Cinema on Demand

Auf neuen Wegen ins Kino… 

Die Lichtspielhäuser stehen mehr denn je vor großen Umbrüchen. Die technischen Veränderungen durch die Digitalisierung haben starke Konkurrenzmedien hervorgebracht, die das Kino als erstes und bisher kulturell wichtigstes Auswertungsfenster von Filmen zunehmend randständig machen. Hinzu kommt ein verändertes Freizeit- und mediales Nutzungsverhalten vor allem der jungen Generation. Diese will schnell und komfortabel mit Informationen versorgt werden, sich vernetzen und mitbestimmen. Dabei erweisen sich die Vertriebsstrukturen, die das Kino seit Jahrzehnten bestimmen, als zu schwerfällig. Hinzu kommt dass auch die Programme in den Kinos von vielen als zu monoton empfunden werden. Von dem weltweiten riesigen Filmangebot bleibt nur ein vereinheitlichtes, von Verleihern und Kinobetreibern ausgewähltes homöopathisches Extrakt übrig. Damit musste der Kinogänger bisher leben.

Doch die Branche, die sich jahrelang vor allem mit  Finanzierungsfragen und den Problemen der Digitalisierung beschäftigt hat, entdeckt nun Potentiale und fängt langsam an kreativ zu werden. „Der aktive Zuschauer“ heißt das neue Paradigma, das Geschäftmodell nennt sich „Cinema on Demand“. Dieses Konzept geht nicht mehr davon aus, dass es EIN Publikum gibt, das nimmt, was es bekommt, sondern dass Filmvorlieben sehr ausdifferenziert sind, und viel mehr Menschen ins Lichtspieltheater gehen würden, wenn sie dort das fänden, was sie suchen: Filme, die sie wirklich sehen wollen – die sie vielleicht sogar selbst entdeckt haben – und Menschen, die einen ähnlichen Geschmack haben. Kinoinitiativen in Frankreich und den Niederlanden experimentieren bereits mit diesem Geschäftsmodell. „ilikecinema.com“ beispielsweise wurde im März 2011 in Frankreich von einer Gruppe unabhängiger Kinobetreiber gegründet. Auf dieser Internet-Plattform wurde bis heute ein Gesamtkatalog von über 200 Filmtiteln zusammengestellt –  darunter durchaus anspruchsvolle Arthouse-Produktionen, wie etwa Bélla Tarrs „Turiner Pferd“, aber auch Mainstream-Filme  und beliebte Klassiker wie „Ben Hur“. Der Zuschauer, meldet sich über eine E-mail Adresse und ein Passwort an und wählt den Film und das Kino, in welches er gehen möchte. Seine Auswahl wird dann öffentlich, über Facebook können sich Freunde der Option anschließen, bzw. „ilikecinema.com“ sucht die Kontakte. Wenn mindestens 30 Personen Interesse haben, wird der Film im Kino für 7,80 € abgespielt. Die Plattform bietet neben Film-Premieren und Quizrätseln auch die Möglichkeit Kinos für Feierlichkeiten zu buchen. Dass das Centre National du Cinéma „ilikecinema.com“ unterstützt, zeigt wie ernst diese Innovation innerhalb der französischen Kinolandschaft genommen wird. Auch „La Septième Salle“ arbeitet in dieser Richtung. Bis Jahresende haben sich unter diesem Logo bereits 80 französische Kinos zusammengeschlossen, bis 2014 sollen es 250 Lichtspielhäuser werden. „La Septième Salle“ versteht sich allerdings etwas ambitionierter, als eine Art Cineclub 2.0. Filme, die mit zu wenigen Kopien gestartet sind oder zu kurze Laufzeiten hatten, werden hier gefördert. Aber auch Filme aus dem arabischen Raum, Indie-Filme, überhaupt alles, was auf den alten Vertriebswegen keine Chance hatte je in einem Kino gezeigt zu werden kommt in den Film-Pool von „La Septième Salle“. Auch hier ist die Anmeldung kostenlos, ein Klick und der Film ist gewählt. Erhält er innerhalb einer Woche 30 weitere Zustimmungen kommt er ins Kino. Die Macher der Plattform werben mit Partizipation, aber auch mit der Chance neue Communities zu gründen, indem sich bei den Vorführungen Zuschauer mit ähnlichen Vorlieben treffen und miteinander in Kontakt kommen können – zunächst via soziale Medien, dann aber im Kino selbst.

„We Want Cinema“ schließlich ist ein Start-up-Unternehmen aus den Niederlanden und hat 2012 bereits einen „Digital Innovation Award“ erhalten. Die junge engagierte Filmdistributions-Company  bietet bereits über tausend Filme zur freien Wahl an. „The Movie Theatre is Yours“, so der Slogan und ein professionell gemachter Trailer läuft bereits im holländischen Fernsehen.

Doch nicht nur Partizipation, Bildung neuer Communities, und die Chance auf ungezeigte Filme stehen für dieses Konzept. „Cinema on Demand“ bedeutet auch die Hoffnung auf eine bessere Kinoauslastung. Auch werden bereits solche Businessmodelle ausprobiert bei denen Zuschauer schon in die Produktionsphasen eingreifen, indem sie beispielsweise Rollen-Besetzungen mitbestimmen oder Kostümvorschläge machen. In Amerika entstehen derzeit schon ganze Filme, die über solche Modelle finanziert werden.

Gleichzeitig aber sollte bei der ganzen Euphorie nicht vergessen werden, dass hier auch ganz konkrete Marketingdaten gesammelt werden, um ausdifferenzierte Käuferprofile zu entwickeln. Ungewiss ist auch, ob die Mehrzahl der vor allem älteren Zuschauer an so einem System gefallen findet. Denn zumindest das Arthouse-Publikum ist hierzulande weit weniger digital als viele vielleicht denken. So ergab die jüngste Programmkinostudie der bundesdeutschen Filmförderungsanstalt FFA, dass Berichte und Rezensionen aus Printmedien für diese Zielgruppe nach wie vor der wichtigste Anreiz für einen Kinobesuch war. Doch vor allem für ein jüngeres Publikum gilt, dass durch die sozialen  Medien hier einiges in Bewegung kommt. Und: das Internet eröffnet den Blick für die Größe und Vielfalt der Filmproduktionen. Es bleibt also spannend abzuwarten, wann hierzulande die ersten Schleusenwärter aufwachen.

Daniela Kloock

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