Es gab einmal ein Land und eine Zeit, da wurden Schriftsteller durch die Bezeichnung „Arbeiterdichter“ geadelt. Es war das Land, in dem der Dichter Volker Braun zu arbeiten begann. Als Arbeiterdichter galt er dort jedoch nicht, obwohl Arbeit von Anfang an sein Fachgebiet gewesen ist. Nach dem Abitur verdingte er sich 1958 für mehr als zwei Jahre als Tiefbauarbeiter und Rohrleger im Kombinat „Schwarze Pumpe“. Seine Arbeit bestand darin, Schlamm aus den endlosen, ausgebaggerten Entwässerungsgräben zu schippen, in denen dann Rohre verlegt wurden. Diese Arbeit sei nicht nur „wichtig“, sondern auch „schön“, behauptete der emphatische Jungdichter in seiner ersten Erzählung „Schlamm“.

Der Parteizeitung „Neues Deutschland“ bot er 1959 seine Mitarbeit mit den Worten an: „Sehr geehrte Genossen, ich schicke Euch meine Skizze. Da ich noch nichts veröffentlicht habe, wäre ich Euch dankbar für kritische Hinweise. Wenn ihr daran interessiert seid, sende ich Euch ähnliche Skizzen, in denen ich versuche darzustellen, wie wir den Schritt vom Ich zum Wir machen.“ Doch die Skizzen zum Theaterstück „Die Kipper“ wollte das ND nicht drucken. Allzu deutlich wurde darin die Monotonie der Arbeit, die dem marxistischen Ideal der Selbstbefreiung durch Aneignung der Produktionsmittel wenig entsprach – ganz abgesehen davon, dass darin auch mangelhafte Arbeitsschutzbestimmungen zur Sprache kamen. Braun trat zwar als Arbeiterdichter auf, doch so realistisch hatten sich die DDR-Literaturaufseher die Darstellung der Arbeit dann auch wieder nicht vorgestellt. Und den Marxismus als dialektisches Instrument zu nehmen, um Widersprüche zuzuspitzen anstatt sie einzuebnen, das entsprach auch nicht ihren Vorstellungen von ideologischer Zuverlässigkeit.

Wer heute, gut fünfzig Jahre später, an selber Stelle aber nicht mehr im selben Staat, als „Arbeiterdichter“ bezeichnet wird, darf das keineswegs als Kompliment betrachten. Arbeiterdichter sind inzwischen Leute von vorgestern, die verbrauchte Klassenkampfgesten vorführen und einer verstaubten Auffassung von Literatur anhängen. Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich Volker Braun deshalb einen „Dichter der Arbeit“ nennen. In doppelter Hinsicht: weil er das, was er tut, nicht als hehre Kunst, sondern als Arbeit begreift. Und: weil seine Texte hartnäckig von Arbeit handeln. Sein vor zwei Jahren erschienenes Skizzen- und Tagebuch der Jahre 1977 bis 1989 nannte er „Werktage I. Arbeitsbuch“. Seine Gedichte stehen unter dem Titel „Der Stoff zum Leben“, weil er eben auch als Dichter direkt am Material, der Sprache, wirkt. In Angelegenheiten der Sprache ist er Materialist. Jedes Wort ist für ihn ein Werkstoff, etwas Dingliches, das sich abklopfen und zerlegen und neu zusammenfügen lässt. Worte können in eine Schieflage geraten, verrutschen und dabei die Bedeutung verändern. Dann entstehen die „Liegen- und Lassenschaften“, wird Widerstand zur „Mangelware“ nach der man sich bücken muss. Der „Rückstand“ ist nicht nur das, was die Bergleute als Abfall anhäufen, sondern zugleich auch ihre tatsächliche Lage und ein Monument ihrer „Verbohrtheit in den Berg“. Und nebenbei lernt man auch noch seltene Worte wie Pumpensumpf, Einmuldungszone oder Schälschrapperstrebabbau.

Arbeit ist über die Jahrzehnte hinweg ein wichtiges Arbeitsgebiet Volker Brauns geblieben, auch wenn die Arbeit nicht mehr das ist, was sie einmal war und an vielen Orten zum Verschwinden neigt. Mit seinem Meister Flick in dem Roman „Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer“ aus dem Jahr 2008 hat er einen Ritter von der traurigen Gestalt des ausgehenden Arbeitszeitalters im Tagebaurevier geschaffen, der wie sein historischer Vorläufer Don Quijote als Gespenst einer vergangenen Epoche gegen die neumodischen Windmühlen kämpft.

„Die hellen Haufen“ knüpft daran an, wenn der Ich-Erzähler, der sich gelegentlich zu Wort meldet, ankündigt, „wie ein Narr mit den Fakten“ zu beginnen. Und er erzählt so moritatenhaft aus der Treuhand-Abwicklungs-Nachwendezeit, als läge das, was sich doch erst vor kurzem ereignete, schon Jahrhunderte zurück. Die Vergeblichkeit des bereits Geschehenen und Erledigten ist dem Bericht als melancholischer Zug eingeschrieben. So war es, so ging es vorbei, so steht es in den Geschichtsbüchern. Genau so könnte man auch über die Bauernkriege schreiben. Die „Hellen Haufen“ sind ja auch ein Pendant zu Florian Geyers berühmten „Schwarzen Haufen“. Und wenn damals die Bauern 12 Artikel formulierten, so sind es hier die Mansfelder Arbeiter – trotz ihrer Sorge, dass das Wort „Artikel“ allenfalls den Wunsch auf Konsumgüter auslöse.

Wie ein Bergmann seine Stollen durch die Gesteinsschichten treibt, so arbeitet sich der Erzähler durch die Wirklichkeit hindurch, wenn Wirklichkeit das ist, was aus Fakten besteht. Hartes Gestein also, jede Menge Abraum. Mit gezielten Tiefenbohrungen durchstößt er die abgelagerten Schichten der Geschichte, um endlich in den Geröllmassen der Wirklichkeit auf die verborgenen Bodenschätze zu stoßen: vergessene Hoffnungen, unterdrückte Wünsche, Leerstellen und schöne Versprechungen, bloße Möglichkeiten, die nie ergriffen worden sind. „Geschichte“, sagt Braun gleich zu Beginn dieses erstaunlichen Arbeitsvorgangs, „hat mehr in sich, als sich ereignet: auch das Nichtgeschehene, Unterbliebene, Verlorene liegt in dem schwarzen Berg.“ Sich mit den Fakten zu begnügen, wäre ja auch langweilig, weil sie sowieso nicht mehr zu ändern sind. Ein Motto von Ern st Bloch ist dem Buch vorangestellt: „Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern.“

„Die hellen Haufen“ besteht wie ein dreiflügeliger Altar aus drei Teilen. Auf den schmalen Seitenflügeln die Fakten, die man dann auf- und wegklappen kann, so dass in der Mitte dahinter das große Bild des Erfundenen sichtbar wird, das, was sich nur durch Glauben zum Leben erwecken lässt. Denn das Möglichgewesene als Alternative zum Wirklichgeschehenen ist immer auch eine Glaubensfrage.

Beginnen wir also mit den Fakten. Kapitel 1, Bischofferode, 1993. Braun haut den Ortsnamen zu „Bitterode“ zurecht, denn so geht er mit den Fakten um. Der Thomas-Müntzer-Schacht soll dicht gemacht werden, verraten und verkauft, so sieht es der Wille der Treuhand vor, auch wenn die, die dort seit Generationen arbeiteten und gutes Salz aus der Erde holten, nicht begreifen warum. Es kommt zum Hungerstreik im Betrieb, zum Marsch auf Berlin, zu einem Besuch des Papstes in Rom, und für ein paar Monate gibt es große öffentliche Aufmerksamkeit. Geändert hat das schließlich nicht viel, außer dass die Politik zur Befriedung der Lage schöne Versprechungen machte. Bischofferode erhielt neue Straßenbeläge, schöne Grünanlagen und einen neuen Gewerbepark.

So weit die Fakten. Aber was sind denn die Fakten? Wenn der Hungerstreik bei Braun damit beginnt, dass eine Frau ihrem Mann Knödel kocht, die der aber nicht essen will und, dumm wie er ist, ungesättigt aus dem Haus und zum Hungerstreik läuft? („Ich kriege auch morgen nichts, warum soll ich heute essen?“)

Und wenn Volker Braun sich für die Auswirkungen des Hungerns auf Liebe und Libido interessiert, sind das vielleicht Fakten, aber nicht unbedingt das, was in den Geschichtsbüchern steht.

Kapitel 2, Mansfeld. Da wird nicht gehungert, sondern abgeräumt. Reste der Belegschaft, die nicht entlassen wurden, sind mit Demontagearbeiten beschäftigt, holen aus den stillgelegten Bergwerken heraus, was noch zu gebrauchen ist, versiegeln die Stollen, schließen ab. „Zuhälter der Zukunft“ heißen sie im Text. Daneben entwickelt sich nun aber eine Romanhandlung: Eine Frau liebt einen Lehrer, der aus dem Westen zugezogen ist, mehr als ihren Mann. Wenn alles zerfällt, warum soll die Familie dann halten? Auch die Liebe ist, so lernen wir hier, eine Produktion, die eingestellt und andernorts neu aufgenommen werden kann. Was ist ein stillgelegtes Bergwerk gegen die Liebe?

Auch das gehört noch in den Bereich der Fakten, ebenso wie das „Dreckschweinfest“, ein alter Pfingstbrauch in dieser Region, dergestalt, dass junge Männer sich im Schlamm wälzen und damit bewerfen. Da kehrt Volker Braun zu seinen Anfängen in der Erzählung „Schlamm“ zurück – doch das ist jetzt keine Arbeit mehr, sondern Ritual, ein Spiel, aus dem sich in der aufgeladenen Stimmung des Jahres eine handfeste Schlägerei entwickelt. Ohne Dreckschweinfest keine Revolte, auch keine fiktive.

In Kapitel 3, dem Hauptbild, öffnet sich endlich „der unermessliche Bereich der Erfindung“. Aber man merkt, wie viel Geduld und Mühe es kostet, den möglichen Widerstand herauszuarbeiten und, am Wirklichgewesenen anknüpfend, von einem Arbeiteraufstand zu erzählen, den es nie gegeben hat. Die Geschichte „schärfer zu machen“ ja, sie zu „munitionieren“, ist das Ziel. Dass das eine Glaubensfrage ist, wird spätestens dann deutlich, wenn die Arbeiter sich unter Tage in einer riesigen, von der Natur geschaffenen Höhle versammeln, die wie eine unterirdische Kathedrale wirkt.

Volker Brauns Grabungen in der Geschichte fördern unter anderem die Erinnerung an den Arbeiterführer Max Hoelz zu Tage, der 1921 in der Region einen bewaffneten Aufstand initiierte. Aus tiefer liegenden Schichten kommen Bilder der Bauernkriege zum Vorschein und irrlichtern durch den Text, als ob dieser „Vorschein“, so wie Ernst Bloch den Begriff verstand, tatsächlich auf etwas Künftiges verwiese. Doch all die historischen Kämpfe endeten mit Niederlagen der Aufständischen. So auch der Kampf, den Volker Braun erfindet. Da bleibt er auch in der Fiktion Realist. Es gibt Tote, der Aufstand ist so vergeblich wie sinnlos, und man könnte, man muss sich nun fragen, warum ein Dichter sich die Mühe macht, einen alternativen Geschichtsverlauf zu erfinden, nur um ihn zu einem schrecklichen Ende zu führen. Sollten wir uns da nicht lieber an die Wirklichkeit halten? Oder ist die Niederlage gar kein schlechtes Ende? Ist sie vielleicht gar kein Ende, sondern ein Anfang? „Die Enkel fechten’s besser aus“ – aber fechten müssen sie?

Ich glaube, es geht nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um einen Erkenntnisprozess, der dabei in Gang gesetzt wird. Das ist der Grund, warum Widersprüche zugespitzt werden müssen bis zur bitteren Konsequenz. Die Niederlage muss total sein, damit deutlich wird, was Braun schon 1990 in seinem Gedicht „Das Eigentum“ formulierte:

„Was ich niemals besaß wird mir entrissen.

Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.

Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.

Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.

Wann sag ich wieder mein und meine alle.“

So merken nun auch die Bitteroder Arbeiter, dass sie niemals besaßen, was sie nun verteidigen, als ob es ihr Eigentum gewesen wäre. „Im Westen war das Eigentum heilig. Im Osten war man damit verdammt“. Keiner wollte es haben, denn es war nichts als eine Belastung. Volkseigentum? So hatten sie das nie gesehen. Und auch das Staatseigentum existierte nicht wirklich, weil der Staat die Rechte eines Eigentümers nicht besaß, nämlich das Eigentum zu entäußern oder zu belasten. So legt das eine Runde von Intellektuellen dar, die Volker Braun im Torpedokäfer zusammenführt. Unter ihnen ist der Philosoph Wolfgang Heise, obwohl der schon 1987 gestorben ist. Braun erweist ihm mit diesem Auftritt seine Referenz.

Vieles, vielleicht alles was ihnen wichtig war, lassen die Arbeiter in dieser Geschichte hinter sich – nicht zuletzt die Arbeit selbst. Was bleibt vom Kalibergbau, wenn gemäß Artikel 4 der fiktiven Mansfelder Gesetzestafel, „schädliche Arbeit und schädliche Produkte untersagt“ sind? Kali als Rohstoff der Düngemittelindustrie, asl Zulieferer der extensiven, umweltzerstörenden Landwirtschaft? Wollen wir das? Jede Arbeit ist besser als keine Arbeit? Das sind nicht die Fragen der Arbeiterschaft. Aber sie sind auch keine Rückwärtsgewandten, die alte Zeiten herbeisehnen oder Illusionen verteidigen. Die Eigentumsfrage ist nicht ihr zentrales Problem, wenn es darum geht, „das eigene Leben anzueignen“. Orientierung bietet weniger Marx, als Novalis. Nicht der Klassenkampf, sondern ein romantischer Sehnsuchtston bestimmt die Melodie der Geschichte:

Der ist der Herr der Erde,

Wer ihre Tiefen misst,

Und jeglicher Beschwerde

In ihrem Schoß vergisst.

Schließlich zitiert Volker Braun an entscheidender Stelle Goethes Gedicht über das Eigentum, als wollte er es den eigenen Versen von 1990 entgegenstellen. Es klingt wie ein Kirchenlied:

Ich weiß, dass mir nichts angehört

Als der Gedanke, der ungestört

Aus meiner Seele will fließen,

Und jeder günstige Augenblick,

Den mich ein liebendes Geschick

Von Grund aus lässt genießen.

Das Goethe-Gedicht wird kurz vor der letzten Schlacht gegen die Staatsmacht zitiert, und zwar von dem Lehrer aus dem Westen, der sich danach abwendet und von den Kämpfen fernhält. Die Geschichte aber bewegt sich hin zu diesen Versen. Auch sie sind ein „Vorschein“. Der Mensch, ganz bei sich selbst und selig, das Glück als Erleben des Augenblicks, das Denken und Empfinden als letztes, einziges Eigentum. Das hat mit Arbeitskampf scheinbar nichts zu tun. Goethe aber, und das in dann doch erstaunlich, ist zugleich einer von denen, die den Kampfplatz auf der Abraumhalde bevölkern: „Mirsch saß neben Rentzsch, Jendreck neben Goethe, Henning neben Bäntsch.“ Vielleicht ist dieser friedliche Moment vor dem Kampf, wie sie da beieinander sitzen, so ein günstiger Augenblick, wie ihn Goethe beschworen hat, und mehr wäre gar nicht zu erhoffen. Doch dann, als schon alles zu spät ist, taucht ein gewisser „Braun aus dem Vogtland“ auf und ruft „im Jähzorn GEWALT, GEWALT, und es war nicht klar, wollte er sie konstatieren oder ausrufen.“ Die Gewaltfrage ist aber längst entschieden. Gewalt ereignet sich, so oder so.

Der Erzähler will das nicht gutheißen. Er folgt nur der Notwendigkeit, auch im Erfinden. „Ich sollte handeln nach dem Motto: ich verstehe es, ich beschreibe es nicht“, sagt er sich selbst, als könnte er sich so aus der Geschichte herausziehen. Vor langer Zeit, im Arbeiter- und Bauernstaat, hat Volker Braun den Hinze-Kunze-Roman mit dem Hinweis begonnen: „Was hielt sie zusammen? Wie hielten sie es miteinander aus? Ich begreife es nicht, ich beschreibe es.“

Man kann den Weg vom Beschreiben des Nichtbegriffenen zum Verstehen des Nichtbeschriebenen als Umkehrung der Verhältnisse interpretieren, als Schritt zurück oder als Schritt voran. Vielleicht ist Beschreiben und Begreifen für den Dichter Volker Braun aber auch dasselbe. „Griffe, was denn für Griffe“, fragen die „lächelnden Sachsen“ auf ihrer Versammlung in der Kathedralen-Höhle im Berg: „Begriffe müssten genannt werden. Man muss die Sache auf den Begriff bringen. Punkt für Punkt.“ Beschreiben also. Zugreifen, arbeiten, begreifen. Da sind wir wieder bei den Worten, die für den Dichter der Arbeit zu Werkzeugen werden, zu Griffen, zu Halterungen. Die Arbeit des Denkens: Das ist gar nicht so fern von Goethe und seinem „Ich weiß, dass mir nichts angehört / Als der Gedanke, der ungestört / Aus meiner Seele will fließen.“

Jörg Magenau 

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