat, der Beginn eines langen Prozesses von Auflösung und Spaltung. Als höchst brüchig erweist sich der Film der Vernunft und Zivilisation um die sexuelle Ökonomie. Es genügt ein Stachel der Eifersucht, ein Stachel, mehr noch der emotionalen Unordnung, um diesen Film zu zerreißen – was man bei Kubrick auch durchaus wörtlich nehmen kann. So wie er in allen seinen Filmen die Mythen der bürgerlichen Zivilisationsgeschichte zerlegt hat, so zerlegt er hier auch den letzten: »Eyes Wide Shut« ist zugleich ein letzter Liebesfilm und ein Film über die Fortsetzung des Krieges in der kleinsten Einheit der Gesellschaft. Daß sich die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern doch erheblich geändert hätten seit Schnitzler und Freud, argumentierte der durch Kubricks konsequente Werktreue leidlich frustrierte Frederic Raphael. »Glaubst du? Ich nicht.«, war die lakonische Antwort des Regisseurs. Genau dies, vermute ich, ist der Punkt, an dem sich »ideologische« Zustimmung oder Ablehnung gegenüber Kubricks letztem Film erweisen werden. Aber der ist bestimmt mehr als ein pessimistisches Statement über die Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft. »Eyes Wide Shut« ist, wie einst »2001«, die Geschichte einer Odyssee an den Rand des Verstehens und darüber hinaus, es ist die Geschichte einer paranoiden Auflösung wie »The Shining«, es ist die Geschichte einer scheiternden Revolte gegen gesellschaftliche Isolation wie »Barry Lyndon«.

Ein besonders gemeiner Trick des Regisseurs ist es, die ganze Geschichte zur Weihnachtszeit spielen zu lassen (natürlich gibt es bei Kubrick dabei keinen Schnee), und so werden grell und häßlich erleuchtete Weihnachtsbäume zu einer Art visuellem Leitmotiv, das sarkastisch den Widerspruch zwischen einem sexuellen Traumrausch und der bürgerlichen Konstruktion der Familie betont. Vielleicht sollte man dabei nicht vergessen, daß Kubricks erste Idee, sich den Stoff anzueignen, die einer Komödie war: Auch »Eyes Wide Shut« ist Tragödie und Farce zugleich.

Autor: Georg Seeßlen

Text veröffentlicht  in strandgut.de

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