Alice Munro: Zu viel Glück

Lakonischer und knapper lässt sich ein Leben nicht darstellen: „Ich wurde erwachsen und alt.“ So endet eine Erzählung der kanadischen Nobelpreisanwärterin Alice Munro. Der erste Satz dieser Geschichte lautet: „Es verwundert mich manchmal, wie alt ich bin.“ Zwischen Jugend und Alter scheint nur ein Wimpernschlag zu liegen. Erzählt wird die Kindheitserinnerung einer alten Frau. In den Sommerferien arbeitete sie als Aushilfspflegerin im Haus eines leukämiekranken Mannes, dem sich eine Masseurin, die dessen alte Mutter betreut, auf seltsame Weise annähert, ja aufdrängt. „Manche Frauen“ heißt diese Geschichte. Das Merkwürdige daran ist, dass gerade diese Episode eines ganzen Lebens heraussticht, über den Rest aber hinweggegangen wird mit dem Satz: „Ich wurde erwachsen und alt.“

Was also ist das Leben? Und wie vergeht die Zeit? Das sind die Fragen, um die Munros Erzählungen kreisen, auch wenn sie nicht explizit gestellt werden. Ihre große Kunst besteht darin, das Leben auf einzelne Momente zu reduzieren, als entscheide sich in einem Augenblick alles weitere. Häufig sind es deshalb Rückblicke alter Menschen – fast immer Frauen – auf ein Kindheitserlebnis, so wie in „Kinderspiel“, wo zwei Mädchen im Ferienlager eine geistig Zurückgebliebenen, die zu den „Sonderlingen“ gehört, so lange unter Wasser drücken, bis sie tot ist. Subtil beschreibt Munro den grundlosen Hass der Mädchen auf die Außenseiterin, von der sie sich auf eine ihnen nie bewusste Weise bedroht und beobachtet fühlen, weil sie deren Anhänglichkeit und sehnsuchtsvolle Zugehörigkeitsbemühungen nicht begreifen. Erst im hohen Alter, als die eine der beiden Täterinnen im Krankenhaus liegt und stirbt, kommt es zu einer Wiederbegegnung und zu einer Neubetrachtung der Schuld.

Munro zeigt Menschen „auf dem Weg zu Taten, deren sie sich bisher nicht für fähig gehalten hätten“. Dabei hat sie einen dezidiert weiblichen Blick, der die Beziehung von Frauen und Männern als Macht- und Abhängigkeitsverhältnis untersucht. Der Zeitraum, in dem sie sich bewegt, ist die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts; die Kindheitserinnerungen sind also in den 50er Jahren angesiedelt. Wie wird eine Frau damit fertig, dass ihr Mann sie wegen einer Jüngeren verlässt? Wie verkraftet eine Frau den Tod ihres Mannes und wie wird sie mit einem Fremden in ihrem Haus fertig, der sich als dreifacher Mörder herausstellt? Wie begegnet eine Mutter ihrem Sohn, der in der Jugend einen schweren Unfall erlebte, und den sie nach Jahrzehnten ohne jede Nachricht als einen samariterhaften Obdachlosen wiedertrifft?

Die Titelgeschichte „Zu viel Glück“ fällt aus diesem Rahmen heraus, nicht nur weil sie in Europa und im 19. Jahrhundert spielt (und hier ist spürbar Munro nicht so zu Hause wie in der kanadischen Provinz und Waldabgeschiedenheit), sondern auch weil es sich dabei um einen historischen, biografischen Stoff handelt: Munro versucht das Leben der genialen russischen Mathematiker Sofia Kowalewskaja nachzuempfinden, der ersten Frau, die eine Professur erhielt. Dabei zeigen sich jedoch die Grenzen ihrer Methode. Die Verknappung, die Reduktion auf einzelne Ereignisse geht nicht mehr auf, wenn es gilt, einen biografischen Überblick zu vermitteln. Munros Geschichten leben davon, dass in einem Moment das ganze Leben sichtbar wird, also von ihrer Entscheidung, den richtigen Augenblick zu erwischen. Das aber misslingt im Fall der Kowaleskaja – wie auch in einigen anderen Erzählungen dieses Bandes, die dann ein wenig beliebig wirken und allzu sehr auf den Zufall setzen. Es ist, als gehe Munro, die im Juli 80 Jahre alt wird, Kraft und Konzentration ein wenig verloren. So fehlt diesem Band das Zwingende, Atemraubende, Zupackende, das frühere Erzählungen ausgezeichnet hat.

Jörg Magenau

Alice Munro: Zu viel Glück.

Zehn Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning.

S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011

366 Seiten, 19,95 Euro

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