Irgendwas zwischen Documenta und Systemtheorie: Die „Bohnenwelt“-Comics von Larry Marder gibt es nun auch in einer deutschen Ausgabe.

Die Bohnenwelt ist ziemlich schräg, muss man wissen. Denn sonst könnte man ja, als Kau-Lanzer und Kau-Schnapper zum Beispiel, nicht vom legendären Rand in den seichten See springen, durch die vier Grundlagen zu den Hoi Polloi, um ihnen das wertvolle Kau zu rauben und dann am sprichwörtlichen Sandstrand bequem wieder aufzutauchen. Die Bohnenwelt, mit anderen Worten, funktioniert nach ganz eigenen Gesetzen. Sie ist eine Phantasiewelt, in der alles mit allem verbunden ist. Genauer gesagt, mit den Worten ihres Schöpfers Larry Marder: Sie ist gar kein Ort. Sie ist ein Prozess.

Comic book creator Larry Marder, at the New York Comic Convention in Manhattan, October 10, 2010 | Photo by Luigi Novi

Comic book creator Larry Marder, at the New York Comic Convention in Manhattan, October 10, 2010 | Photo by Luigi Novi

Auf den ersten Blick ist das alles ziemlich seltsam und niedlich. Auf den zweiten auch, doch versteht man rasch, worauf es Larry Mader in seinem Comic eigentlich ankommt: Die Bohnenwelt erzählt von einem sich entwickelnden System, das einerseits aus einer Nahrungskette, andererseits aus einer wachsenden Spezialisierung und schließlich der Entwicklung von Kulturtechniken besteht. Am Anfang ist die Musik, dann kommt die Bildende Kunst dazu, Professor Garbonzo in ihrer Bastelhütte ist bereits für Wissenschaft und technischen Fortschritt zuständig. Manche Bohnen sehen über den Rand ihrer Welt hinaus, andere hätten lieber, dass alles so bleibt, wie es ist. Zu ihnen gehört der Held, Mr. Spuk. Und wir meinen mit »Held« nicht »Protagonist«, sondern wirklich »Held«. So wie eine Gesellschaft wie die der Bohnen einen Künstler, einen Wissenschaftler und Musiker, die »Wummer-Band«, braucht, so braucht sie eben auch einen Helden.

Die Frage ist: »Beanworld«, ist das eigentlich ein Kinderbuch? Gezeichnete Systemtheorie (Vorschlag für eine Magisterarbeit: »Entropie im Zeichen von O’Ma’Pa«)? Ein zeichnerisches Mobile-Kunstwerk? Kulturtheorie in Strichen. Hommage und zugleich Widerspruch in Bezug auf »Krazy Kat« und die surreale Welt von Kokomino (zeichnerische Verwandtschaften mit George Herriman sind nicht zu übersehen). Ein selbstreferentiell wachsendes Narrativ. An der Kunstschule jedenfalls setzte sich Larry Marder intensiv mit der Konzeptkunst auseinander. Vereinfacht gesagt geht es dabei darum, dass in der Kunst weder das Material noch die Form, sondern die Idee das Entscheidende ist. Bohnenwelt beginnt als low concept (nach den Worten von Marder), um sich von Episode zu Episode in ein komplexeres System zu verwandeln.

Also noch einmal Bohnenwelt. Im Zentrum steht der Baum O’Ma’Pa, wie der Name schon sagt, der Ursprung und Grund von allem. (So sehen es die Bohnen jedenfalls erst einmal, doch später wird klar, dass auch O’Ma’Pa nichts Absolutes ist, sondern Teil größerer kosmischer Zyklen.) O’Ma’Pa wirft regelmäßig Stummelsprosse ab, die Mr. Spuk mit seinem aus Würmern, nein, aus Nichtwürmern geformten Dreizack auffangen muss. Das mag er, der Stummel­spross, wohingegen es ihn sehr missgelaunt macht, wenn er mehrmals auf den Boden aufprallen muss. Übrigens sprechen Stummel­sprosse in der Bohnenwelt, während O’Ma’Pa schweigt bzw. sich nur durch seine Gaben äußert. (Das war nicht immer so.) Wenn ein Stummelspross gefallen ist, machen sich die Bohnen auf den Weg, den Hoi Polloi das Kau zu stehlen, das ihnen als Geld für ihre endlosen Wettereien dient. Wenn die Bohnen kommen, bilden die Hoi Polloi Ringe um ihr wertvolles Kau, aber die Kau-Lanzer pieken sie so lange, bis die Kau-Schnapper zuschlagen können. Zum Schluss wirft Mr. Spuk, der Held und Anführer der Kau-Lanzer, den Hoi Polloi den Stummelspross zu. Sie bilden dann einen Kreis um ihn, betören und besingen ihn, bis er sich in neues Kau verwandelt. Der Schmerz der Hoi Polloi verwandelt sich in Glück. Man nennt so etwas wohl eine Nahrungskette. Oder Kapitalismus, wie man es nimmt. An Tagen, an denen kein Stummel­spross von O’Ma’Pa fällt, haben die Bohnen einen Rumbummeltag. Irgendwas passiert immer an Rumbummeltagen.

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Weder das Material noch die Form, sondern die Idee
ist das Entscheidende in der Kunst.

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Larry Marder begann in den siebziger Jahren als Art Director in der Werbebranche und war damit so unglücklich, dass er sich eine »innere Welt« schaffen musste, wie er es selber nennt, die sich schließlich zur Bohnenwelt auswuchs. Als seine wichtigsten Vorbilder nennt er neben Jack Kirby, dem Zeichner scharfliniger Gemetzel im Marvel-Universum, den Schöpfer einer malerischen Dinosaurier-Welt, Rudolph Zallinger, Marcel Duchamp (»Nicht der Künstler, sondern der Betrachter bestimmt über das Bild«) und den Outcast-Künstler Henry Darger mit seinem Monumentalwerk »In the Realms of the Unreal«, einem endlos wuchernden, am Ende 15 400 Seiten umfassendes Mal-Zeichen-Werk. Kurzum, es geht um von Systemen, Konzepten und »Welten« besessene Künstler, in deren Reihe sich Marder stellt. Dazu kommen die Kachinas, die Tonpuppen der Hopi-Indianer, mit denen man komplexe Mythen und Geschichte darstellen kann. Larry Marder träumte früh von einem »konzeptuellen Comic«. Als er, um sein Kunststudium zu beenden, ausgedehnte Reisen durch Europa unternahm, besuchte er übrigens auch die Documenta in Kassel. Eine Kunstwelt der eigenen Art. Vielleicht ist die Bohnenwelt eine verrückt gewordene Documenta. Nein, Quatsch, die Documenta ist eine verrückt gewordene Bohnenwelt.

aus "Bohnenwelt", Larry Marder | Ventil Verlag

aus "Bohnenwelt", Larry Marder | Ventil Verlag

Die ersten Teile der »Beanworld« publizierte Marder im Selbstverlag, doch bald wurden immerhin die Aficionados des Mediums darauf aufmerksam. Larry Marder war überdies in der Szene der unabhängigen Comic-Verlage sehr aktiv. Immer ging es ihm um mehr als um den Status eines Autors. Auch in der Bohnenwelt geht es um die Idee der Interaktion, um einen Begriff von Leben, das dem Ideal der Subjekt- und Wettbewerbsgesellschaft widerspricht. Jede Form von Leben bedeutet, von anderen Formen des Lebens abhängig zu sein. Eine »ökologische Romanze, ein Märchen über eine Gruppe von Wesen, die im Zentrum ihrer eigenen perfekten Welt leben und davon besessen sind, ihre Nahrungskette aufrechtzuerhalten« (Marder). Das ist low concept, erst einmal, es gibt in der Tat kaum etwas Einfacheres, und daher sind die bislang vier »Beanworld«-Bücher zu je drei, vier Episoden durchaus als Kinderbuch zu gebrauchen, möglicherweise für eine gemeinsame Lektüre. Das funktioniert, wie es gutes family entertainment eben tut: Für die Kinder sind die abenteuerlichen Geschehnisse, und die einfache Grundstruktur macht dieses Denken der Vernetzung zugänglich, für die Erwachsenen gibt’s unzählige Anspielungen auf Politik, Ökologie und Pop.

aus "Bohnenwelt", Larry Marder | Ventil Verlag

aus "Bohnenwelt", Larry Marder | Ventil Verlag

Erzählt wird in einer klassischen Episodenform. Jede dieser Geschichten bringt eine Veränderung in die Bohnenwelt, genauer gesagt: Sie verbindet Elemente in ihr zu neuen Subsystemen, während sich umgekehrt das System der Bohnenwelt mit anderen Systemen verbindet. Die Bohnenwelt ist wohl so etwas wie eine ­Insel, was die relative Autonomie der Bohnenkultur erklärt, aber zugleich ist sie auch verbunden mit allem, was es gibt im Wasser, in der Erde und in der Luft. Und es gibt eine ganze Menge. Das Geheimnis liegt in einer ständigen Veränderung, unter anderem durch einen evo­lutionären Sprung, durch den sich Bohnen in ganz besondere Bohnen verwandeln. Sie nennen es »Ausbruch«. So sehen wir etwa, wie durch ein intensives Kau-Bad (die Bohnen essen das Kau nicht, sondern baden darin) aus einer gewöhnlichen Bohne der Künstler Bohnerich wird, der wiederum durch die Anwendung ­eines bei Professor Garbanzo nicht recht fruchtenden Elements (die vier Grundlagen von Technik, Kunst und Gesellschaft sind als Rohstoffe unter der Bohnenwelt zu finden: Stengel, Kringel, Funkel und Wimpel. Aus Stengeln und Wimpeln, nur zum Beispiel, werden die Speere der Kau-Lanzer. Die Funkel in Zusammenhang mit den Rätselkapseln aus dem All bewirken einen sonderbaren Schwebeeffekt) mit einer geheimen Muse, Göttin oder was auch immer am Himmel in Kontakt treten kann: Lichternis. Transzendenz, Leben oder Imagination – in der Bohnenwelt entwickelt sich alles in weiteren Kreisen weiter.

Larry Marders sprachschöpferischer Witz spielt eine beinahe ebenso wichtige Rolle wie seine Fähigkeit, das einmal geschaffene System phantasievoll zu erweitern, ohne jemals Willkür und »Ungereimtheit« zuzulassen. Wirklich übersetzbar ist die Sprache von Larry Marders Werk wohl nicht, aber bei der Übertragung ins Deutsche waren echte Profis am Werk: Daniela Seel ist Übersetzerin, Lyrikerin, Herausgeberin und Verlegerin, und Dirk Schwieger ist Comicautor, der vor allem für seine gezeichneten Reisedokumente (z.B. »Moresukine« über eine Japan-Reise) bekannt ist. Die Übertragung hat eine ganz eigene Balance zwischen den Polen Einfachkeit und Sophistication geschaffen; besser kann man es bestimmt nicht machen.

Die »Bohnenwelt« ist ein Comic, den man auch als eine Schule des soziostrukturellen Denkens betrachten kann. So sieht man zu, wie sich durch Arbeitsteilung Gesellschaft ausdifferenziert, wie Spezialfähigkeiten zugleich Fortschritt und Problem bedeuten, wie sich in der Bohnen-Gesellschaft Methoden der Kommu­nikation und der Selbstreflexion ausbilden, wie sie Bequemlichkeit und Nachhaltigkeit verbinden müssen, wie verschiedene Fähigkeiten in der Differenzierung einer Gesellschaft miteinander in Konflikt geraten, wie sich das Weltbild eines Kollektivs verändert, wie sich Bild und Sprache entfalten. Aber es ist nicht ein Autor, nicht ein Diskursführer, der diese Prozesse präsentiert, die Bohnenwelt hat vielmehr selbst zu leben begonnen. Sie erzeugt zugleich den Handel, den Krieg, die Religion und die Kunst, und ganz anders als in anderen Comic-Welten herrscht nicht das Prinzip der ewigen Variation, sondern die gezeichnete Welt ist den Hauptsätzen der Thermodynamik unterworfen, was unter anderem bedeutet, dass jede Reaktion unumkehrbar ist. Dass das System die größte Stabilität bei der größtmöglichen Anzahl von Zufälligkeiten hat. Undsoweiter.

Natürlich kann man sich auch einfach an den abenteuerlichen Geschichten der Bohnen freuen, in denen Larry Marder wie der Konzeptkünstler wirkt, der ganz in seiner Idee aufgeht. Er muss nur hier ein bisschen etwas anschubsen, da etwas zusammenbringen, was noch nicht aufeinander gestoßen war, und dort den Blick in eine weitere Dimension des Bohnen-Kosmos zu öffnen, in dem auch die Bohnen nach und nach erkennen müssen, dass sie nicht das Zentrum sind. Sie haben nur mit allem anderen zu tun.

Georg Seeßlen (Jungle World, 03.05.2012)

Larry Marder: Bohnenwelt.

Aus dem Englischen von Dirk Schwieger und Daniela Seel.
Ventil-Verlag, Mainz 2012, 272 Seiten, 17,90 Euro

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