Das Brot der frühen Jahre

Eine umfangreiche Retrospektive, ein erkenntnisfreudiger Blick auf liebgewordene Vorurteile und dazu ein idealtypisches Filmbuch


Das nenne ich Retrospektive: Rund 80 Filme – Spiel-, Dokumentar, Kurz- und Animationsfilme – aus der unmittelbaren Nachkriegszeit Westdeutschlands auf einem Schweizer Festival, nämlich jetzt gerade in Locarno (3. bis 13. August 2016), die allermeisten von ihnen seit Jahrzehnten nicht mehr zu sehen, danach auf internationaler Tournee. Dazu ein Filmbuch, wie es idealtypischer nicht sein könnte, englische Auflage inbegriffen. 33 Autorinnen und Autoren schürfen tief in einer –man muss es sagen – ziemlich verfemten filmischen Vergangenheit. In Opas Kino. Im Filmgeschehen der Adenauerzeit. Totgesagt, davon losgesagt, bekämpft, belächelt, verachtet, mies gemacht und verschwiegen, das war bislang weithin sein Status. Ausnahmen bestätigten die Regel. Über tausend Filme entstanden zwischen 1949 und 1963 in der Bundesrepublik. Alles Schrott? Bieder? Hoffnungslos?

Der Filmjournalist Joe Hembus schrieb 1961 eine Polemik, ihr Titel: „Der deutsche Film kann gar nicht besser sein“. Und darin:

„Er ist schlecht.

Es geht ihm schlecht.

Er macht uns schlecht.

Er wird schlecht behandelt.

Er will auch weiterhin schlecht bleiben.“

 

„Kunst oder Kasse“ lautete die Parole

Solche Verachtung gehört zu den Gründungsmythen des Jungen Deutschen Films, gehört zum „Oberhausener Manifest“ und zum Autorenfilm, gehört zu den Kindheits-Sagen vieler heutiger deutscher Filmregisseure und Filmkritiker. Die Stunde Null des jungen deutschen Films begann 1962 mit einem sozusagen kollektiven Vatermord: „Papas Kino ist tot!“ … (Alf Mayer)  weiterlesen auf culturmag.de

 

Geliebt-und-verdrängt-300

 

Claudia Dillmann/Olaf Möller (Hg.)

Geliebt und verdrängt

Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1963

Frankfurt am Main, Deutsches Filminstitut DIF 2016

416 S., 24,80 €

ISBN 978-3-88799-089-3

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