El custodio – Der Leibwächter (Rodrigo Moreno)

Sexy ist nur die Schussweste

Schweigen, Warten, Draußenbleiben: In dem Film „El custodio“ von Rodrigo Moreno geht um einen Leibwächter. Rubéns Job ist es, unsichtbar zu sein.

Sein Job ist Warten, Draußenbleiben, sich unterordnen und auf die Welt aufpassen. Oder besser: auf die Umgebung seines Chefs beziehungsweise auf das, was diesem ausgewachsenen Arschloch in ihr zustoßen könnte. Sein Geldgeber übrigens ist Politiker.

Mit „El custodio – Der Leibwächter“ hat der 1972 in Argentinien geborene Rodrigo Moreno seinen ersten Film vorgelegt, in dem er alleine für Regie und Drehbuch verantwortlich ist. Moreno gehört zu den jungen Regisseuren, die gerne unter das Label „neuer argentinischer Film“ sortiert werden. Er selbst wehrt sich gegen solche Kategorisierungen. Zu groß sei der Leistungsdruck, die mit ihnen einhergeht, sagt er im Interview.

Im Mittelpunkt von „Der Leibwächter“ steht ein Mann mittleren Alters, der ernst, entfremdet und ergeben seinen Dienst tut. Ordnungstreue und ein stetes Sich-Heraushalten markieren die Eckpunkte des Universums des schüchternen Rubén (Julio Chávez). Freunde gibt es nicht, Rubén redet auch einfach nicht gerne, und seine Familie ist ein Desaster, auf das aufzupassen selbst ihn überfordert. Bleibt des Mannes ansozialisiertes Lieblingszentrum: die Arbeit. Und eine kleine Eitelkeit leistet er sich schließlich auch: eine schicke, schusssichere Weste. Sexy – und sicher verborgen unter dem langweiligen mal weißen, mal hellblauen Hemd. Sie ist das Einzige, was ihm ganz alleine gehört, wie nichts anderes liegt Rubén diese Weste am Herzen.

Der Film basiert auf einem strengen formalen Konzept: Die Kamera klebt beständig an Rubén. Strikt reproduziert sie seinen Blick, der nie frei ist, sondern immer den Bewegungen anderer folgt und von ihnen eingeengt wird. Sei es, wenn er seinem Chef durch lange, kühl beleuchtete Korridore folgt oder wenn er, auf selbigen wartend, das Außen begrenzt durch die Windschutzscheibe seines Autos regungslos ansieht. Zart baumelt dann ein durchsichtiges Rosenkranzkettchen in seinem Blickfeld. Ein anderes Mal verschwimmen die für Rubén unerreichbaren, scheinbar so unbeschwerten Protagonisten der Politikerfamilie zu konturlosen Farbflächen.

Es bedarf keiner Worte, um den Schwindel sichtbar zu machen, der Rubén in dieser für ihn haltlosen Umgebung erfasst. Bei Moreno obliegt diese Vermittlungsarbeit den Bildern. Und dem Ton. So wird die Präsenz der zur Unsichtbarkeit verpflichteten Sicherheitsleute manchmal durch ihr intensives Atmen hörbar gemacht. Die Zeit, so hat man den Eindruck, vergeht nicht, jeder Atemzug scheint sie ins Unerträgliche zu verlängern. Es wird immer so weitergehen: Wir atmen die Langeweile ein und aus und schenken ihr so ein ewiges Leben. Gleichzeitig erhalten die Unscheinbaren durch diese Tonarbeit eine Gegenwärtigkeit, die gelegentlich so zudringlich auf die Kinozuschauer wirkt wie die Essgeräusche von Eltern auf die von ihnen genervten Kinder.

Die Melange aus Mitgefühl für Rubén und einer zunehmenden Aggression gegen seine Unterwürfigkeit – die Chavéz als einer der bekannten Schauspieler Argentiniens perfekt mit der Kunst der kleinen Gesten darstellt – verleiht dem Film eine leise, eindringliche Spannung. Die Bildersprache funktioniert; man hat als Zuschauer viel zu tun, weil viel zu gucken, und wie wenig Handlung es gibt, fällt nach den ersten, vielleicht etwas mühsamen Minuten der Eingewöhnung kaum mehr auf. Doch dann kommt der Schluss. Den zu verraten sich an dieser Stelle selbstverständlich verbietet. Ob ein geschäftstüchtiger Produzent ihn gefordert hat? Gerne möchte man diese Unterstellung dem Regisseur zugutehalten, hat er doch zuvor gemeinsam mit der Kamerafrau Barbara Alvarez brillant einen sich ewig dehnenden und so nutzlosen Zeitkonsum ins Bild gesetzt, der seine unspektakuläre Grausamkeit gerade daraus bezieht, dass er jeden Ausbruch für aussichtslos erklärt.

Moreno selbst erläutert, dass ihn am Anfang die Stille und die Distanz zwischen den beiden Männern interessiert hat, er am Ende jedoch die beiden Welten interagieren lassen wollte. Womöglich war es doch nicht der Produzent. In jedem Fall kommt es, wie Moreno sagt, zu einem „Kurzschluss, bei dem alles explodiert“. Aber der Knall als Erlösungsfiktion ist eben zu abgenudelt, als dass er noch in den Bann schlagen könnte. Insofern implodiert ein guter Film am Ende ins Klischee.

Text: Ines Kappert

zuerst erschienen in taz (26.05.2007)

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