modern times 2 680

„Modern Times“

 

Der sogenannte Bumerang-Effekt zeigte sich in der bisher letzten Finanzkrise darin, dass ein Ereignis in einem der Segmente der digitalen Finanzströme Effekte auslösen konnte, die sich durch den Flow von Informationen, Daten und Geldbits in Realtime zwischen den digitalen Umschlagplätzen für Aktien, Wertpapiere, Futures etc. exponentiell beschleunigten, um schließlich wieder auf den Ursprungsort zurückzuwirken.  Die Axiomatik des Kapitals (Kapital als eine abstrakte, eine indifferente Quantität, die ein Mehr! impliziert) prozessiert in der Posthistoire vor allem in der Form des Derivat-Finanzkapitals, wobei der Kredit selbst Kapital ist, das man rund um die Uhr verhökert und dessen erweiterte Zirkulation im Fluidum der Wertpapiertransaktionen selten stockt, lässt man einmal die Archäologie des (elektronischen) Tippfehlers außer acht. (Fundamental geht jede Bank davon aus, das es niemals zu simultanen, massenhaften Auszahlungen von Vermögenstiteln kommt, die nichts als die Schulden der Bank repräsentieren, wobei deren Reservefonds niemals ausreichen würde, um diese Auszahlungen ad hoc zu befriedigen.) Um mit Hilfe der Finanzderivate höhere Renditen zu erwirtschaften, werden die Vermögen »gehebelt« angelegt, das heißt, Unternehmen/Individuen aus den Reihen der sogenannten High Net Worth Individuals nehmen eher Kredite auf, als dass sie auf Investitionen setzen, solange der Zins für den Kredit eben geringer ist als der Profit, den eine Investition bringt, so dass die um den Globus flottierenden Kreditkapitalströme die Vermögen schließlich um ein x-faches zu übersteigen, wobei die großen lokalen Computerbörsen Verkaufs- und Kaufströme bündeln, um sie mit den globalen digitalen Informationsströmen zu amalgieren. Um die Risiken der Finanzgeschäfte abzusichern, wurden Finanzderivate erfunden, Instrumente, mit denen das Risiko eines Verlusts wiederum an Dritte verkauft werden konnte. Wechselseitige Versicherungen gegen Kreditausfälle, die sog. CDOs bzw. CMOs (Verpackung von Vermögenswerten mit unterschiedlichen Risiken) sind das Resultat von Verbriefungen, bei denen Kreditgeber beispielsweise Immobilienkredite in Obligationen verwandeln, die mit rücklaufenden Zinszahlungen gedeckt, in diverse Tranchen zerlegt und auf sekundären Märkten verkauft werden. Damit wird das Finanzierungsangebot erhöht und die Kreditrisiken aus den Bilanzen der ursprünglichen Kreditgeber gestreut und diversifiziert.

Präventives Handeln als auch die Spekulation erzeugen

mit der je spezifischen Weise der Risikokalkulation neue Risiken.

Mit den credit default swaps wurden bisher Summen von Krediten versichert, die die tatsächlich vergebenen Kredite und selbst die Wirtschaftsleistung der gesamten Welt um ein Vielfaches übersteigen. Bei credit default swaps, Kreditausfallgeschäften, versichert sich der Versicherungsnehmer bei einem Versicherungsgeber gegen den Zahlungsausfall eines Schuldners, den man als »Referenzschuldner « bezeichnet, und zahlt dafür eine Gebühr. Tritt der Versicherungsfall ein, erbringt der Versicherungsgeber die vertraglich fixierte Leistung und erhält dafür vom Versicherungsnehmer Aktiva des Referenzschuldners in der vorher vereinbarten Höhe. Die CDS-Papiere können jedoch auch weiterverkauft werden, womit Kreditrisiken zwar gestreut, aber auch unberechenbarer werden, und letztendlich ist es vielleicht nicht mehr auszumachen, wie viele Verkäufer von Absicherungen überhaupt über die finanziellen Mittel verfügen, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Je größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Kredit nicht zurückgezahlt wird, desto höher die Gebühr der Bank für die Versicherung, eine Gebühr, die als Rendite für die Versicherung gilt, und je risikoreicher eben die Rückzahlung, desto größer wird der Einfluss des Zufalls sein. Der Finanzierungsbedarf wird mit dem Verkauf von Risiken gesichert. CDSs produzieren den Zufall als permanenten Aufschub. Die Kreditökonomie ist per se eine Zeitmaschinerie, weil sie die irreversible Zeit des Risikos (die Zahlungsunfähigkeit eines Schuldners ist irreversibel; tritt sie ein, muss ein Versicherungsgeber, der einen credit default swap an den Gläubiger verkauft hat, diesem den vollen Kreditbetrag ausbezahlen) mit der reversiblen Zeit mischt, in der das Risiko aufgehoben scheint, weil die Versicherung als Versicherungsgeber, die einen credit default swap beispielsweise an eine Bank verkauft hat, eine zweite Versicherung als Versicherungsnehmer abschließen kann. Muss der Versicherungsgeber nun an die Bank wegen der Zahlungsunfähigkeit des ersten Schuldners den vollen Kreditbetrag ausbezahlen, wird ihm derselbe Betrag erstattet, womit die Zahlungsunfähigkeit für ihn ein Ereignis der reversiblen Zeit wird (vgl. Heiner Mühlmann). Wenn Geld immer auch die Geldsumme eines Eigentümers ist, so handelt es sich hier also um eine reine Vermutung, dass eine Zahl/Summe in Zukunft als bestimmte Summe immer wieder erstattet werden wird. Der Wert einer Option beispielsweise leitet sich aus dem Risiko ab, das mit der Volatilität des sog. Basiswerts und der verbleibenden Zeit bis zum Auslaufen einer Option verbunden ist, und je höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Preis des Basiswerts sich verändern wird, desto höher wird der Wert der Option sein (Black-Scholes-Modell). Finanzmathematische Modelle sind Verfahren zur Evaluation von exakten Preisen, indem Risiko und Zeitwerte berechnet werden, im Rahmen einer Ökonomie der digitalisierten Kalkulation, die ohne die netzabhängigen Kapitalformationen der Computer-, Telekommunikations- und Elektroindustrie nicht möglich wäre. Rationale Operationen riskieren irrationale Effekte. Die Rationalität der Derivate entspricht der Risikorationalität, die der geläufigen Logik des rationalen Kalküls widerspricht. In risikoreichen Situationen (und auf Finanzmärkten hat man es nur mit solchen zu tun, man sucht sie und stellt sie aktiv her) ist es nicht rational, sich rational zu verhalten. Eher muss man sich Situationen zunutze machen, um davon abzuweichen und dadurch Gewinnchancen zu erzielen. Die Risikorationalität führt zu einer Verschränkung zwischen sozialer Ungewissheit (dem Sachverhalt, dass man nicht weiß, was die anderen tun) und temporaler Ungewissheit (dem Sachverhalt, dass man nicht weiß, was Zukünfte für ein Potenzial bereitstellen), und damit zu gegenseitiger Konditionierung, was wiederu erst Gewinnchancen eröffnet. Wäre das Verhalten der anderen oder der Lauf der Zeit bekannt, gäbe es keinerlei Spekulationsmöglichkeiten und Gewinnchancen. Stabilität wird durch die Streuung von Instabilitäten verlagert und verschoben, gegenwärtige Risiken werden mit künftigen und diese mit denen künftiger Zukünfte verrechnet, womit der Fluchtpunkt in einer Zukunft nach der Zukunft liegt; entscheidend wird somit die Unterscheidung zwischen kalkulierbaren Risiken und unberechenbaren Ungewissheiten, bis die Zeit als unendliche und unerschöpfbare Ressource flieht. Man hat auf eine unendlich fortsetzbare Zukunft gesetzt, gleichzeitig aber ihre Ressource verbraucht, und die gegenwärtige Nutzung von Zukunft hat den Vorrat an gegenwärtig verfügbarer Zeit verbraucht. Gerade die Risikorationalität, die darin besteht, dass auch im Falle eines fehlerhaften Ratings die Verteilung des Risikos nicht von den Hypothekengebern, sondern von der weit gestreuten Landschaft eines globalen Finanzmarktes getragen werden sollte, brachte die Problematik der Risikoproduktion allererst hervor. Kalkulationstechniken sind in die Risikoproduktion mit hineingewebt. Irgendwann war es für die Banken unmöglich, den CDO-Markt einzuschätzen, auf dem Wertpapiere mit hohem Ausfallrisiko plötzlich attraktiver wurden als solche mit geringem. Wenn der Wert der Papiere fällt, versuchen sich die Banken gegenseitig mit sog. Margin-Calls zu kippen, womit die Unsicherheit jeder einzelnen Bank über die selbst eingegangenen Risiken enorm ansteigt. Sowohl der Mangel an gegenseitigem Vertrauen in die jeweilige Kreditwürdigkeit als auch die Unsicherheit gegenüber den eigenen Differenzierungskalkülen vergiften die Finanzmärkte, d.h. Konkurrenzkampf findet statt. Kontingenz ist nicht steuerbar. (In der Systemtheorie erscheint Kontingenz keineswegs als Virtualität, der die Potenz eigen ist, die Unterscheidungsfähigkeiten der Systeme übersteigen zu können, sondern innerhalb des Beobachterdispositivs werden Unentscheidbarkeiten permanent kontrolliert oder entschieden, wodurch im Medium zweiter oder gar dritter Ordnung Anschlussfähigkeit immer ein lösbares Problem darstellt; Kontingenz nimmt niemals die Qualität eines Potenzials an, weil das System seine Außenseite immer unter Entropieverdacht stellt, und damit Virtualität von Ordnung und Unordnung ausschließt, während beispielsweise die deleuzianische Kontingenz die virtuelle Offenheit des Eintritts von etwas anderem, dass die bisher choregrafierten Möglichkeiten locker übersteigt, im Ereignis insistieren lässt, wie das Inkommensurable als Überschuss sich der Wirklichkeit und deren bloßer Realisierung entzieht.) Modelle wie das Black-Scholes-Modell von 1973 gelten in den finanzwissenschaftlichen Diskursen als Konzepte zur Steuerung von Kontingenz, indem sie komplexe Sachverhalte vereinfachen bzw. die Überfülle von Möglichkeiten reduzieren. Die Kalkulation der Risiken entspricht jedoch deren Produktion. Nicht die Frage, ob kalkulierte Risiken in unkalkulierte Unsicherheiten hinein steuern, sondern die soziale Steuerung von Kontingenz selbst ist das Risikoproblem. Soziale Steuerung ist immer eine Bearbeitung der Zukunft qua Prognose und Kalkulation. Jede individuelle Entscheidung steht unter dem Druck der Risikobearbeitung bzw. der Gefahrenvermeidung bzw. unter dem Druck, dass das individuelle Beobachtersystem die eigene (unüberschaubare) Komplexität miteinbeziehen muss, wenn sie aus der Komplexität der Umwelt, d.h. der unüberschaubaren Vielzahl von Möglichkeiten auswählen will. Gefahren verwandeln sich dann in Risiken, wenn sie einem Kalkül bzw. der Stochastik unterworfen werden, womit künftige Entwicklungen an gegenwärtige Entscheidungen gekoppelt werden, die wiederum Zukunft antizipieren, so dass einerseits Zeit gebunden wird und andererseits offen erscheint. Sowohl präventives Handeln als auch die Spekulation erzeugen mit der je spezifischen Weise der Risikokalkulation neue Risiken, welche die vertrackte Zeitstruktur der Spekulation perpetuieren. Marktmodelle oder ökonomische Theorien spiegeln also nicht die Realität des Marktes wieder, sondern bieten performative Modelle, Formeln, Listen etc. an, an denen sich die Akteure orientieren. Jedoch fließt die Form der Beobachtung der Modelle selten in die Computersimulationen ein oder die Märkte eilen ihrer Beobachtung voraus. Das alles erscheint als Problem der Komplexität, ist aber letztlich ein Problem der Reflexivität, was sich nicht zuletzt in dem unüberschaubaren Ratgebermarkt für Finanzprodukte und Finanzierungshilfen äußert, der so unüberschaubar ist wie der Ratgebermarkt für Sextechniken oder Liebespraktiken.

Achim Szepanski

Website rhizomatique