Johnny Weissmuller

The One & Only Tarzan

Es gab im Verlauf der Filmgeschichte eine Menge Tarzan-Darsteller, gute und schlechte, Männer, die sich wie schöne Barbaren durch die wilden Paradiese der Imagination schwangen und solche, die wie Pfadfinder mit Öko-Bewusstsein in einem Streichelzoo unterwegs waren. Es gab Tarzan aus Fleisch und Blut, Tarzan vom Zeichenbrett und Tarzan aus dem Computer. Und dann gab es noch Johnny Weissmuller.

Johnny Weissmuller war Tarzan, mit jedem Muskel seines athletischen Körpers, mit allen fünf Gesichtsausdrücken, die er schauspielerisch perfekt beherrschte (freudig, zornig, verstehend, nicht-verstehend und einfach so: dienstags morgens im afrikanischen Urwald, Tarzan beim Tarzan-Sein), er war Tarzan beim Schwingen an den Lianen, beim Kampf mit Löwen, beim Schwimmen im Fluss (nebst dem Eliminieren von Krokodilen), beim Ritt auf dem Elefanten, beim Spaßmachen mit Schimpansen, beim Abscheu gegenüber den weißen Großwildjägern und Diamantenschmugglern, beim Klang der fernen Tam-Tams und nicht zuletzt war Johnny Weissmuller der Tarzan, den man sich nicht ohne seine Jane vorstellen kann. Und damit keine Missverständnisse bleiben: Nirgendwo gibt es den so oft zitierten Dialogsatz „Ich Tarzan – Du Jane“ in einem Weissmuller-Film. „Tarzan“ und „Jane“ genügen vollkommen (mit den entsprechenden Fingergesten).

Johnny Weissmuller war Tarzan, weil er es sein musste. Weil es sein Lebensziel war. Oder das geheime Ziel einer Familiengeschichte, die eine besitzlose Familie den großen Strom hinab führte, eine von so vielen „Donauschwaben“ aus der Ulmer Gegend, die hier und dort hängen blieben auf dem alten Kontinent, oder die es, wie die Familie Weissmüller, noch weiter fort trieb, über den Ozean. Ins Land, in dem nichts unmöglich ist. Nicht einmal das Tarzan-Werden.

Das Wasser blieb das Leitelement der Familiengeschichte, und im jungen Johnny wurde es zum Medium für die Erfüllung des amerikanischen Traums von Ruhm und Erfolg. Als Schwimmsportler erreichte er, was seinen Großeltern und Eltern noch versagt geblieben war. Er wurde ein echter Amerikaner. Johnny Weissmuller war der Schwimmstar schlechthin: Er stellte 67 Weltrekorde auf, war 52 mal US-amerikanischer Meister und gewann fünf olympische Goldmedaillen. Die Presse riss sich um den kernigen jungen Mann, ein strahlendes nationales Idol in weniger strahlenden Zeiten.

Nach dem Ende der sportlichen Laufbahn war eine Karriere im Showbusiness vorgezeichnet. Und es kam dafür keine andere Rolle in Frage als der Tarzan des Edgar Rice Burroughs, der als Pulp Fiction wie als Comic Strip ungebrochen populär war. Für 20.000 Dollar verkaufte der Autor Burroughs die Rechte an MGM, wo der Produzent Irving Thalberg eine neue Vorstellung vom Dschungelhelden entwickelte: ein Tarzan für Erwachsene. Oder wenigstens: ein Tarzan nicht nur für Kids.

Mit Johnny Weissmuller in der Titelrolle wurde 1932 die Figur des Herren des Dschungels gleichsam noch einmal erfunden. In W.S. van Dykes „Tarzan, The Ape Man“ (Tarzan, der Herr des Urwaldes) dauert es eine gute halbe Stunde, bis der Titelheld zum ersten Mal zu sehen ist – und entsprechend wirkungsvoll ist dieser Auftritt inszeniert. Zuvor wird die Geschichte von Jane erzählt, die auf einer Elefantenjagd in eine einigermaßen komplizierte Erbschafts- und Intrigengeschichte gerät. Maureen O’Sullivan ist als Jane so unwiderstehlich wie Weissmullers Tarzan. In den ersten Filmen der Serie macht sich die Regie nichts daraus, zu verbergen, dass es in diesem wilden Paradies nicht nur um eine utopische Geschichte von Natur und Zivilisation, von Traum und Wirklichkeit, Idylle und Ausbeutung geht, sondern auch um Sex. Aber schon in den nächsten Jahren regte sich erneut die puritanische Zensur (die übrigens Tarzan-Bücher für Schulbibliotheken untersagte, weil das ideale Paar nicht ordnungsgemäß verheiratet war), und Tarzan und Jane mussten sich abgewöhnen, nackt im Urwaldsee zu baden. Stattdessen fanden sie einen Sohn, und die natürliche Familie in edler Wildnis war perfekt, man rettete die Guten und bestrafte die Bösen, und nicht nur einmal mussten sich die Mitglieder der heiligen Familie der Lianenbäume gegenseitig retten. Aber immer wieder, zwischen all den Abenteuern, Intrigen und Standard-Attraktionen des Genres, zeichneten die Filmemacher Bilder eines utopischen Glücks. Die Störungen dieses Paradieses kommen erstaunlich direkt aus dem Herzen des amerikanischen Kapitalismus. Einmal kommt Tarzan sogar nach New York, oder in den „Stein-Dschungel“, wie er es selber treffend nennt, das andere Mal, und da weiß man, was da verloren ist, und warum es nicht nur Tarzan auf die Dauer da nicht aushält. In „Tarzan Triumphs“ (Tarzan und die Nazis, 1942) bekämpft der Herr des Urwalds deutsche Fallschirmjäger und Nazis in der Dschungelstadt Palandria. Das war Kokolores, und außerdem war Maureen O’Sullivan als Jane nicht mehr dabei. Sehr zu recht hatte die Schauspielerin bemerkt, dass die Drehbücher der Tarzan-Filme immer absurder, die Ausstattung immer bescheidener und die Regisseure immer lustloser geworden waren. Der Trick der ersten Weissmuller-Tarzanfilme war es ja gerade gewesen, mehr Geld und mehr Phantasie in die Produktion zu stecken als in die Serien- und C-Filme vorher. Mehr oder weniger geschickt wurden Studioszenen mit dokumentarischen Aufnahmen aus Afrika verknüpft. Und die Dialoge zwischen Tarzan und Jane waren oft reichlich sophisticated. So betrachtet Jane etwa einmal mit sichtlichem Vergnügen Tarzans Körper und sinniert dabei: „Ich möchte mal wissen, wie du angezogen aussiehst“. Nichts davon blieb in den späten Tarzanfilmen wie „Tarzan And The Huntress“ (Tarzan wird gejagt, 1947), aber sie hatten immer noch den abenteuerlichen Charme, und selbst der sichtlich alternde Johnny Weissmuller schwang der Konkurrenz – Hermann Brix, noch ein Sportstar in der Fellhose, Buster Crabbe, der „König der Serials“ oder der Muskelprotz Glenn Morris – mit Leichtigkeit davon.

Der „athletische, doch feinfühlige Naturbursche“, wie es die Schriftstellerin Heidi Pataki formulierte, „lebt die Versöhnung mit der Natur. In den Weissmuller-Filmen ist das Leben der Menschen und Tiere auf gegenseitige Hilfe aufgebaut; die Tiere helfen einander und dem Menschen, der wiederum ihnen hilft. Die Aufhebung des Kampfes ums Dasein ist damit intendiert – Tarzans Dschungel ist nicht darwinistisch! Ganz allgemein drückt sich darin eine zwar naive, doch ausdrückliche Opposition gegen die Welt des Geldes aus“.

Tarzan war für Johnny Weissmuller die Rolle des Lebens, und so etwas pflegt in aller Regel Segen und Fluch zugleich zu sein. Als er für den Tarzan entschieden zu behäbig und, sagen wir, zu füllig geworden war, blieben kaum andere Rollen. In einer Billig-Serie spielte er „Jungle Jim“, eine Art zivilisierte (und ziemlich angezogene) Version eines Urwaldhelden. Ansonsten tingelte er durch Vergnügungsparks und Talk Shows, gab Schwimmunterricht für Prominentenkinder, entwarf Hemdenkollektionen für reifere Herren, und gab Schwimmbad-Konstruktionen seinen Namen; kurz und gut: Tarzan musste tingeln. Das Geld, das in den großen Kino-Zeiten reichlich geflossen war (stattliche 100.000 Dollar pro Film, das war damals eine ganze Menge), war dem Star durch die Finger geglitten, das Glamour-Leben von Hollywood und eine Reihe von Affären und Liebesgeschichten hatten ihren Tribut verlangt. Das schönste und geheimnisvollste dieser amourösen Abenteuer führte Johnny Weissmuller in die Gemächer der Göttlichen, Greta Garbo. Der Barbar und die Diva – warum, zum Teufel, hat das noch niemand verfilmt?

Autor: Georg Seeßlen

Text: veröffentlicht in filmspiegel 07/ 2007

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