Renèe Sintenis (1888 – 1965)  „Bär“, Bronze ca. 1932, Höhe 18,5 cm

Renèe Sintenis (1888 – 1965) „Bär“, Bronze ca. 1932, Höhe 18,5 cm

Was macht eigentlich der Berlinale Bär mit seinen Tatzen? – Die Künstlerin Renée Sintenis schuf die Trophäe des Festivals

Filmfestivals scheinen gefährliche Tiere als Werbeträger zu lieben. Berlin hat seinen Bär, Venedig den Löwen, Locarno favorisiert den Gepard. Und jüngst ist dem Bestarium in Saarbrücken der Tiger beigetreten. Zweifelsohne sollen diese Tiere für Faszination stehen: sie sind wild, stark, aber auch unberechenbar. Eben so wie die Festivals. Der Bär jedoch hat in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung. Nicht nur dass er phonetisch so perfekt zur Hauptstadt passt, er ist auch – nach dem Hund – des Deutschen Lieblingstier (so das Ergebnis eines Nürnberger Marktforschungsinstituts „Konzept & Analyse“). Das mag unter anderem mit Margarete Steiff zu tun haben, aus deren prominenter Werkstatt vor über 100 Jahren der Teddy seinen Siegeszug antrat. Psychoanalytiker sehen in ihm ja „nur“ das klassische Übergangsobjekt. Es dient der kindlichen Seele als Projektion von Erwartungen und Sehnsüchten. Derzeit funktioniert letzteres jedoch auch mit dem weniger plüschigen Pendant, der Berlinale Trophäe.

Und auch dieser Bär hat seine Geschichte als „kleines“ Kunstwerk einer großen Frau. Die Skulptur, die jeder preisgekrönte Filmemacher stolz in die Kamera hält, ist das Werk der Bildhauerin Renée Sintenis (1888-1965). Die Künstlerin, von der wohl nicht nur Rainer Maria Rilke einst hingerissen war, hatte ein Faible für Kleinplastiken. Sie schuf viele Tiere aus Bronze und Ton. Rehe, Pferde und Bären waren ihre bevorzugten Sujets. Diese Skulpturen waren das künstlerische Antidot zum immer noch verbreiteten Prunk der wilhelminischen Staatskunst. Renée Sintenis Werke waren gefragt in der Zeit der Weimarer Republik. 1921 lehrte sie bereits an der Akademie der Künste in Berlin. Während des Nationalsozialismus jedoch war ihre Zukunft mehr als ungewiß. Sie wurde als Halbjüdin aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen, diffamiert und ihre Werke als entartet bezeichnet.  1947 lehrte sie dann als Professorin an der Hochschule für Bildenden Künste in Berlin und wurde bis zu ihrem Tod mit vielen Preisen geehrt, u.a. erhielt sie als zweite Frau nach Käthe Kollwitz  den „ordre pour le mérite“ für Wissenschaft und Künste.

Der Bär, der als Vorlage für den Berlinale Bär diente, wurde von ihr in den 1930er Jahren geschaffen, und 1951 entstand daraus die Filmtrophäe, die drei Jahre später die Variante erhielt, die wir bis heute kennen und lieben. Der anderthalb Kilo schwere Meister Petz wurde bereits an die 500 mal in Bronze, Gold oder Silber gegossen und verliehen. Wo all diese Exemplare wohl stehen mögen? In Berlin Friedenau ist ein Platz nach der Künstlerin benannt, dort kann man ihr „großes grasendes Fohlen“ das ganze Jahr bewundern. Aber auch jeder, der bei Dreilinden auf der Autobahn stadteinwärts fährt, passiert den großen in Bronze gegossenen Berlinale Bär mit dem hübschen Po, der stolzen Kopfhaltung und der erhobenen linken Tatze. Doch was bedeutet die Geste eigentlich? Winkt dieser Bär? Hebt er zum Beifall an? Sucht er Schutz? Will er uns warnen? So viel ist klar: er ist sehr menschlich geraten – auch darin unterscheidet er sich vom Savannengetier anderer Festivals.

Text: Daniela Kloock

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