Mohamedou Ould Slahi: Das Guantanamo-Tagebuch (und: „Der CIA Folter Report. Der offizielle Bericht des US-Senats zum Internierungs- und Verhörprogramm der CIA)

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GUANTANAMO BAY, Cuba – One of the tiers located inside the maximum security Camp 5 detention facility (gemeinfrei)

 

Wir sind Guantanamo?

Aus der „MAXIMA MORALIA“, die Günther Anders nach Auschwitz und Hiroshima als überlebenswichtig für unsere Zivilisation forderte, ist nun nichts geworden. Weniger als nichts. Niederschmetternd empfinde ich in diesen Tagen nicht nur die Lektüre zweier furchtbarer Bücher, sondern auch den dumpfen, hohlen, fast tauben Klang, den diese beiden Schreckensberichte in einem selbst hinterlassen.

Machen Sie Ihren persönlichen Lackmus-Test, lesen Sie „Der CIA Folter Report. Der offizielle Bericht des US-Senats zum Internierungs- und Verhörprogramm der CIA“ und „Das Guantanamo-Tagebuch“ des Häftlings Mohammed Ould Slahi. Hören Sie hinein in sich und in Ihr Umfeld und sagen Sie mir, was sich nun, nach diesen beiden Büchern, für Sie verändert hat, verändern wird, verändern muss. Wir alle wissen, solche Lektüre und die darin beschriebenen Taten und Fakten DÜRFEN nicht folgenlos bleiben – wir wissen und ahnen und fürchten aber, genauso wird es sein. Wolfram Schütte hat ähnliches kürzlich angemerkt, in Sachen der unter den Medienteppich gekehrten vielen durch Drohnenangriffe getöteten Zivilisten.

Es handelt sich hier nicht um eine individual-psychologische Erschöpfung. Die gesellschaftliche Kraft insgesamt, die Freiheitsrechte zu bewahren, hat sich in einer langjährigen Sklerose seit den Anti-Vietnam-Protesten ins Resignative abgeschwächt, darüber können all die Anti-Pegida- und Wir-sind-Charlie-Demonstrationen nicht hinwegtäuschen. Die Freiheit fault von innen heraus. Ihre Feinde scharen sich nicht nur jenseits irgendwelcher Tartarenwüsten, sie sind mitten unter uns, werden von uns gewählt, bekleiden höchste und allerhöchste Ämter. Orwells „1984“ (von 1946 bis 1948 entstanden) war einmal Warnung und Schreckensvision.

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screenshot website guantanamodiary.com

 

Wir sind Gefangene. Wir alle.

Der Viersterne-General Keith B. Alexander, um nur einen zu nennen, qualifizierte sich 1984 noch nachrichtendienstlich auf verschiedenen Lehrgängen, Jahre bevor er sich seinen Traum – wirklich, dies ist keine Erfindung – einer Kommandozentrale im Star-Trek-Stil erfüllen konnte. (siehe dazu den Culturmag-Beitrag „Völlig losgelöst“)  Alexander wurde im November 2000 Kommandierender General des U.S. Army Intelligence and Security Command, 2003 stellvertretender Chief of Staff, der G-2, der ranghöchste Nachrichtenoffizier der Army in Washington, und 2005 auf Vorschlag der Bush- & Cheney-Marionette Donald Rumsfeld zum Direktor der National Security Agency (NSA) berufen. Alexander war der Vorgesetzte von Edgar Snowden, und in seiner Zeit häufte sich (nach 9/11) all das an Überwachung und Wahnwitz an, was den jungen Amerikaner zu einem Whistleblower und Heimatlosen machte.

Das Wissen über ihr nicht so feines Tun versuchen die Mächtigen immer schon geheim zu halten. Wozu uns alle das macht, verrät ein einziges Wort. Es stammt aus dem Jiddischen und heißt dort „kessaw“, also „Geschriebenes“. Ein Kassiber ist eine auch in Deutschland „verbotene und deswegen geheim gehaltene schriftliche Mitteilung eines Gefangenen an andere Gefangene oder aus dem Gefängnis heraus an die Außenwelt“ (§ 115 OWiG).

Zwei heftige Bücher nun also. So was wie eine Art Kassiber. Der eine als die amtliche, die Täter-, Helfer- und Rechtfertiger-Perspektive, der Einblick in eine gnadenlose Maschine, in ein organisiertes Schreckenssystem. Der andere Kassiber tatsächlich von Hand in einer Zelle geschrieben, 466 Seiten.  Das Gefängnistagebuch ist beim Tropen-Verlag von Klett-Cotta erschienen. Umschlag, Papier, Typografie und Satzspiegel sind von großer Qualität.  Ein literarischer Text.  Wie in den großen Gefängnis- und Kassiber-Texten der Weltliteratur finden wir hier eine Würde und Humanität, die einen staunen lässt. (siehe auch die Culturmag-Besprechung von Michail Borissowitsch Chodorkowskis „Meine Mitgefangenen“

Seiten über Seiten geschwärzte Stellen

Zehn Jahre Rechtsstreit und viele persönliche Risiken brauchte es bis zur Veröffentlichung des „Guantanamo-Tagesbuchs“. Mohammed Ould Slahi, den ein Richter am 22. März 2010 eigentlich auf freien Fuß setzte, wird immer noch in Camp Echo auf Kuba gefangen gehalten, die Obama-Regierung hat Einspruch gegen die Freilassung eingelegt.

 

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 (Read Mohamedou Ould Slahi’s original handwritten manuscript)

Friedenspreisträger Obama und all das „Yes We Can“ vermögen es ganz offensichtlich nicht, jenen Ring der finsteren Verhältnisse zu sprengen, der um Guantanamo und den „Krieg gegen den Terror“ liegt.

„Nur“ zwei Jahre brauchte es bis zur Veröffentlichung des „CIA Folter-Reports“, bei dem es sich immerhin um den „offiziellen Bericht des US-Senats zum Internierungs- und Verhörprogramm der CIA“ handelt, also des höchsten demokratischen Kontrollgremiums, über das die amerikanische Demokratie verfügt. „Total crap“, sei der Bericht, schnaubte Ex-Vizepräsident Cheney. Ex-Präsident Bush dankte noch einmal ausdrücklich all den Gesetzes- und Zivilisationsbrechern, deren System und Struktur der heftig zensierte Bericht zu folgen versucht.
Eine stattliche Übersetzer-Crew hat den Report in Windeseile ins Deutsche gebracht, der kleine Frankfurter Westens Verlag stemmte das Projekt zusammen mit medico international und den NachDenkSeiten. (Vor Jahren wäre so etwas eine Aufgabe für Zweitausendeins und / oder Franz Greno gewesen. Aber die Zeiten einer linken, studentisch getragenen Empörung sind lange vorbei.)

Wir hatten das schon alles, Seiten über Seiten geschwärzte Stellen. Unverschämt offenkundige, balkendicke Zensur. Abgründe an Landes- und Gesetzesverrat eben nicht durch die Veröffentlicher, sondern durch die staatliche Hand. Wir hatten unter anderem „Die Pentagon-Papiere“ und Philip Agees „CIA Intern. Tagebuch 1956-1974“.

Ellsberg und Agee – Erinnen Sie sich?

David Ellsberg, ein Mitarbeiter der US-Denkfabrik Rand Corporation, hatte Zugang zu einem geheimen Regierungsdokument, das 30 Jahre an US-amerikanischer Einflussnahme und Verwicklung in Südostasien abbildete. 7 000 Seiten umfasste die vom Pentagon und dem US-Außenministerium erstellte Studie, sie beleuchtete die Vorgeschichte des Vietnamkrieges und die Washingtoner Entscheidungsprozesse und machte deutlich, dass der Vietnamkrieg von langer Hand vorbereitet worden war. Die Studie mit dem offiziellen Titel „United States – Vietnam Relations, 1945-1967: A Study Prepared by the Department of Defense“ war 1967 vom damaligen Verteidigungsminister Robert McNamara in Auftrag gegeben worden. David Ellsberg, der zwei Jahre als US-Botschaftsmitarbeiter in Vietnam verbracht hatte, sah es als seine patriotische Pflicht an, die Öffentlichkeit zu informieren. Er entwarf Ausstiegsszenarien für den lange geschürten Vietnam-Krieg, informierte Friedensaktivisten und die Medien. Die New York Times wagte es, Auszüge aus der Regierungsstudie zu drucken. „Vietnam Archives: Pentagon Study Traces 30 Years of Growing U.S. Involvement“ lautete die Schlagzeile vom 13. Juni 1971. Entgegen vielen Beteuerungen all der Präsidenten von Harry S. Truman bis Richard Nixon und Kennedy war nun zu erfahren, dass der Krieg schon lange vorher geplant und die Sicherung der Demokratie in Südvietnam nicht das eigentliche Ziel war.
Auf Deutsch erschienen die Enthüllungen 1971 bei Droemer-Knaur als „Die Pentagon-Papiere: Die geheime Geschichte des Vietnamkrieges“. Die Gerichte waren damals – noch – auf der Seite der Pressefreiheit. Einen Tag nach der ersten Veröffentlichung der New York Times, in der Fortsetzungen angekündigt waren, berieten Präsident Nixon und Justizminister John Mitchell das weitere Vorgehen und kamen zu dem Ergebnis, vor einem Bundesgericht Klage gegen die Zeitung zu erheben. Eine weitere Veröffentlichung der Dokumente sollte aus „Gründen der nationalen Sicherheit“ verhindert werden. Zu seinem Berater Kissinger sagte Nixon in Hinblick auf Ellsberg: „Let’s get the son-of-a-bitch in jail!”

„Nur eine freie, ungehinderte Presse ….“

Erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten gelang es einer Regierung, die Berichterstattung einer Zeitung per Gerichtsbeschluss zu unterbinden. Als die Washington Post am 18.Juni nachzog, intervenierte der stellvertretende Justizminister Rehnquist, dort aber blieb man standhaft, so dass auch sie mit einem Gerichtsverfahren überzogen wurde und der Oberste Gerichtshof der USA nun mit einer Grundsatzentscheidung gefragt war.
Ellsberg gelang es, dennoch weitere Öffentlichkeit herzustellen und zwar mit Hilfe eines Mitglieds des Kongresses, des Senators Mike Gravel. (In dessen Tradition steht ganz zweifelsfrei der deutsche Herausgeber des CIA Folter Reports, Wolfgang Nešković, ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof, und nach seinem Austritt aus der Linksfraktion Ende 2012 bis 2013 der einzige partei- und fraktionslose Abgeordnete im 17. Deutschen Bundestag.) Mike Gravel, Demokrat aus Springfield, Massachusetts, trug, geschützt von seiner politischen Immunität, in der Nacht vom 29. auf den 30. Juni 1971 einen nicht unerheblichen Teil der Pentagon-Papiere im Kongress vor. Ein Fall von gelebter Zivilcourage. Da er am Ende seines Vortrags um ein Uhr nachts das einzige noch verbliebene Mitglied des Ausschusses war, beschloss der Ausschuss mit seiner Stimme „einstimmig“, insgesamt etwa 4 100 Seiten aus dem Dokument in das Protokoll des Kongresses aufzunehmen.
Einen Tag später schon hob der Oberste Gerichtshof in einer 6:3-Entscheidung die Veröffentlichungsverbote als nicht verfassungsgemäß auf. In ihrem Grundsatzurteil machten die Richter klar, dass das Geheimhaltungsinteresse des Staates an von Whistleblowern gelieferten geheimen Regierungsdokumenten im Zweifelsfall hinter dem Interesse der Öffentlichkeit und der Pressefreiheit zurückzustehen habe. Einer der Richter schrieb: „Nur eine freie, unbehindert agierende Presse kann wirksam Täuschungen durch die Regierung aufdecken. Und über allen Verantwortlichkeiten einer freien Presse steht die Pflicht, jeglichen Teil der Regierung daran zu hindern, die Menschen zu betrügen und in ferne Länder zu schicken, um an fremdländischen Krankheiten und fremdländischen Kugeln und Granaten zu sterben.“

Das Massaker von Tlatelolco

Das war 1971. Wohlgemerkt. Heute wäre das juristisch nicht mehr möglich. Nicht umsonst kann Edward Snowden nicht in Deutschland vernommen werden. Unsere ach so auf „Rechtsstaatlichkeit“ besonnene Regierung müsste und würde den Whistleblower an die USA ausliefern. „Wir sind alle Charlie.“ Aber Snowdens? Nein.

Snowden und Ellsberg waren Rädchen des Systems, als sie sich ihrer Bürgerpflicht besannen und die Öffentlichkeit über  Ungeheuerlichkeiten informierten. So war das auch bei dem CIA-Mitarbeiter Philip Agee, der „für sein Land“ und im Namen der Freiheit seit 1957 subversiv in Lateinamerika „wühlte“. 1968 war er in Mexiko City stationiert und erlebte dort am 2. Oktober das heute längst vergessene „Massaker von Tlatelolco“ (Matanza de Tlatelolco). Zehn Tage vor Eröffnung der Olympischen Spiele (bei der zwei schwarzen US-Athleten wegen ihrer erhobenen Faust, ein Black-Panther-Gruß auf dem Siegerpodest, vom Wettbewerb ausgeschlossen wurden) lies Präsident Gustavo Diaz Ordaz die schon länger andauernden Studentendemonstrationen blutig und brutal durch Militärpanzer und Geheimpolizisten niederschlagen. Scharfschützen der Präsidentengarde, die auf den Häusern am Plaza de las Tres Culturas postiert waren, schossen gezielt in die Menschenmenge. Offiziell war von wenigen Dutzend Toten die Rede, es dürften jedoch an die 300 gewesen sein. Das Massaker wurde erst 1998 untersucht. Paco Ignacio Taibo II schrieb über diesen traumatischen Tag in seinem „1968 und Gerufene Helden. Ein Handbuch zur Eroberung der Macht“ (Verlag Libertäre Assoziation und Verlag der Buchläden Schwarze Risse / Rote Straße, 1997).

Das Massaker erschütterte den CIA-Agenten Agee, es festigte seinen Entschluss die CIA zu verlassen. 1975 veröffentlichte er seine Abrechnung, das Buch „Inside the Company: CIA Diay“ (CIA Intern. Tagebuch 1956-1974). In ihm prangerte er die Praktiken der CIA an, nannte sogar Namen von Agenten. In den USA konnte die CIA eine Veröffentlichung des Buches erst einmal verhindern, es erschien jedoch in Großbritannien, wurde ein Bestseller und in 27 Sprachen übersetzt. Ausgerechnet der amerikanische „Playboy“ druckte im August 1975 Auszüge, die Überschrift lautete: „What You Still Don’t Know About The CIA! Ex-Company Man Philip Agee Tells All“.

Wegsehen hilft nicht

Henry Kissinger überzeugte als amerikanischer Außenminister 1978 die britische Regierung davon, dass Agee schuld am Tod zweier britischer Geheimagenten sei und setzte so dessen Ausweisung durch. Frankreich und die Niederlande weigerten sich, den Flüchtling aufzunehmen, auch Deutschland duckte sich weg. Die Geschichte seiner Flucht schildert Agee in seinem Buch „On the Run“. Die USA bürgerten ihn 1979 aus, entzogen ihm den Reisepass. 1980 gewährte ihm die Karibik-Republik Grenada Asyl, 1983 wurde das Land militärisch von den USA besetzt – (eine irrwitzige Szene dazu in Richard Condons „The Emperor auf America“.  Agee musste erneut fliehen, fand Asyl im sandinistischen Nicaragua, heiratete 1990 die deutsche Balletttänzerin Giselle Roberge und kam so in den Besitz eines deutschen Reisepasses. Er lebte in Hamburg und Havanna führte bis zu seinem Tod 2008 ein Reisebüro für US-Bürger. Mit Agens Unterstützung konnten US-Bürger – trotz des Embargos und des damit verbundenen Verbots einer Reise nach Kuba, die Insel besuchen.

An Gulag-Schriftsteller wie Alexander Solschenizyn und Warlam Schalamow, an Whistleblower wie Daniel Ellsberg und Philip Agee zu erinnern, ist eine demokratische Pflicht. Denkt man daran wofür sie kämpften und litten und überlegt man, wo wir heute im Vergleich dazu stehen, macht das tief traurig. Und Wegsehen hilft nicht. Diese Niederlagen unserer zivilisatorischen Moral verlangen nach Aufarbeitung auch in der Fiktion. Davon gibt leider es zu wenig. Aber es gibt sie. Zum Beispiel:

– Michael Winterbottoms Film „The Road to Guantanamo“
– Gavin Hoods Film „Machtlos“ (Rendition)
– den Thriller „Verschärftes Verhör“ (The Prince of Bagram Prison) von Jenny Siler (mehr hier)
– Dan Festermans Kriminalroman „The Prisoner of Guantanamo“
– den Gedichtband „Guantanamo“ von Frank Smith
– die Jason-Bourne-Filme, die eine auf sich und ihre jüngste Geschichte selbst Jagd machende CIA zeigen
– Denzel Washington als ein ehemaliger CIA-Agent, der sich den Amerikanern stellt und auch die zur Wahrheitsfindung obligat gewordene Waterboarding-Folter über sich ergehen lassen muss,  im Film „Safe House“

Lange gefackelt wird hier nicht (1)

Und es gibt den Anfang von Kathryn Bigelows Film „Zero Dark Thirty“. Der Militärausdruck bezeichnet die halbe Stunde nach Mitternacht. Dunkel im buchstäblichen Sinn ist der Beginn dieses Films über die Jagd Amerikas nach Bin Laden: schwarze Leinwand, aufgeregt ängstliche Stimmen. Eine Collage von Telefonaten aus dem World Trade Center in New York am Morgen des 11. September 2001. Niemand versteht damals, was da gerade passiert. Der eine Turm sei eingestürzt, aber hier im anderen seien sie doch sicher. Dunkel geht es weiter. Die ersten 15 Minuten des 157-minütigen Films zeigen als direkte Reaktion auf 9/11 ganz ungeschminkt und lakonisch Amerikas barbarische Seite. Die erste Filmsequenz ist sofort eine Folterszene, eine Wellblechbaracke mit Betonboden als CIA-Gefängnis, in dem geschäftsmäßig gefoltert wird. Jessica Chastain, als CIA-Agentin Maya die „Heldin“ des Films, trägt bei ihrem ersten Auftritt eine schwarze Ski-Maske, steht dabei, während der Film uns, ohne mit der Wimper zu zucken, in die Beziehungswelt von Folterobjekt und Folterer wirft.
Des dramatischen Effektes wegen wird der Gefangene alleine gelassen. Als Maya zurückkehrt in den Folterraum, lässt sie die Maske an der Tür, und sie zögert nur kurz, als der Verhörführer sie auffordert, ihm einen Eimer mit Wasser zu füllen, damit es ans Waterboarding des Gefangenen gehen kann. Dieser Moment der ersten aktiven Beteiligung spiegelt sich nur kurz als Regung in Mayas oft porzellanpuppenhaftem Gesicht. Lange gefackelt wird hier nicht.

Merkwürdige Diskussionen begleiteten diesen alles andere als lobhudelnd patriotischen Film. Er rechtfertige den Einsatz von Folter, sagten die einen, er besudle das Ansehen Amerikas, die anderen, weil er den Einsatz von Folter als völlig selbstverständlich darstelle. (Das war zwar so, aber – die HUAC-Zeiten lassen grüßen – es sei unamerikanisch und nestbeschmutzend, das selbst auszusprechen.) Die entscheidende Information über den Aufenthaltsort Bin Ladens sei nicht durch Folter gefunden worden, betonte die Autorin Jane Mayer („The Dark Side“, 2008) damals ausdrücklich. Der Film behauptet das nicht explizit, er legte letztlich aber den Nutzen der Folter nahe. Aus dem jetzt veröffentlichten CIA-Report wissen wir, dass die CIA damals bei Drehbuchautor Mark Boal erfolgreich intervenierte – und Kathryn Bigelow dann eine filmerzählerisch beide Seiten zufriedenstellende Lösung fand. (mehr dazu hier)

„Leute! Jetzt beruhigt euch!“ , möchte er rufen
Amerika, das wissen wir, ist am Arsch. Ja, Terroristen haben die Flugzeuge in die Türme des Worldtrade-Centers geflogen, aber es war die eigene Regierung, die daraufhin die Fundamente der freiheitlichen Welt angegriffen und zersetzt hat. „Verwirrt“ nennt Mohamedou Ould Slahi in seinem „Guantanamo-Tagebuch“ seine Wächter, Vernehmer und Folterer.
„Stimmt es tatsächlich, dass die Führer der freien Welt – die Vereinigten Staaten – Häftlinge foltern ? Oder sind die Foltergeschichten Teil einer Verschwörung, welche die USA in einem möglichst schlechten Licht erscheinen lassen will, damit der Rest der Welt Amerika hassen kann?“, fragt er sich, die Folterspuren am eigenen Leib und in der eigenen Seele. „Ich verstehe ja die Wut und die Frustration der USA wegen der Terrorangriffe“, schreibt er in seiner Zelle. „Aber sich auf unschuldige Individuen zu stürzen und sie leiden zu lassen, um falsche Geständnisse aus ihnen herauszupressen, hilft doch überhaupt niemandem. Es macht das Problem nur komplizierter. Ich wollte den diversen Vertretern der USA immer wieder sagen: „Leute! Jetzt beruhigt euch! Denkt doch nach, bevor ihr etwas tut! Gebt doch der Möglichkeit, dass ihr euch irrt, wenigstens den Hauch einer Chance, bevor ihr einen anderen Menschen unwiderruflich beschädigt.“ Aber leider drehen die Leute durch, wenn etwas Schlimmes passiert, und geraten völlig außer sich. Ich wurde im Lauf der letzten sechs Jahre von über hundert Vernehmungsbeamten aus unterschiedlichen Ländern befragt, und eines haben sie alle gemeinsam. Sie sind verwirrt. Vielleicht hat ja die Regierung ein Interesse an diesem Zustand, wer weiß?“

Lange gefackelt wird hier nicht (2)
Nachdenken eine Chance geben? Amerika proklamiert gerade einen neuen „Helden“, der im harschen Gegensatz zu solch einem Rest an Humanem steht. Es gehört zu den Perversionen unserer Zeit, dass einer der größten und coolsten Filmregisseure unserer Zeit dabei nicht nur Regie führt, sondern qua Autorität und Alter dieses Werk auch noch zu seinem Vermächtnis macht.

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Die Rede ist von „American Sniper“, für den auch Steven Spielberg als Regisseur vorgesehen war, die „wahre“ Geschichte eines US-Scharfschützen im Irak-Krieg, der sich mehr als 160 „bestätigter Kills“ und insgesamt rund 255 Fernhinrichtungen rühmte und dies – eine Schande seiner Profession – öffentlich und ohne Skrupel in einem Buch ausgebreitet hat. Chris Kyle, wiedergeborener Christ und dumpfbackig wie sein Präsident George W. Bush, bezeichnet die irakische Bevölkerung in seinem Erinnerungsbuch „American Sniper“ durchgängig als „savages“ (Wilde). Sein erster tödlicher Fernschuss galt einer Frau, die aus einer Haustür tretend, eine verdächtige Bewegung machte, die nicht einzuordnen war. Kyle erschoss sie ohne sonderliches Zögern, er wusste Gott auf seiner Seite. Clint Eastwood macht aus dieser Szene etwas Eindeutiges, er inszeniert diese Mutter als böse Bedrohung, die – sicherheitshalber – aus großer Entfernung weggepustet gehört.

Dafür wird dann später in der Familie des heimgekehrten Scharfschützen filmisch gesülzt. Moralische Bedenken, die man ja haben könnte, zerstreut diese Schlüsselszene im Film schon früh. Der Erfolg an den amerikanischen Kinokassen und die entsprechende publizistisch-patriotische Begleitung zeigt eine Stimmung, die nur schrecken kann. Noch nie war ein Kriegsfilm an den US-Kinokassen derart erfolgreich – und es ist einer, dem die schlimmsten Finger der US-Politik ihren Segen geben. Sarah Palin hat sich bereits ausgiebig bedankt. Von „American Sniper“ wird hier, sobald er in Deutschland anläuft, noch die Rede sein. Müssen.

 

buch280PS. Im Nachgedanken an all diesen Wahn, diese Fäulnis, ein Hinweis auf ein Buch, das an den seelisch-zivilisatorischen Wurzeln zu graben versucht:

„The Anthropology of Security. Perspectives from the Frontline of Policing, Counter-terrorism and Border Control“

herausgegeben von Mark Maguiere, Catarina Fois, Nils Zurawski, 2014 erschienen bei Pluto Press, London.

 

PPS: „Torture If You Must, But Do Not Under Any Circumstances Call the New York Times“  – Foltern Sie, wenn Sie es von Ihnen verlangt wird, aber rufen Sie auf keinen Fall je die New York Times an –, so betitelte das Enthüllungsportal „The Intercept“ am 28. Januar 2015 seinen Bericht über den Fall Sterling. Der ehemalige CIA-Agent wurde aktuell hart verurteilt, weil er Informationen über eine bizarre Geheimoperation in Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm an einen Reporter weitergegeben hatte. Der Fall Sterling, so sieht es Intercept besonders auch in Hinblick auf all die letztjährigen Vertuschungen und die von höchst oben verfügte Straffreiheit für die Folterprogramme der Bush-Regierung, sende eine klare Botschaft an alle Regierungsangestellten. „Sie werden keine Probleme bekommen, wenn Sie tun, was man von Ihnen will (auch wenn das Folterungen wären). Aber wenn Sie einem Reporter etwas sagen, das wir geheimhalten wollen, werden wir keine Mühe und keinen Aufwand scheuen, Sie zu vernichten.“

 

Alf Mayer

Text zuerst erschienen in Culturmag 31-01-2015

 

INFORMATIONEN

link zu Die Pentagon-Papiere im Internet:

 

 

 

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Mohamedou Ould Slahi: Das Guantanamo-Tagebuch

Aus dem Amerikanischen von Susanne Held

Tropen Verlag, 2015

Klappenbroschur, 460 Seiten

19,95 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wolfgang Nešković (Hg.): Der CIA Folter Report

Der offizielle Bericht des US-Senats zum Internierungs- und Verhörprogramm der CIA

Übersetzt von Pieke Biermann, Ariane Böckler, Claudia Buchholz, Bernhard Josef, Amtje Kaiser, Detlef J. Kottle, Daniel Ostler, Petra Post, Rafael Sanchez, Andreas Simon dos Santos, Sophia Luise Székely, Harald Stadler, Sebastian Vogel

Westend Verlag, Frankfurt 2015

Broschur, 640 Seiten

18,00 Euro.

 

 

 

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