Zwischenzeiten, Zwischenräume

César Aira öffnet in seinem Roman „Gespenster“ die Schuhschachtel des Universums

Literatur aus Lateinamerika stand in den 70er und 80er Jahren ganz hoch im Kurs. Das hatte mit dem Welterfolg von Gabriel García Marquez und Isabel Allendes „Geisterhaus“, mit den Büchern von Julio Cortázar oder Carlos Fuentes zu tun, aber mehr noch mit den revolutionären Hoffnungen der Linken, die sich an Kuba, an Nicaragua und El Salvador und an das Chile Salvador Allendes knüpften. Passend dazu bewegte sich die lateinamerikanische Literatur mit dem Übervater Jorge Luis Borges in einem Raum jenseits der bloßen Fakten und stieß ins Magische, Phantastische, Surreale vor. Die Welt ist größer als unsere Wahrnehmung in den Grenzen von Raum und Zeit, bewiesen diese Bücher. Es liegt etwas dahinter, eine vierte Dimension. Das ist die Welt der Möglichkeiten, die man erst einmal erfinden muss, um sie wirklich werden zu lassen.

Dass es seither fast schon beängstigend ruhig geworden ist um die lateinamerikanische Literatur, ist demnach also kein gutes Zeichen. Es hat auch nicht unbedingt damit zu tun, dass Bücher von dort schlechter geworden wären. Doch es fehlt der historische Resonanzraum, den es offensichtlich braucht, damit Bücher aus ihrer historischen und geographischen Begrenztheit in die weite Weltwahrnehmung vorstoßen können. Der 1949 in Buenos Aires geborene César Aira hat den internationalen Durchbruch nie geschafft, obwohl er zweifellos einer der ganz großen Autoren der Gegenwart ist und wie seine Vorgänger der Borges-Schule entstammt. Mehr als dreißig meist angenehm schmale Romane hat er bereits geschrieben; nur ein kleiner Teil davon liegt in deutscher Übersetzung vor.

Airas Romane sind kalkulierte Grenzüberschreitungen von Raum und Zeit. Er siedelt sie an ganz konkreten, historischen Orten an, die er dann aber durch seine Erzählkunst ausdehnt und erweitert. Dadurch erfährt man sehr viel über argentinische Geschichte und Gegenwart. Falls man sich dafür aber nicht interessiert, bietet Aira noch etwas ganz anderes: Transzendenz. Vielleicht ist das ja der Punkt, an dem Literatur zu Weltliteratur wird: wenn sie neue Welten erschließt.

In dem jetzt auf Deutsch vorliegenden Roman „Gespenster“ (das Original erschien bereits 1991) dient der Rohbau eines Hauses in der Calle José Bonifacio 2161 in Buenos Aires als Handlungsort. Es ist ein extrem heißer 31. Dezember, Jahreswechsel, ein natürlicher Grenzbereich. Ein Architekt führt die Eigentümer der entstehenden Wohnungen über die hitzeflirrende Baustelle, Innenarchitekten messen Wände aus und entwerfen die zukünftige Einrichtung. Bis dahin aber haben sich chilenische Arbeiter zusammen mit ihren Frauen und Kindern in der leeren Betonhülle eingerichtet. Die reichen Argentinier haben durchaus Verständnis für dieses „Glück“ der Armen, „in einem Provisorium am Rande der Zeit zu leben“. Zwischen ihnen und den Chilenen besteht nicht nur die soziale Grenze von reich und arm, sondern zugleich eine zeitliche Trennungslinie: „Wo jetzt die einen waren, würden später die anderen sein.“ Zunächst aber verschwinden die Eigentümer wieder wie ein vorfristiger Spuk. Der Rest des Tages gehört den Chilenen und dient ihnen dazu, ihre Silvesterfeier vorzubereiten.

Ein Neubau ist für Aira eine Art räumlicher Umstülpung: Das, was Außenwelt war, wird zur Innenwelt, aus gesellschaftlichem Raum wird Privatheit. Das Haus ist dann fertig, wenn alles zur Innenwelt geworden ist: „ein intimes, gepanzertes kleines Universum“. Um diesen Prozess, in dem der Raum selbst in Bewegung gerät, geht es in seinen Büchern. In der grandiosen Novelle „Humboldts Schatten“ erzählte er von der Reise des Malers Johann Moritz Rugendas durch die argentinische Pampa im Jahr 1845. Die gewaltigen, von zehn Ochsen gezogenen Karren für die „Interpampareisen“ erweckten sein Interesse. Sie hatten zwei riesige Räder und waren so schwer, dass sie sich kaum in Bewegung setzen ließen. Einmal in Fahrt waren sie dann aber nicht mehr aufzuhalten. Wie Schiffe durchmaßen sie den Raum „in einem Schneckentempo, das nur in Tages- oder Wocheneinheiten messbar war“. In dieser Geschichte verwandelte Aira die Innenwelt seines Protagonisten in Außenwelt. Der Raum dehnte sich ins Unendliche, so wie er in „Gespenster“ zu schrumpfen scheint.

Und doch ist auch der Mikrokosmos der Baustelle unermesslich für diesen Erzähler. Und so ist es wohl nicht weiter erstaunlich, dass dieser Raum auch von Gespenstern besiedelt wird. Das sind kalkbestäubte nackte Männer mit mächtigen Genitalien, die in der Luft herumschweben und höhnisch lachen. Für die Chilenen sind sie so real, dass sie sich kein bisschen darüber wundern. Keine Spukatmosphäre also, kein Geisterhaus, sondern ein freundliches Miteinander. Vor allem die Kinder sind mit einer feinen Sensibilität ausgestattet und in der Lage, Kontakt zu den Gespenster aufzunehmen, während die Arbeiter sie ganz praktisch als Weinkühler nutzen, indem sie die Flaschen rektal in die Geisterhüllen einführen. Die 15jährige Patri, die fürs Träumen eine besondere Begabung besitzt, entdeckt darüber hinaus auch die sexuelle Anziehungskraft dieser formschön bemuskelten Gestalten. Wenn sie schließlich vom Dach springt, weil die Gespenster sie zu ihrem Fest eingeladen haben, muss das nicht unbedingt ein tragisches Ende sein. Wer die Realität der Gespenster akzeptiert, kann davon ausgehen, dass sie das Mädchen auffangen und zusammen mit der Brille wieder nach oben bringen, wo die aus ihrer Feier gerissene chilenische Familie entsetzt in die Tiefe starrt.

„Es war eine Unterbrechung des Lebens, um etwas Bedeutungsloses tun zu können“, schreibt Aira in dieser Feier der Zwischenräume und Zwischenzeiten. „Wir sind es gewohnt, die Zeit immer nur innerhalb der Zeit selbst zu sehen, und was, wenn sie einmal außerhalb ist? Dasselbe gilt für das Leben, das in seinem Strom dahinfließt; normal und einzig annehmbar erscheint, es in einem größeren Rahmen des Lebens als solchem zu begreifen. Trotzdem gab es auch andere Möglichkeiten, und eine davon war das Fest, das Leben außerhalb des Lebens.“ Diesem Bereich versucht Aira sich immer wieder aufs neue anzunähern. Das gelingt ihm mal besser, mal schlechter. Er ist ein philosophischer Kopf und ein intellektueller Tüftler, was seinem Erzählen manchmal auch hinderlich ist. Vor allem aber ist er einer, der die Schuhschachtel des Universums öffnet, um die Größe von Raum und Zeit auszuloten. Wenn das keine Weltliteratur ist.

Text: Jörg Magenau

Text erschienen in „Literaturen“, 5/2010




César Aira: Gespenster. Roman

Aus dem Spanischen von Klaus Laabs.

Ullstein, Berlin 2010, 170 Seiten, 18,00 Euro.


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