Die nackte Wahrheit – Charlotte Roche rückt die Sexualität wieder penetrant ins Zentrum

Der Feminismus hat in den letzten 40 Jahren sein wichtigstes Thema verspielt

Na vielen Dank, liebe Frauenbewegung! So war das doch auch nicht gedacht. Dass nur noch die Frauen kommen und die Männer gucken müssen …“, befindet Charlotte Roches Protagonistin Elizabeth in den jüngst erschienenen „Schoßgebeten“ und befreit sich, ganz dem Gemächt des Gatten ergeben, von allen durch Feminismus verursachten sexuellen Verklemmungen. Vordergründig spielt Roche ein bekanntes Stück. Denn egal, ob Ex-Verona-Feldbusch, Alphamädchen oder Kristina Schröder medienintensiv gegen Alice Schwarzer antreten – die deutsche Öffentlichkeit muss sich offenbar in regelmäßigen Abständen rituell vergewissern, dass der alte Emanzen-Feminismus tot ist.

Mit genau derselben rituellen Geste zeigt die alte Alice dann ihre behaarten Zähne. Jetzt nennt sie die „Schoßgebete“ auf ihrer Homepage eine „verruchte Heimatschnulze“ – sei’s drum. Eigentlich interessant an der Sache ist nicht der immer wiederkehrende Schlagabtausch, sondern ein Missverständnis in Sachen Sexualität und Feminismus. Denn irgendetwas ist schief an der Kommunikation zwischen alter und neuer Frauengeneration, es ist, als tanzten die Kontrahentinnen um einen blinden Fleck, um einen ungelösten Konflikt, für den beide Seiten keine Sprache haben.

Sexy Emanzen

Das Argument der Jüngeren ist meist so etwas wie „fehlende Sexyness“. Doch Fakt ist, dass der alte Feminismus nicht „keinen Sex“ wollte, sondern anderen Sex. Und zwar radikal. Schwarzers Engagement stammt aus einer Zeit, in der die Frauenbewegung so sexuell war, wie sie es sich heute nicht mehr träumen lassen könnte. Es war die Zeit, in der die Aktionskünstlerin Valie Export sich breitbeinig mit Maschinengewehr und entblößtem Geschlecht in „Panikhosen“ präsentierte, ihren Partner Peter Weibel am Hundehalsband durch Wiens Straßen führte oder mit dem legendären „Tapp- und Tastkino“ männliche Passanten aufforderte, ihr an die Brüste zu fassen. Es war die Zeit, in der so etwas wie Vagina Paintings entstanden.

Auch Schwarzers Klassiker „Der kleine Unterschied“ ist durch und durch sexuell. Das Buch, das mit Fug und Recht ebenfalls als „verruchte Heimatschnulze“ durchgehen könnte, lebt von expliziten Beschreibungen, wie und wann der Penis eindringt, welche Unlust er verursacht und welche Lust die Klitoris. Hier findet sich 1978 auch der denkwürdige Satz, dass „die Sexualität der Angelpunkt der Frauenfrage“ sei. Das klingt heute sehr fremd, denn irgendwo auf dem Weg der letzten 40 Jahre ist dem Feminismus das Thema Sex abhandengekommen.

Das Denken wurde verspielter

Was sich seit den Siebzigern verändert hat, könnte man unter die Stichwörter Aufklärung, Ausdifferenzierung, Ironisierung und Angst fassen. Viele Forderungen der zweiten Frauenbewegung haben sich tatsächlich erübrigt, denn die Bewegung führte zur Aufklärung über weibliche Sexualität, die nun ihr Recht auf Lust einfordern kann. Zudem ist die Gesellschaft im Hinblick auf Rollenverhalten vielfältiger geworden, es ist – in gewissem Rahmen – möglich, verschiedene Stile von Männlichkeit und Weiblichkeit zu leben sowie diverse hetero- und homosexuelle Familienmodelle. Vor allem aber hat sich ein ironisches Verhältnis zum Körper entwickelt. Was die alten feministischen Aktionen so mächtig machte, war ihr Glaube an die Wahrheit des nackten Körpers. Die Geschlechterdifferenz galt als eine eindeutige und vornehmlich physiologische Tatsache, weswegen es nur logisch war, von der Penetration direkt aufs Patriarchat zu schließen.

Dieses naive Vertrauen in die natürliche Essenz des Geschlechts ist spätestens seit Mitte der Achtziger gründlich verloren gegangen. Die Lage ist heute komplexer, das Denken verspielter, und insgesamt scheint es, als hätte sich der schwere, dunkle Klotz Sex, der einmal der Ort der Wahrheit war, nach und nach wie in einem großen Wasserbecken aufgelöst. Die Entwicklung des Feminismus spiegelt diesen Dispersionsprozess. Das kräftige Lila hat sich ins Rosa gelöst, es herrscht die Lust an einer frechen Weiblichkeit, die zwar ihr Recht fordert, aber gleichzeitig die Geschlechterbilder von Mann und Frau nachhaltig bejaht.

Im Jahr 2008 forderten die „Alphamädchen“ und die „Neuen deutschen Mädchen“ einen runderneuerten Feminismus, der gemeinsam mit den Männern arbeite, sexy sei und schön mache. Zwischen den Zeilen aber sprach aus den Publikationen eine Melancholie, eine kolossale Angst, Opfer zu sein, und eine frisch gewaschene Disziplin der sexuell erfolgreichen Frau. Alphamädchens Ruf nach „Knallersex“ klang daher sehr nach Work-out für die Klitoris.

Der neue Geschlechtervertrag

Dass dem Feminismus der radikale Begriff von Sex abhandenkam, liegt einerseits daran, dass sich die gesellschaftlich Rolle von Sexualität gewandelt hat. Ein anderer Grund ist aber auch, dass der alte, unlösbare Konflikt ums Begehren – ob frau Männer mag oder nicht – öffentlich zugunsten eines harmlos heterosexuellen Modells entschieden wurde. Die Forderungen nach „radical sexual politics“ und alternativen Formen der Sexualität wanderten komplett in die Queer und Gender Studies ab. Die neuen Frauen, die „Top Girls“, wie die britische Kulturtheoretikerin Angela McRobbie sie nennt, sind heterosexuell, und wenn sie es nicht sind, sehen sie so aus. Sie fügen sich – so McRobbie – einem „neuen Geschlechtervertrag“, der ihnen sexuelle Freiheiten, beruflichen Erfolg und mediale Sichtbarkeit garantiert unter der Bedingung, dass sie den alten Feminismus und seinen radikalen Impuls für tot erklären.

Doch Sexualität bleibt ein neuralgischer Punkt, ein Hebel, der das Geschlechterverhältnis auf den Kopf stellen könnte. Eigenartigerweise bringt nun gerade Charlotte Roche, indem sie Sex ernst nimmt und den Körper auf so penetrante Weise ins Zentrum stellt, das Thema erneut auf die Tagesordnung. Mögen die „Schoßgebete“ auch als Eloge auf heterosexuelle Fügsamkeit daherkommen, sie sind nicht harmlos und damit näher am alten Feminismus, als sie wahrhaben möchten. Jedenfalls sind sie ein guter Anlass. Denn über den Satz „Sexualität ist der Angelpunkt der Frauenfrage“ müsste man tatsächlich wieder einmal nachdenken.

 

Andrea Roedig, taz, 23.08.2011

Bild: Jüngling und Hetäre beim Liebesspiel. Detail einer attischen rotfigurigen Oinochoe, um 430 v. Chr.

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