Andres Veiel und Andreas Dresen im Gespräch

Eine Spurensuche vor Publikum – so ließe sich diese Begegnung am besten beschreiben, die auf Einladung der Akademie der Künste Anfang April stattfand. Anlass war die Buchpremiere „Andreas Veiel – Streitbare Zeitbilder“ der Autorin Claudia Lenssen, die die Veranstaltung auch moderierte.

Sichtlich gutgelaunt betraten Andres Veiel und Andreas Dresen das Podium. Wiewohl schon lange Zeit miteinander befreundet, betonten die ungefähr gleichaltrigen Männer zunächst ihre unterschiedlichen Herkünfte. Andres Veiel, 1957 in einem Vorort von Stuttgart in einem eher stickigen Elternhaus geboren, war eine Film-Karriere nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Seine Jugend war geprägt von der Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Geschichte, von der Verstrickung des eigenen Vaters in Bezug auf Schuld und Täterschaft. Auch die Zeit der Stammheim-Prozesse, die Spaltung der (schwäbischen) Gesellschaft in zwei Lager, hatte er hautnah miterlebt. Die Begegnung mit Claus Peymann, der damals das Schauspielhaus Stuttgart leitete, machte Veiel deutlich, dass Theater bzw. Kunst die Kraft hat, sich einzumischen. Der berühmt-berüchtigte Theatermacher setzte sich für die RAF-Gefangenen ein und war über die protestantisch geprägte Landeshauptstadt hinweg in die Schlagzeilen gekommen, als er für Gudrun Ensslins Zahnersatz Geld sammelte. Dass Kunst also etwas bewirkt, und sei es „nur“ ein Sprechen über Tabus und bisher Beschwiegenes, diese Lektion hatte Andres Veiel bei Peymann gelernt.

Wie Veiel so fand auch Andreas Dresen, 1963 in Gera geboren, seine Lehrer und Vorbilder in der Welt des Theaters der damaligen DDR. Da war zum einen sein Vater Adolf Dresen, Theater- und Opernregisseur, später dann, nach der Trennung der Eltern, trat an dessen Stelle sein neuer Ziehvater Christoph Schroth. Der leitete in Schwerin von 1974 bis 1989 das Mecklenburgische Staatstheater. Auch auf dieser Bühne ging es darum, das Künstlerische mit dem Politischen zu verbinden und in Kontakt mit den Zuschauern zu treten. Schwerin wurde so zu einer „heimlichen“ Pilgerstätte der DDR- Kulturszene.

Während sich also der Eine der politischen Aufarbeitung, der Aufklärung, und der Konfrontation verschrieben hatte und sich an der Schuldfrage der Vätergeneration abarbeitete, hatte der Andere „frei Haus“ gleich zwei künstlerisch und politisch engagierte Vaterfiguren. Ohne Umwege ging es so für Andreas Dresen über ein Volontariat bei den DEFA Studios zum Regiestudium nach Potsdam Babelsberg. Andres Veiel hingegen absolvierte zunächst ein Psychologiestudium in Berlin, ehe ein Regie-Seminar am Künstlerhaus Bethanien (u.a. bei Krzysztof Kieslowski) ihn von der Universität weg zum Theater und Film führen sollte. Ein psychologisch-therapeutisches Moment kennzeichnet jedoch bis heute viele seiner Arbeiten, man denke nur an „Der Kick“ (2006), „Die Spielwütigen“ (2004) oder an „Balagan“, Veiels zweiten Dokumentarfilm von 1993.

Überraschend einig waren sich die Regisseure über das Theater als die Kunstform, die grundsätzlich größere Freiheiten ermögliche als der Film. Eher spielerisch etwas zu erkunden, zu experimentieren, andere, neue Formen der Darstellung zu versuchen, all dies sei nur im Theater möglich. Demgegenüber stehen der enorme Erfolgsdruck und die brutale Verwertungsökonomie des Kinos. Eine grundsätzlichere Kritik an den Produktionsbedingungen oder an der Filmkultur hierzulande blieb jedoch aus, obwohl Andreas Dresen die aufreibende Produktions- Geschichte seines „Gundermann“ Films schilderte. Zehn Jahre hatte er nämlich für dieses Projekt kämpfen müssen. Der singende Baggerfahrer, den kein Mensch im Westteil der Republik kannte, fiel als Stoff sowohl bei den Redakteuren der Fernsehanstalten als auch bei den Fördergremien unhinterfragt durch.

Und da war sie wieder die gemeinsame Schnittmenge. Inhaltlich diesmal: Denn so wie Gundermann eine schillernde, ambivalente und schwer zu begreifende Persönlichkeit war, so auch Joseph Beuys, dem sich Andres Veiel in seinem letzten Film zu nähern versuchte. Die Beschäftigung mit Künstlern oder Persönlichkeiten, die Querdenker waren, die nicht erst genommen wurden, die gegen Widerstände lebten, das fasziniert beide Regisseure gleichermaßen. Film kann so zu einem Diagnose-Verfahren werden, welches uns über eine bestimmte Zeit, aber auch über uns selbst aufklärt. „Zeige deine Wunde“, Veiel zitierte gern und viel Beuys – ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Regisseur sich auch als „Heiler“ versteht, und dass Wohlfühlkino für ihn ein „No-Go“ bleibt. Andreas Dresen demgegenüber scheint das lockerer zu sehen, für ihn ist Film primär ein Erzählmedium und „darüber ergibt sich dann was …“

Ein seltenes Glück und sicher eine ganz große Ausnahme dürfte es sein, dass zwei gleichermaßen erfolgreiche Regisseure eine so lange und produktive Freundschaft verbindet. Denn auch das kam zur Sprache. Sie teilen nicht nur Erfolge, Zweifel und Ängste, sondern sie stehen sich auch in Krisenzeiten mit Rat und Hilfe bei. Diese Verbundenheit einen Abend lang mitzuerleben war schön.

Daniela Kloock

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Claudia Lenssen: Andres Veiel – Streitbare Zeitbilder

Schüren Verlag GmbH, Marburg

320 Seiten, 28 Euro

Bild ganz oben: Buchcover | Claudia Lenssen: Andres Veiel – Streitbare Zeitbilder | © Schüren

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