Die Unerzogenen (Pia Marais)

Gesellschafts-Drama
Gut, dass es dich getroffen hat

„Die Unerzogenen“ erzählt die Geschichte einer 14-Jährigen, deren Eltern abhängen und Drogen nehmen. Sie lieben ihr Kind – vor allem aber sich selbst. Denunziatorisch wird der Film trotzdem nicht.

Ob bei Mutter, Vater, Tochter, Hausfreund oder die übrigen Bekannten: Immer sind die Haare lang und strähnig, aber nicht unsexy. Sie bebildern einen Lebensstil, der die Grenze zur Verwahrlosung ab und an übertritt, ohne bereits ins Elend abgeglitten zu sein. Hippies von heute.

Bereits die allererste Szene leuchtet die Zwiespältigkeit aus, die den ganzen Film nährt: Eine zittrige Frauenhand säbelt mittels Nagelschere nachlässig trocken gewordene Haarenden ab; sie fallen auf Asphalt. Das Objekt der Verschönerungsaktion, ein Mädchen mit dunklen Sommersprossen, hält geduldig die mütterliche Kippe in der Hand. Frau und Tochter stört es nicht, dass sie den Straßenrand in ein Badezimmer umwandeln. Lilys Fürsorglichkeit ist an den Moment gebunden. Und ihre vierzehnjährige Tochter hat offenkundig begriffen, dass sie nicht wählerisch sein kann.

Wie hätte man „Die Unerzogenen“ wohl vor zwei oder fünf Jahren gesehen? Als Kinderarmut, Kinderpornographie, Kindstötung oder die Einsicht, dass das deutsche Schulsystem die Unterprivilegierten in Haupt- und Sonderschulen so sinnlos wie zynisch parkt, noch nicht wie selbstverständlich zum Wissen des soliden Zeitungslesers gehörte? Wahrscheinlich hätte das leise Langfilmdebüt von Pia Marais allzu konstruiert angemutet. Heute erscheint „Die Unerzogenen“ zeitgemäß.

Das Bestechende und auch das Verwirrende an Marais‘ Film sind die sanften und eher undramatisch gehaltenen Bilder eines Party- und Abhäng-Sommers mit dramatischen Folgen. Stevies Eltern (grandios gespielt von der Berliner Schaubühnen-Darstellerin Pascale Schiller und von Birol Ünel, der mit „Gegen die Wand“ bekannt wurde) entsprechen keinen Klischees von der sogenannten Unterschicht im Wohnsilo. Mehr als alles andere sind sie das abgerutschte Mittelschichtsprodukt einer schichtübergreifenden sozialen Verwahrlosung. Als Stevie (Céci Chuh) bei einer elterlichen Rauferei einschreitet und aus Versehen ein blaues Auge verpasst kriegt, kommentiert die Mutter ganz freundlich: „Gut, dass es dich getroffen hat.“ So viel naiver Egoismus vonseiten eines Erwachsenen haut einen einfach um. Hier liegt das von Gewalt durchtränkte Zentrum des Films, das einem Strudel gleich alle sozialen Beziehungen in sich hineinsaugt und beschädigt wieder nach oben spült.

Die Eltern von Stevie rauben ihrem Kind die Kindheit, weil sie gar nicht erst auf die Idee kommen, Stevie bräuchte eine. Dabei lieben sie ihr kleines Mädchen und haben eine selbstverständliche körperlich-zärtliche Nähe zu ihr. Aber sich selbst und sich gegenseitig lieben sie noch ein großes Stückchen mehr. Die Verkehrung der Eltern-Kind-Rollen dient ihrem Vergnügen, warum also sollten sie diese aufgeben? Und wenn der Hausfreund Ingmar (Georg Friedrich, bekannt aus den Filmen Ulrich Seidls) in seiner lüsternen Hilflosigkeit mit Stevie liebäugelt, muckt die Mutter nur kurz auf: „Der kann gar nicht warten, bis er dich kriegt.“ Stevie schrickt zusammen und poltert zurück: „Stirb doch!“

Schon im nächsten Moment kann wieder alles harmonisch sein. Denn die Abwesenheit von Schuldgefühlen lässt Spielraum für vieles – mit Ausnahme von Fürsorglichkeit: Die Grausamkeit der Egomanie und die zärtliche Zuneigung zum eigenen Sprössling bilden in dem Universum der Schutzlosigkeit keine Gegensätze.

Nicht zuletzt die Abwesenheit von offener Gewalt unterscheidet den Film von bekannten Sozialdramen um sogenannte sozial schwache und bildungsferne Familien. Es entsteht eine melancholisch-feingliedrige Erzählung, die stellenweise an die Filme der Dardenne-Brüder erinnert. Kein Voyeurismus, kein Zeigefinger, stattdessen die sorgsam nüchterne Beschäftigung mit einem Alltag ohne Netz und zu wenig zweiten Chancen. Vor allem der Perspektive des Mädchen folgend, wird das Ringen eines frühernsten Kindes geschildert, das sich mitten in der eigenen Pubertät von seinen Eltern rückhaltlos abnabeln muss. Die von ihnen gelebte Übersexualisierung jedes sozialen Kontaktes nimmt ihr die Luft. In kleinen schmerzhaften Schritten hat Stevie begriffen: Will sie wenigstens die Chance auf eine lebbare Existenz, gar so etwas wie eine Schulbildung haben, wird sie ihre kaputte Nomadenfamilie ziehen lassen müssen.

Ein Junge als Ersatz scheint neuerdings in Sicht. „Ich bin jetzt so weit. Ich hatte meine erste E-ja-ku-lation.“ Das Fremdwort kriegt er nur mit Mühe ausgesprochen. Aber er schafft es, mit der gleichen selbst gebastelten Disziplin, mit der Stevie sich am eigenen Schopf immer wieder selbst aufrichtet. Mutter und Vater nicken die Entscheidung für ein elternloses Leben traurig ab, und Lily haut auf einer Autobahnraststätte verschiedene Lkw-Fahrer an, damit sie die Kinder zurück ins nun leere Haus des verstorbenen Großvaters mitnehmen. Stevies Blick aus dem Beifahrerfenster sieht nichts. Es geht darum, Kraft zu sammeln. Ihre Haare wuscheln im Fahrtwind vor sich hin.

Text: Ines Kappert

zuerst erschienen in taz (27.12.2007)

Bilder: RealFiction

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