Helmut Krausser: Deutschlandreisen

Helmut_krausser_330Der Gedanke, dass die Welt, in der man lebt, auch von anderen mitbenutzt wird, ist nur schwer zu verkraften – jedenfalls für jemanden wie Helmut Krausser, der es gewohnt ist, sich als Zentralgestirn seiner Welt zu betrachten. Nichts gegen Narzissmus und Künstlereitelkeit, denn die sind Produktionsbedingungen jeder Kunst. Aber es sollte dann doch wohl darum gehen, das Ego zu überschreiten und umzuwandeln und Erkenntnisse zu produzieren, die über das wiederholte Genießen der eigenen Herrlichkeit hinausgelangen.

Krausser hat sich zu diesem Zweck auf Deutschlandreisen begeben. Zu reisen könnte ja der Einsicht dienen, dass die Welt auch von anderen Menschen bewohnt wird, die sich ihrerseits als deren Mittelpunkt empfinden. Das könnte dann erfreuliche Verunsicherungseffekte auslösen. Tatsächlich sind derartige Momente die stärksten dieses Buches: wenn Krausser mit einem cholerischen Ausländer im Internetcafé aneinandergerät, der sich gleich rassistisch beleidigt sieht, wenn man ihn bittet, nicht allzu dicht heranzutreten; oder wenn er sich mit einer schwarzen Frau in der Berliner U-Bahn auseinandersetzt, deren Fingerschnipsen im Rhythmus ihrer Kopfhörermusik ihm gewaltig auf die Nerven geht. Meistens aber dreht es sich doch nur um Krausser selbst: um seine Lesungen, um die meistens zu wenigen Besucher, und immer wieder und endlos um Literaturkritiker, die seine Bücher nicht verstehen und nicht gebührend zu würdigen wissen. Das ist für einen Autor, der davon überzeugt ist, dass seine Werke auch in 3000 Jahren noch gelesen werden, sehr, sehr schmerzlich.

Der moderne Schriftsteller ist ein Handlungsreisender in eigener Sache, der sein Geld damit verdient, in Orten wie Hennef oder Troisdorf aus seinen Büchern vorzulesen und zwischen Flensburg und München keinen Gemeindesaal auszulassen. Ob diese Form des Gelderwerbs dem Schreiben zugute kommt, ist eine andere Frage; es ist aber schon aus ökonomischen Gründen ratsam, darüber dann auch wieder zu schreiben und damit den Zirkel zwischen Verwertung und Produktion sinnvoll zu schließen.

Vom Sommer 2006 bis zum Frühjahr 2012 hat Krausser vier Reisen zum Rundkurs durch Deutschland und durch die Jahreszeiten gefügt. Dem äußeren Ordnungsschema entspricht aber keine innere Entwicklung und auch kein sich veränderndes Deutschlandbild, weil es bei Krausser naturgemäß immer nur um Krausser geht. Zwischen den Reisepassagen stehen drei Kapitel Poetikvorlesungen zum Thema Pathos, die er an der LMU München gehalten hat, und die das Bild eines sich selbst reflektierenden Autors abrunden sollen. Nun ist das Denken aber nicht gerade seine Stärke. Das wäre auch nicht weiter schlimm, wenn er dieses Defizit nicht durch permanente Meinungs- und Behauptungs-Überproduktion auszugleichen versuchen würde. „Ich bin kein Thesenmensch“, sagt er von sich selbst, und schon das ist eine These, die er mit einer weiteren These abrundet: „doch ich glaube dies: Kunst ohne Pathos ist unmenschlich simpel und blutleer.“

Kraussers Plädoyer für Pathos und Kitsch ist aller Ehren wert, und er scheut sich nicht, das auch gleich anzuwenden: „Auf den Stelzen des Pathos steigt der Mensch hinweg über die quälenden Untiefen der Existenz.“ Das ist zweifellos fett formuliert, aber auch ein wenig wackelig: Sind Stelzen nicht vielleicht ein wenig zu dünn für diese Last? Eine griffige, brauchbare Definition von Pathos sucht man vergeblich. Krausser geht es vor allem um den Gebrauchswert und darum, der Kunst möglichst viele verschiedene Ausdrucksformen zu eröffnen. Dass er sich dabei auf die abgedroschenste Weise von der „Suhrkamp-Kultur“ absetzen muss, ist vielleicht auch schon einem gewissen Pathos-Überschuss geschuldet. Und dass das Pathos in Deutschland nach 1945 wie alles wegen der Nazis in Misskredit geraten ist (Goebbels-Reden!), klingt plausibel, ist aber nun auch nicht besonders originell.

Zum zentralen Thema des Buches wird mehr und mehr die Kritik der Literaturkritik. Sie ist Kraussers Obsession. Dass sie ungerecht ist und schlecht, selbstherrlich und ihrerseits kritikresistent – da hat er sicher nicht unrecht; am Zustand der Literaturkritik gibt es in der Tat viel auszusetzen. Doch Krausser bleibt beim Ressentiment und dringt nicht zu wirklicher Kritik der Kritik vor. Da spricht der beleidigte Autor, und das ist keine attraktive Position. Wenn er vorschlägt, nicht einzelne Kritiker sollten darüber entscheiden, was ein gutes Buch ist (was sie sowieso nicht tun), sondern „letztlich die Mehrheit der Leserschaft“, macht er sich zum Büttel der Bestsellerlisten, die nun wahrlich nicht immer die besten Bücher nach oben bringen – und auch nicht die von Helmut Krausser. Eine bloß geschmäcklerische Kritik der Literaturkritik bringt wenig; es nützt ja nichts, falsche Urteile aufzuzählen und sie durch andere falsche Urteile zu ersetzen. Systematische Probleme, die mit Aktualitätsdruck, Beschleunigung, Sensationszwang und anderen medialen Gesetzmäßigkeiten zu tun haben, bekommt Krausser nicht in den Blick – geschweige denn die grundsätzliche Frage, ob das aufklärerische Prinzip der Kritik nicht in bloßer Geschäftigkeit verloren zu gehen droht und durch das Prinzip der Zustimmung abzulösen wäre. Dann ginge es darum auszuprobieren, wie weit man mit einer bestimmten Denk- und Wahrnehmungsweise kommt, und nicht primär darum, ihr ihre Grenzen vorzuführen.

Wie Krausser sich die Sache vorstellt, lässt sich nur ahnen. So lobt er im Buch seinen Freund Daniel Kehlmann überschwänglich als allergrößten der Großen, der immer noch, und trotz all seines Erfolges, weit unterschätzt sei (von der Kritik). Kehlmann dankt, indem er einen Blurb für den Buchrücken zur Verfügung gestellt hat: „Diese Tagebücher werden gelesen werden, solange Menschen sich für deutsche Literatur interessieren.“ Das hat nun zwar wirklich viel Pathos, Zustimmung als Erproben der Möglichkeiten müsste aber anders aussehen. Da ist dann eben doch einstweilen das Prinzip der Kritik vorzuziehen.

Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung vom 02.05.2014

Bild: Helmut Krausser 2009 CC BY-SA 3.0 Elke Wetzig (Elya) – Eigenes Werk

 

 

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Helmut Krausser, geboren 1964, lebt in Berlin. Bei DuMont erschienen neben dem Gedichtband ›Plasma‹ (2007) die Romane ›Eros‹ (2006), ›Die kleinen Gärten des Maestro Puccini‹ (2008), ›Einsamkeit und Sex und Mitleid‹ (2009) ›Die letzten schönen Tage‹ (2011) und ›NIcht ganz schlechte Menschen‹ (2012) sowie die Tagebücher ›Substanz‹ (2010) und ›Deutschlandreisen‹ (2014) und der Kriminalroman ›Aussortiert‹ (DuMont Taschenbuch 2011). Seine Romane ›Der große Bagarozy‹ und ›Fette Welt‹ wurden fürs Kino verfilmt.

 

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