Welchen Schutz bietet das historische Gedächtnis?

Enki Bilal nimmt einen Sonderstatus in der Comicwelt ein. Seine Bände bestechen seit Jahren mit anspruchsvollen Geschichten und einer ausdrucksstarken Optik. Überdies hat Bilal sich auch als Regisseur und bildender Künstler einen Namen gemacht. Nicht erst mit seinem jüngsten Werk verwischt er die Grenzen zwischen den Künsten: Das Anfang 2010 auf Deutsch erschienene Animal’z besteht aus 350 Einzelbildern, die erst in verkleinerter Fassung auf Seiten montiert einen Comic ergeben. Im Herbst vergangenen Jahres ließ Bilal die Originalzeichnungen des Bandes in Paris versteigern.

Dort begründete er Mitte der siebziger Jahre seinen Kultstatus. Mit seinem Zeichnerkollegen Jacques Tardi und dem Szenaristen Pierre Christin etablierte er den Polit-Thriller in der neunten Kunst. Aus der Zusammenarbeit von Bilal und Christin entstand ein fünfbändiger Zyklus über soziale Kämpfe, linke Utopien und ihr Scheitern.

Enki Bilal: Fins de siècle © Verlag Ehapa Comic Collection

Um revolutionäre Gewalt geht es etwa in Der Schlaf der Vernunft von 1979. Eine Gruppe bejahrter Faschisten verübt eine Anschlagsserie in Westeuropa. In dieser „Schwarzen Falange“ erkennt der Journalist Jefferson B. Pritchard alte Feinde aus dem Spanischen Bürgerkrieg wieder. Er trommelt seine ehemaligen Mitstreiter aus der Internationalen Brigade zusammen und versucht die Rechtsterroristen zu stellen. Entschlossen, der ersten Niederlage vor vierzig Jahren keine zweite folgen zu lassen, jagen die republikanischen Kämpfer ihre Kontrahenten über den halben Kontinent. Bald schon plagt die ergrauten Internationalisten nicht nur das Alter; sie zweifeln zunehmend am Sinn ihres Kampfes. Am Ende steht ein letztes Gefecht trauriger alter Männer, aus dem nur Pritchard lebend hervorgeht.

Das Album überzeugt neben der eigenständigen realistischen Bildsprache durch eine große inhaltliche Tiefe. Man kann der Intention Christins folgen und in Der Schlaf der Vernunft eine Absage an den linken Terrorismus der Siebziger sehen. Man kann den Band als Allegorie auf das Fortleben der Geschichte lesen, ihrer unbewältigten Verbrechen wie ihrer überdauernden Hoffnungen. Man kann in ihm auch ein politisches Porträt Westeuropas erkennen mit bestechend genauen Charakter- und Milieuzeichnungen. Die zahlreichen Protagonisten werden vielschichtig gezeigt, ihre Ideale ernst genommen.

Weder in diesem noch in seinen anderen Werken flüchtet Bilal in eine ironische Distanz zu den politischen Utopien und sozialen Kämpfen des 20. Jahrhunderts. Viel eher erweist er sich als Skeptiker, der immer wieder nach dem historischen Ort von Ideen und Bewegungen fragt. So reflektiert Der Schlaf der Vernunft nicht zuletzt den gesellschaftlichen Wandel in Westeuropa zwischen den dreißiger und siebziger Jahren: Die Schlachten der Vergangenheit lassen sich nicht einfach wiederholen, auch nicht im Kleinen.

Dennoch gehört Bilal nicht zu den Modeliberalen, die sich tösend von einer linken Vergangenheit distanzieren, die ihnen heute peinlich ist. Ungeachtet seiner Bestsellererfolge in Frankreich ist er kein Künstler, der sich dem Mainstream andient. Dafür fallen gerade seine jüngsten Veröffentlichungen zu verstörend aus. Die Weltgesellschaft, die Bilal dort im Gewand der Science-Fiction präsentiert, ist so tief greifend unmenschlich und lebensfeindlich, dass jede Legitimationsideologie an ihr scheitern muss.

Doch die kollektive Gegenwehr in der Rebellion spielt in diesen neueren, zutiefst pessimistischen Szenarien keine Rolle. Schon in den siebziger Jahren hat Bilal den Widerstand nur als Phantasie glücken lassen, wenn Fabelwesen den Menschen beigesprungen sind, so in Die Kreuzfahrt der Vergessenen und in Das steinerne Schiff. Der Menschheit traute er bereits damals nur zu, das Elend zu vergrößern oder weitere scheiternde Utopien zu produzieren.

Enki Bilal: Fins de siècle © Verlag Ehapa Comic Collection

Seitdem sind seine Arbeiten stets düsterer und auswegloser geworden. Sie haben dabei aber inhaltlich wie formal an Komplexität gewonnen, wie die 2007 beendete Monster-Tetralogie zeigt. Den Ausgangspunkt dieses Science-Fiction-Zyklus’ bildet der jugoslawische Bürgerkrieg, dem sich der in Belgrad geborene Bilal damit erstmals annimmt. Er deutet ihn als Vorgeschmack auf eine neue Weltordnung, in der Staaten an Macht verlieren. Die Einzelnen werden in einer ökologisch kollabierenden Welt zwischen globalen Imperien, Großkonzernen, Mafia und Privatarmeen zerrieben. Rundumüberwachung und das Klonen von Menschen sind keine Dystopien mehr, sondern Realität.

Bilals Protagonist Nike Hatzfeld erblickt 1993 in Sarajevo das Licht der Welt und wird beinahe sofort zur Kriegswaise. Hatzfeld prägt eine Hypermnesie aus, seine Erinnerung reicht bis zum Tag seiner Geburt zurück. Wegen dieser Fähigkeit gerät er im Jahr 2026 ins Fadenkreuz einer terroristischen Sekte, die aus Fundamentalisten aller drei monotheistischen Religionen besteht. Sie will Wissenschaft, Kultur und Gedächtnis zerstören.

Erneut thematisiert Bilal hier die Bedeutung der gesellschaftlichen Erinnerung. Welchen Schutz bietet das historische Gedächtnis? Hatzfeld reist in seine Geburtsstadt, die seit 2012 erneut von einem Krieg verwüstet wird. Neue Scharfschützen machen dort Jagd auf Zivilisten, wo ihre Vorgänger Mitte der Neunziger aufgehört haben. „Das ständige Scheitern der Erinnerung bewirkt, dass sich die Geschichte unaufhörlich wiederholt“, sagt Bilal in einem Interview. Auch im Sarajevo des Jahres 2026 wird der skeptische Nike Hatzfeld permanent nach seiner ethnischen Identität gefragt. Die Antwort bleibt er stets schuldig, und sein Name gibt keinen Aufschluss, er ist neutral.

Enki Bilal: Fins de siècle © Verlag Ehapa Comic Collection

In Textfeldern die parallel zur Handlung laufen, erzählt Hatzfeld von den ersten zwei Wochen seines Lebens – den realen Jugoslawienkrieg zeigt Bilal nicht in Bildern, er fasst ihn in Worte. Den eigenwilligen und detailfreudigen realistischen Stil seiner Anfangsjahre ergänzt der Künstler in diesem Zyklus um Montagetechniken, so dass mehrere Schichten übereinander liegen, was die düstere Künstlichkeit seiner Zukunftsvision unterstreicht.

Obwohl sein Werk von politischen Bezügen strotzt, nimmt Bilal keine Rücksichten auf politische Strategien oder utopische Hoffnungen. Gerade das macht seine Kritik so scharf und bedenkenswert. Das gilt auch für einen zweiten Band aus der Zusammenarbeit mit Pierre Christin, der Ende 2009 gemeinsam mit Der Schlaf der Vernunft neu aufgelegt worden ist. In Treibjagd von 1983 spiegeln Bilal und Christin die finale Krise des Realsozialismus in einer Jagdgesellschaft alter Kader im winterlichen Polen. Dort wird ein junger Hardliner erwartet, der designierte Verantwortliche für die Beziehungen zu den Bruderparteien im ZK der KPdSU.

Die versammelten Funktionäre haben für ihre Parteien gelitten, sie sind skeptischer und klüger geworden, ihren Überzeugungen aber treu geblieben. Sie wollen dem Sozialismus einen letzten Dienst erweisen, indem sie den osteuropäischen Staaten mehr Eigenständigkeit ermöglichen. Der junge Betonkopf besteht auf Moskaus Dominanz, daher soll ihn auf der Jagd eine verirrte Kugel treffen; lediglich der verknöcherte SED-Mann ist nicht eingeweiht. Die Operation folgt den bewährten Methoden der Intrige: Ein eifriger junger Genosse aus Frankreich muss als nützlicher Idiot herhalten und den tödlichen Schuss landen.

Bilal und Christin zeigen die alten Kämpen nicht als Abziehbilder, sondern als facettenreiche Persönlichkeiten. Optisch opulent verbinden sie die verschlungenen Lebenswege ihrer Protagonisten mit einer zunehmend ins Mysteriöse spielenden Atmosphäre in der tief verschneiten Datscha.

Für die Neuauflage dieses Bandes, pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls erschienen, hat der Verlag den doppeldeutigen Titel der französischen Ausgabe übernommen: Fins de Siècle. Eines der Titel gebenden „Jahrhundert-Enden“ vollzieht sich in der inneren Erosion der sozialistischen Staatsparteien, in vergeblichen Manövern, um zu retten, was nicht zu retten ist. Die Fins de Siècle meinen jedoch auch die „Ziele des Jahrhunderts“, für die gekämpft und gestorben wurde: Ziele, für die oft jedes Mittel gerechtfertigt schien, so dass aus edlen Motiven mehr als zweifelhafte Handlungen entstanden. Treibjagd fängt die darin liegende Tragik gekonnt ein und entfaltet so eine beeindruckende erzählerische Wucht.

Text: Steffen Vogel

Bilder: © Verlag Ehapa Comic Collection

Enki Bilals Comics erscheinen im Ehapa-Verlag.



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