Henryk Goldberg hat keine Ahnung und guckt trotzdem

Aha, morgen also. Curacao. Die haben etwa 50 000 Einwohner weniger als Erfurt und etwa so viel mehr als Jena und würden vielleicht den Thüringen-Pokal gewinnen, den wir Erfurter so spektakulär nicht gewonnen haben. Diese Doppel-Klatsche blieb mir nicht verborgen, aber viel mehr weiß ich nicht von Fußball. Und doch werde ich in den nächsten Wochen viel Fußball sehen und wenn es ein Abseits gibt wird der Kommentator der Dame und mir erklären, warum der Schiedsrichter gepfiffen hat. 

Was ist das für eine Macht, die Menschen in den Sog des Fußballs zieht, selbst die, die sich eigentlich nicht für Fußball interessieren?

Es ist der Grundgedanke dieses Spieles. In fast allen Dörfern fast aller Länder gibt es eine Mannschaft, die mit Leidenschaft und Alkohol, manchmal auch mit Fäusten, gegen die Truppen der umliegenden Flecken kämpft. Und wenn sie gut sind und jedes Wochenende Zeit haben und nicht so oft besoffen sind kommen sie in die Kreisklasse, in die Landesliga und so weiter und so höher. Bejubelt und betrauert, verehrt und verflucht von den Einwohnern des Ortes, des Kreises, der Region, des Landes. Die einen Spieler gehen am Montag nach dem Match in die Firma, weil sie die Raten für das Auto bezahlen müssen, die anderen, es sind deutlich weniger, verdienen in ihrer Fußball-Firma so, dass sie fast ein Monatsgehalt für einen Luxuswagen hinblättern können. Und am Ende des Wettbewerbes aller Dörfer dieser Welt stehen zwei Nationalmannschaften im Finale der Weltmeisterschaft.

So bildet Fußball die Pyramide der Gesellschaft ab: Theoretisch kann jeder es nach oben schaffen, und in jeder Klasse können einige vom Aufstieg träumen oder den Abstieg fürchten. Wie in der Gesellschaft können und wollen alle mitreden – auch wenn nur die Wenigstens wirklich etwas davon verstehen. Es ist schön, wenn man ein Abseits erkennt, aber man muss es nicht. Es gibt verschiedene Ebenen von Kenntnis, aber zum Verständnis reichen die Grundrechenarten: elf Freunde, elf Feinde, zwei Tore, ein Ball, ein Arsch (der Schiedsrichter). Jeder kann über Taktik schwadronieren, jeder könnte es immer besser und muss es nie beweisen. So schenkt uns der Fußball die größten Emotionen zum kleinsten Preis. 

Denn er ist ein bisschen wie das wirkliche Leben – aber wir sind ihm nicht ausgeliefert. Und wie in der Wirklichkeit gewinnt nicht immer der Bessere. Was wir im Übrigen auch nicht wollen: Wir wollen den Sieg der Unsrigen. Und deshalb jubeln wir und schwenken Fahnen. Und seit zwanzig Jahren hat das Schwarz-Rot-Gold eine Leichtigkeit, die den zwölf braunen Jahren abgerungen wurde mit Fröhlichkeit, mit Lebensfreude. Da hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht jeder, der eine deutsche Fahne jubelnd schwenkt, der Meinung ist, Deutschland solle über allem in der Welt sein. Er ist lediglich der Meinung, das deutsche Team solle gegen alle Welt gewinnen. 

Dieser blaue Himmel über Schwarz-Rot-Gold hat sich in den letzten Jahren wieder etwas eingetrübt. Aber sollen wir uns die Freude am Fußball verderben lassen von denen? Kurt Tucholsky ließ sich die Liebe zu Deutschland auch nicht verderben von dem, was er Deutschland“ nannte. Was bedeutet, ich lasse mir die Freude an Fahnen beim Fußball nicht verleiden von Fahnen beim Pöbeln.

Im Übrigen, unter uns Experten, wird es so viel Grund zum Schwenken wohl nicht geben.