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Still aus Eisensteins PANZERKREUZER POTEMKIN (1925)

Mit Anführungszeichen

Anmerkung zum Politischen im Film, angeregt durch das großartige Buch „Der Standpunkt der Aufnahme“

Einen politischen Film machen, beziehungsweise einen Film politisch machen, hängt vermutlich mit drei Elementen zusammen: Erstens mit dem Inhalt (der „Aussage“), also mit dem, was es zu sehen und zu hören gibt, und was es soll. Zweitens mit den Produktionsbedingungen, also mit dem, wodurch man sehen und hören (machen) kann, mit einem bestimmten Weg zwischen der ökonomischen und der technischen Produktion, oder mit einem Gegenentwurf demokratischer Kollektive. Und drittens mit der Organisation des Materials, mit dem, was man Form oder Ästhetik nennt, und was bei Bildern mit dem „Standpunkt“ der Aufnahme beginnt.

Die Frage, wo der Maler oder wo die Kamera steht in einer Architektur, einer Landschaft, einem Geschehen, lässt sich immer auch übersetzen in die Frage, wo die (Bild-) Autorin politisch steht. Eine Einstellung des Aufnahmegeräts gibt eine politische Einstellung wieder, und eine Bewegung der Kamera enthält eine individuelle oder kollektive politische Bewegung.

Aber Vorsicht! Wendet man eine solche Beziehung dogmatisch an, so könnte im besten Fall eine furchtbare Form der ästhetischen Besserwisserei herauskommen, im schlimmsten Fall eine kinematografische Form des ideologischen Terrors. Es geht also vor allem um eine offene Suche, und für die Kamera vielleicht weniger darum, einen Standpunkt zu „haben“, als darum, einen zu finden, um daraus zu einer Bewegung zu kommen, ins Offene, ins Freie. Nur eines ist gewiss, wie Jean-Marie Straub es in dem Gespräch sagt, das in dem von Tobias Hering herausgegebenen Band Der Standpunkt der Aufnahme abgedruckt ist: „Ein großer Teil der Arbeit, bevor und während man filmt, besteht darin, die Klischees zu vermeiden und in die Luft zu sprengen. Es gibt ein Wort, das vergriffen ist, das zum Klischee geworden ist: Es hat mit Dialektik zu tun. Donnerwetter! Man darf nie etwas sagen oder zeigen, wo nicht die Möglichkeit des Gegenteils als Widerstand darin zu spüren ist.“ Möglicherweise wäre es also ein anregendes und produktives Spiel, in Bildgestaltungen, Einstellungen und Kamerabewegungen jeweils nach dem Gegenteil und dem Widerstand zu suchen.

Wahl der Mittel

Umgekehrt hängt die Option, einen Film politisch zu sehen, damit zusammen, die drei Elemente wahrzunehmen. Eine nicht-politische (aber ideologische) Filmkritik beherrscht die zweifelhafte Kunst, einzelne Elemente auszublenden oder zu verschleiern – etwa in dem, was man eine „persönliche Geschichte“ oder „Autonomie der Kunst“ nennt. Das Politische in allem Filmen muss immer gegen eine Politik der Entpolitisierung erobert werden. Gelegentlich nutzt dabei ein Umweg über Geschichte und Theorie – und ein Buch wie Der Standpunkt der Aufnahme, das nicht verhehlt, aus einer Werkstattsituation, zu einer Filmreihe entstanden zu sein. Am besten liest man das Buch daher in Verbindung mit dem Sehen von Filmen, einem gemeinsamen, politischen Sehen.

Eins der drei Elemente bestimmt das andere: Das Kollektive oder Individuelle bestimmt die Wahl des Stoffes; die bestimmt die Wahl der Mittel. Eines davon ist die Wahl des „Standpunktes“ für die Kamera, der point of view. Es gibt eine interessante Geschichte der Bewertung dieses Elements – auf Phasen der Überbewertung scheinen solche der Skepsis und sogar Ignoranz zu folgen. Found Footage-Simulationen, nur zum Beispiel, versuchen ja gerade den Eindruck zu vermitteln, es habe vor lauter Aufregung gar keine Möglichkeit gegeben, über einen richtigen Standpunkt der Kamera nachzudenken.

Das Schöne an einem Buch wie Der Standpunkt der Aufnahme ist, dass es weniger Teil der Bewertungszyklen ist, als es diese schon selbst reflektiert. Es schafft in seiner Sammlung von Texten sehr unterschiedlicher Sorten – vom Essay über das Gespräch bis zur Analyse – ein Diskursfeld ohne Bevormundung. Darunter sind auch Beiträge wie Bankleer: Les Maîtres 2000, die selber in Montage und Collage suchen, wovon sie sprechen: eine Haltung zum Material. Bei anderen wie Disturbed Earth von Sarah Vanagt und Tobias Hering führen Bilder und Texte gleichberechtigt Dialog.

Direct Cinema und Cinéma vérité lassen sich durch den Point of View unterscheiden

Eine ein für allemal richtige Einstellung gibt es sowieso nicht. Joanne Richardson erklärt den Unterschied zwischen dem amerikanischen Direct Cinema und dem französischen Cinéma vérité anhand der Standpunktwahl: Ist man hier darauf gerichtet, „Transparenz“ zu erzeugen durch die möglichst offene Stellung der Kamera, so geht es dort gerade darum, den subjektiven Standort der Autoren zu reflektieren. Es entsteht nicht nur eine Linie zwischen „Betrachten“ und „Teilhaben“, sondern auch eine zwischen Nehmen und Geben. Mit allen neuen Technologien des Films, von der Entwicklung der Schmalfilmkameras über die Videotechnik bis zur Handy-Fotografie waren immer Hoffnungen auf Demokratisierung (auf eine „Re-Politisierung“) verbunden.

Ein Beispiel sind die Filme des Videoladens Zürich in den Jahren 1979/80 und die Verständigungstexte dazu, in denen es darum geht, die Perspektive der Demonstranten gegen die der Polizei zu setzen. Man sieht die Polizei mit den Augen der Demonstranten, nicht die Demonstranten mit den Augen der Polizisten, was eine ziemlich eindeutige Haltung ist. Von dieser Idee aus würde es sich zum Beispiel lohnen, darauf zu achten, aus welcher Perspektive audiovisuelle Medien oder populäre Serien derzeit Demonstrationen zeigen.

Zurück nach vorn

Ein Buch, wie gesagt, das zum Weiterdenken anregt. Seine Lektüre allerdings, das ist der Haken an der Sache, fordert von Leserin und Leser drei Voraussetzungen: einigermaßen flüssige Englischkenntnisse, etwas Zeit und Geduld, und schließlich schaden Grundlagen in Bild- und Medientheorie nicht. Das Buch ist also weder etwas für zwischendurch noch als praktischer Begleiter in der Vielzweckjacke zu gebrauchen. Man muss es entweder studieren – es handelt sich schließlich um Ergebnis und Begleitung einer längeren cineastischen Suchbewegung – oder es benutzen, um sich aus den Ideen und dem Wissen entsprechende Teile herauszuholen.

Der Standpunkt der Aufnahme ist jedenfalls ein schönes Beispiel für eine Verzahnung von Theorie und Praxis beim Filmemachen, und ein Blick zurück und zugleich nach vorn. Dafür stehen auch Texte wie der von Serge Daney aus den 1970er Jahren, La remise en scène, der bereits eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, und zuerst in den Cahiers du Cinéma veröffentlicht wurde. Er endet mit der bemerkenswerten Frage, wie man Anführungszeichen filmt.

Georg Seeßlen, 30-04-2014 derFreitag

 

Standpunkt

 

 

Der Standpunkt der Aufnahme – Point of View
Positionen politischer Film- und Videoarbeit

Herausgegeben von Tobias Hering
Grafik & Satz: Chiara Figone

Archive Books & Arsenal – Institut für Film und Videokunst,

Berlin 2014
485 Seiten,

deutsch und englisch

 

 

 

 

 

 

MEHR INFORMATIONEN
(Quelle: standpunktderaufnahme.de)

Nach rund zwei Jahren gemeinsamer Arbeit ist bei Archive Books in Zusammenarbeit mit Arsenal – Institut für Film und Videokunst das Buch zur Programmreihe erschienen. „Der Standpunkt der Aufnahme – Point of View: Positionen politischer Film- und Videoarbeit“ wird am 13. März 2014 im Kino Arsenal vorgestellt und zur Buchpräsentation wird Züri brännt (CH 1980) vom Videoladen Zürich gezeigt.
Auf 485 Seiten reflektieren die an der Filmreihe beteiligten Autor_innen in Texten und Bildessays über die eigene Arbeit mit Film und Video. Wiederveröffentlichte Texte aus den 1970er, 80er und 90er Jahren – darunter drei erstmals ins Englische übersetzte Artikel von Serge Daney – machen Kontinuitäten und Umbrüche der Debatte neu lesbar. Mehr

Der Standpunkt der Aufnahme behauptet die unverminderte Aktualität der Frage, was es heißt, mit Film und Video politisch zu arbeiten. Texte, Bildessays und theoretische Positionen zeitgenössischer Film- und Videomacher_innen geben Antworten aus der künstlerischen und aktivistischen Praxis. Wiederveröffentlichte, meist erstübersetzte Texte aus den 1970er, 80er 90er Jahren machen Kontinuitäten und Umbrüche der Debatte neu lesbar.
„Der Standpunkt der Aufnahme“ widmet sich aktuellen Fragen politischer Film- und Videoarbeit. Filmemacher_innen und Videokünstler_innen werden eingeladen, im Berliner Kino Arsenal einen Abend zu gestalten, an dem sie aktuelle eigene Arbeiten neben Filmen aus dem Repertoire des politischen Kinos zeigen. Tobias Hering kuratiert die Reihe und gibt auch das Buch heraus.

Sämtliche neuen Texte sind Erstveröffentlichungen, die Repertoire-Texte erscheinen entweder in Erstübersetzung oder werden erstmals im Druck vorgelegt.

„Der Standpunkt der Aufnahme – Point of View“ ist als Lesebuch konzipiert, das nicht den Anspruch hat, das gesteckte Feld objektiv und flächendeckend zu vermessen. Gleichwohl werden in den subjektiven, von der eigenen Arbeit ausgehenden Beiträgen zentrale Fragen aufgeworfen, auf die jede politische Filmarbeit stößt. Es sind diese Fragen zur Integrität der eigenen Arbeit, zur Beziehung zwischen Kamera und Gefilmtem, zum Verhältnis von Bild und Sprache, zur Positionierung der eigenen Bildproduktion in der größeren, heute global strukturierten Medienlandschaft, die diese Arbeit zu einer politischen machen und in denen es immer auch um den „Standpunkt der Aufnahme“ geht.

Inhaltsverzeichnis

Tobias Hering —
Der Standpunkt der Aufnahme – Point of View

Videoladen Zürich —
Züri brännt jetzt! / Zurich’s burning now!

Joanne Richardson —
Making films politically

Charles Heller —
Image.Migration

Raphaël Cuomo, Maria Iorio —
And never becomes :

Serge Daney —
The Restaging

Brigitta Kuster —
Choix d’un passé. Traits d’union

dogfilm —
dogfilm goes Fernsehen? / dogfilm goes television?

Bärbel Schönafinger —
kanalB ersetzt herkömmliches Fernsehen / kanalB replaces ordinary television

Serge Daney —
On Paper

Djibril Diop Mambéty —
La grammaire de grand-mère / Grandma’s Grammar

Brigitta Kuster —
parler film

bankleer —
Les Maîtres 2000. Syntax und Fleisch / Les Maîtres 2000. Syntax and Flesh

Jean-Marie Straub, Elke Marhöfer, Mikhail Lylov —
Tausend Klippen / A Thousand Cliffs

Serge Daney —
A Tomb for the Eye (Straubian Pedagogy)

Sarah Vanagt, Tobias Hering —
Disturbed Earth

Robert Schlicht —
Film als Schauprozess / Film as Show Trial

Robert Schlicht, Romana Schmalisch —
Supplements to Preliminaries

Miriam Aprigio, Raphaël Grisey —
Taking part in festivities of one hundred years ago … Dear Miriam

Avery Gordon —
Who’s there? Some answers to questions about ghostly matters
Sämtliche neuen Texte sind Erstveröffentlichungen, die Repertoire-Texte erscheinen entweder in Erstübersetzung oder werden erstmals im Druck vorgelegt.

„Der Standpunkt der Aufnahme – Point of View“ ist als Lesebuch konzipiert, das nicht den Anspruch hat, das gesteckte Feld objektiv und flächendeckend zu vermessen. Gleichwohl werden in den subjektiven, von der eigenen Arbeit ausgehenden Beiträgen zentrale Fragen aufgeworfen, auf die jede politische Filmarbeit stößt. Es sind diese Fragen zur Integrität der eigenen Arbeit, zur Beziehung zwischen Kamera und Gefilmtem, zum Verhältnis von Bild und Sprache, zur Positionierung der eigenen Bildproduktion in der größeren, heute global strukturierten Medienlandschaft, die diese Arbeit zu einer politischen machen und in denen es immer auch um den „Standpunkt der Aufnahme“ geht.

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