Die Lang’sche Methode

Der 2014 gestorbene Kurator Peter Lang war das Gegenbild zum mondänen Starkurator. Ein schöner Band erinnert an den DDR-Bohèmian.

Viktorianische Kostüme, mechanisch anmutende Konstruktionen, wahnwitzige Skizzen. Die Besucher staunten nicht schlecht, als sie das Sammelsurium sichteten, das vor drei Jahren im Berliner Künstlerhaus Bethanien ausgebreitet war. War das schon Kunst oder handelte es sich doch bloß um abgedrehte Bastlerarbeiten?

„Das mechanische Corps. Auf den Spuren von Jules Verne“ war die letzte und zugleich eine der erfolgreichsten Ausstellungen von Peter Lang. Was wie historische Objekte aus der Zeit von Jules Verne wirkte, war tatsächlich eine Kompendium zeitgenössischer Kunstobjekte.

Manche sahen wie Uhren aus, Pendel oder Fluggeräte. Was sie einte, war der ästhetische Rückgriff auf das utopische Potential von Technologien des frühen Industriezeitalters – in einem Zeitalter, dessen technologisches Potential ans Magische grenzt.

Die Schau vereinte alles, was den 1958 in Leipzig geborenen Kurator ausmachte: Das Interesse an Kulturgeschichte, die Lust an der Grenzüberschreitung zwischen High und Low, die Liebe zu außergewöhnlichen Objekten, unbekannten Kunstformen.

Verwundern konnte die ungewöhnliche Kombination nicht. Hatte Lang doch beides studiert: Physik an der Karl-Marx-Universität Leipzig von 1979 bis 1981, Kunst, Ästhetik und Theaterwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität 1982 bis 1990.

Die Begegnung von Kultur und Technik zog sich als Subtext durch sein Kuratieren. In ganz große Form goss er dieses Interesse, als er 2007 im Historisch-Technischen Informationszentrum Peenemünde eine Ausstellung über den „Weltraumphantasten“ Wernher von Braun zeigte.Und ihn dem (ost-)deutschen Art-Brut-Künstler Karl Hans Janke gegenüberstellte. Der 1988 verstorbene Maler und Erfinder hatte in 40 Jahren in der Psychiatrie Tausende Zeichnungen und Modelle von Flugmobilen, futuristischen entwickelt. Nischenexistenzen, schräge Vögel, skurrile Sammlungen zogen Lang immer magisch an.

„Die Ungarische Methode“ nannte er eine Ausstellung 2012 im Kunstverein Aschersleben. Darin reflektierte er den, zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten Algorithmus, der in Verkehr und Telekommunikation eine Rolle spielt, im Spiegel der Kunst.

Wie ein spleeniger Daniel Düsentrieb der Kunstwelt oder ein verhinderter Physikprofessor kam Lang freilich nicht daher. Als der Berliner Künstler Markus Wirthmann ihn während einer Recherchereise durch Brandenburg zu Beginn der 2000er-Jahre zum ersten Mal kennenlernte, traf er einen schlecht gelaunten, kleinen Mann in Uniform.

Der punkige DDR-Bohemian pflegte ein Faible für die Zeit zwischen sächsischem Spätbarock und Romantik. Deswegen hatte er sich eine lederne Dragonerjacke aus dieser Zeit schneidern lassen. Aufmerksamkeit auf Vernissagen konnte er sich darin sicher sein.

In dem betressten Rock sah er, wie sich Wirtmann erinnerte, „ wie ein Napoleondarsteller auf einer Kleinkunstbühne“ aus. Aristokratisches Gebaren lag ihm jedoch fern. Wenn ihn etwas auszeichnete, dann grenzenlose Neugier, Begeisterungsfähigkeit und schier unendliche Energie.

„Ungewöhnliche Themenausstellungen“ – das war das einhellige Stichwort, wenn von Peter Lang die Rede war. Schwer zu sagen, woher diese Fähigkeit rührte. Die assoziative Art, zu denken, der Zwang zur blitzschnellen Improvisation, mit dem er im nonkonformistischen DDR-Kunstbetrieb großgeworden war.

Von 1989 bis 1993 betrieb er in Berlin die Galerie Kraftwerk. In Leipzig bemühte er sich im berühmten, nach der Wende leerstehenden „Specks Hof“ gegen die „Leipziger Kuhwärme“ anzukämpfen. „Wer von den Malern hier spricht schon englisch?“, regte er sich damals auf.

Doch „finanztechnisch“, erinnert sich der Künstler Moritz Götze, „war er meistens ein Chaot“. Geld zu verdienen lag ihm nicht, Lang brannte für Inhalte. Auch wenn die Projekte, die er daraus schmiedete, sein Konto beständig in gefährliche Grenzwerte trieb.

Dass dieser Mann nach der Wende nicht unterging, verdankte er seinen Netzwerken aus der versunkenen Zeit davor. Die meisten Künstler aus der DDR, die später berühmt wurden, kannte er noch aus Studientagen. Übertriebene Ehrerbietung ihnen gegenüber war ihm vollkommen fremd. Wer mit ihm arbeitete, musste Kritik aushalten können. „Diplomatisches Verhalten war Peters Sache nicht“ erinnert sich Moritz Götze.

Nur ein Herold der DDR-Kunst war Lang aber nie. Obwohl er mit zahlreichen Ausstellungen den ostdeutschen Pop-Artisten Götze bekannt machte. Diesen und Neo Rauch in die Sammlung der Deutschen Bank hievte. Und dafür sorgte, dass das Oeuvre Hannes Hegens, des legendären DDR-Comiczeichner und Erfinders des „Digedag“-Trios, nicht in Vergessenheit geriet.

Mehr als um Einzelschauen ging es Lang aber um kulturelle Tiefenbohrungen und Querschnittsanalysen. Wie bei der Schau „Der Harz“ 2005 in Aschersleben. Neben vergessenen Büchern und Bildern aus dem Heimatmuseum präsentierte Lang dort Roland Bodens fiktive Dokumentation über das “Alberich-Gerät”, ein Wehrmachts-Instrument zur Unsichtbarmachung. Oder die Idee des Berliner Künstlers Joachim Grommek für einen Aussichtsturm für die Stadt.

„Verbindungen schaffen, verschiedene Welten miteinander zu vereinen“ – unter den Definitionen, mit denen Hans-Ulrich Obrist, der Schweizer Übervater des Kuratierens, vor ein paar Jahren versuchte, seinen seltsamen Beruf auf den Begriff zu bringen, trifft diese Beschreibung die ungewöhnliche Arbeit des „Polyhistors“ (Andreas Höll) Lang noch am ehesten.

Heute ist der „Kurator“ zur Chiffre einer selbstbezüglichen Kaste des Kunstbetriebs geworden. Der Prekarier Lang war gleichsam das Gegenbild des mondänen Starkurators. Klein, unscheinbar, nachlässig gekleidet, zu große Kastenbrille.

Wichtiger war, dass er es noch mit der ursprünglichen Wortbedeutung des Kurators hielt – „Pflegen“. Jedes Projekt transportierte seine Vision, trotzdem blieb er immer respektierter „Künstlerpartner“ (Anke Reutter).

Wenn heute Kuratoren ihre schwer definierbare Arbeit zur „Wissensproduktion“ aufplustern, dann war Lang ihr Exponent avant la lettre. Ohne allerdings in das (post-)strukturalistische Kauderwelsch zu verfallen, mit dem sie heute präsentiert wird. „Das soll sich ja sinnlich erschließen“ hatte er einmal in einem Interview lakonisch seine Arbeitsweise charakterisiert.

Wenn man rastlosen Meister der Verknüpfung etwas gewünscht hätte, dann ein paar größere Projekte als die zahllosen Galerie-Ausstellungen oder die Themenschauen, die Christoph Tannert, Freund und Kollege aus DDR-Tagen und Direktor des Künstlerhauses Bethanien ihm dort ermöglichte.

Womöglich gar die „Mission impossible“ in Venedig. Wie hätte wohl, so einer meiner liebsten Tagträume, der deutsche Pavillon in den Giardini ausgesehen, hätte der deutsche Außenminister eines Tages diesem hochtalentierten Outsider zu dessen Kurator ernannt?

Dazu ist es nicht gekommen. 2014, mit gerade mal 56 Jahren, starb er in einem Taxi an einem Herzschlag, als er in München eine Ausstellung vorbereitete. So schnell und überraschend, wie er bei Projekten oder Parties auf- und abzutreten pflegte. Wahrscheinlich hat sich der heimatlose Kunstnomade einfach auf den Weg zurück in die Zukunft gemacht.

Ingo Arend

der freitag, 20/2018

http://www.barbabette.com/other/peter-lang-katalog/

http://www.bethanien.de/publications/peter-lang/

Zur Erinnerung an „Peter Lang. Kurator“ ist im Verlag des Künstlerhauses Bethanien ein schönes Bändchen erschienen.

164 Seiten

30 Euro

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