Kundschafter des Friedens (Regie: Robert Thalheim)

Botschafter des Lachens

Im Kino lässt sich fröhlich grinsen über die „Kundschafter des Friedens“ – ohne schlechtes Gewissen

„Ich mag blind sein“, flüstert einer der alten Männer nach dem Sehtest, „aber mein Gedächtnis arbeitet perfekt.“ Da hat er die Reihenfolge der Buchstaben, die er nicht einmal im Umriss erkennt, auswendig gelernt. So durfte Clint Eastwood mit seinen „Space Cowboys“ noch einmal ins All fliegen. Und vor dem Fitness-Test sagt einer der alten Männer, dass er noch ein Mittelchen hätte, von damals, vom Trainingszentrum Leipzig. So darf Henry Hübchen mit seinen „Kundschaftern des Friedens“ noch einmal in den Einsatz. Und so singt Robert Thalheim, wie einst Clint Eastwood, das fröhliche Lied auf die Kraft der geriatrischen Veteranen. Nur, dass Robert Thalheim nicht Clint Eastwood ist, nur, dass die Stasi nicht die NASA ist.
Karl Marx ist gleichsam der doppelte Pate dieses Filmes. Denn ohne den großen Denker hätte es wohl dieses Land und also diese Stasi nicht gegeben. Überdies aber hätte es ohne Marx den viel zitierten Satz nicht gegeben, Geschichte wiederhole sich, sie erscheine beim ersten Male als Tragödie und bei der Wiederholung als Farce. 
Und, geht das? Lachen über die Stasi, Grinsen über ihre Wiederkehr als Olsenbande? Es geht, wenn einer nicht so grundsätzlich, nicht verbissen denkt, es geht so, wie diese ganze Ostalgie geht, wenn einer nicht vergisst, dass da, sozusagen, auch nicht alles lustig war. Und es geht, wenn einer, wir sind in Thüringen, Goethe kennt: „Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.“ – durch die Kraft des Lachens. Vor der fürchtete sich schon der greise Demagoge Jorge in „Der Name der Rose“.
Und lachen lässt sich über die „Kundschafter des Friedens“, die werden hier zu Botschaftern des Lachens. Nicht so sehr über die Story, die ist banal. Die ehemalige Sowjetrepublik Katschekistan steht vor der Wiedervereinigung, da wird der Präsident, der das in Deutschland unterzeichnen soll, entführt. Der Bundesnachrichtendienst soll den Politiker befreien, aber ihr Mann ist enttarnt und nun haben sie keine Idee. Da holen sie den Feind von früher ins Boot, der hat Kontakte, der kennt sich da aus.
Vor allem aber kennen sich die Schauspieler aus, mit ihrem Beruf und mit der DDR. Falk zum Beispiel, der wurde, Stasi-Agent, 1985 im Westen enttarnt und ausgetauscht, Glienicker Brücke, wo sonst. Als die Schnösel vom BND den Stasi-Rentner auf der Straße abholen wollen, da haut er ihnen erst was auf die Nuss. „Und so was hat den Kalten Krieg gewonnen.“, nölt er missmutig Und vermutlich ist Henry Hübchen einer der besten deutschsprachigen Nöler in seinem Gewerbe. Eigentlich will er nicht den Kram von denen erledigen, aber dann hört wer, wer der BND-Mann ist. Er kennt ihn, es ist der, der ihn damals enttarnt hat. Sie hatten nicht nur den gleichen Beruf, sie hatten die gleiche Frau und nun wird er ihm zeigen, wer der bessere Mann ist – im Gegenzug für die volle Rente. Und sucht sein altes Kollektiv, so wie Clint Eastwood sein altes Team suchte. Jacky, der war der Techniker im Einsatz und repariert jetzt alte Fernseher und Kaffeemaschinen. „Da mussten wir“, sagt Michael Gwisdek, „25 Jahre drauf warten, dass die endlich angeschissen kommen und begreifen, dass wir der bessere Geheimdienst waren.“ Gwisdek ist der fröhliche Nölet im Kollektiv und aktiviert die alten Kommunikationswege: Wasserstände und Tauchtiefen im Radio. Dann brauchen sie noch einen Logistiker, der ist Locke und hätte eigentlich bei der Kommerziellen Koordinierung arbeiten müssen. Thomas Thieme ist hier der fröhliche Bescheißer vor dem Herrn, er treibt im Westen, was er im Osten lernte. Thieme fällt ein wenig aus dem Rahmen, er hat, das liegt an Lockes Job, weniger Selbstironie als die Genossen. Die hat Harry reichlich, das liegt an seinem Job. Harry war ein Romeo, der legte statt böser Männer schöne Sekretärinnen um. Winfried Glatzeder schmalzt und kitscht, dass kein Auge trocken bleibt, nur mit den Frauen, das läuft nicht mehr so, auch wenn er das ganze Programm abstöhnt. Augen tief wie der Baikalsee, Mondlicht, alles so was, aber er in seiner Verwendung zeigt sich das Alter schon gravierend. Dafür begegnet er „der Frau, die man nur einmal im Leben trifft“, und eine Paula ist auch dabei. Und im Abspann singt er ein Lied von aberwitziger Blödheit voller Heiterkeit, wie sich das bislang nur Helge Schneider traute.
Der Film ist auch für das ZDF vorgesehen – und das sieht man. Die Inszenierung und die Bilder bleiben flach. Was eine Komödie hätte werden können, das wurde ein Lustspiel – lauter Zitate, lauter Assoziationen. Robert Thalheim  verlässt sich ganz auf die Schauspieler – und das mit Recht. Denn die erwähnten Herren, später kommt noch Jürgen Prochnow hinzu, tragen nicht nur von Spaß zu Spaß, sie selbst sind der Spaß und die Freude an dieser Arbeit sieht man ihnen an. Das macht den Film. Und so gibt es am Ende Standing Ovations im alten Bonner Bundestag für die Olsenbande aus der Zone. Nein, die Stasi war nicht lustig, ja, die „Kundschafter des Friedens“ sind es. Und nein, wer hier lacht, verherrlicht nicht die DDR. Er lacht nur, auch, weil er es kann. Geschichte als Farce.
„Schmierentheater“, murmelt der Gwisdek missmutig dem Hübchen ins Ohr. Ja, aber auf einem sehr fröhlichen Niveau fügen wir heiter hinzu.

Henryk Goldberg

Bilder: © Majestic Filmverleih / Twentieth Century Fox

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere