In den Sommermonaten hat der Monobloc seinen großen Auftritt. Beim Grillfest, in der Strandbar, auf dem Campingplatz oder Balkon, vor der Eisdiele oder Fritten Bude, überall begegnet man dem weißen Plastikstuhl. Er ist so wunderbar praktisch, leicht, wetterfest und stapelbar. Obwohl allgegenwärtig, denkt jedoch niemand groß über ihn nach. Dabei ist er, kaum zu glauben, das meistverkaufte Möbelstück der Welt.

Wie es zu dazu kommen konnte, und welche Fragen und Widersprüche sich hinter der Erfolgsgeschichte des Stuhls verbergen, das will der Hamburger Regisseur Hauke Wendler mit seinem Film zeigen. Um sich dem eine Milliarde Mal verkauften Objekt zu nähern, wählt er unterschiedliche Zugangsformen. Mal wird der Kunststoffstuhl aufwendig inszeniert wie für einen Werbespot. Da steht er dann einsam im künstlich hergestellten Regen oder mit vielen seinesgleichen am Strand von St. Peter-Ording. Besonders gelungen ist jedoch Wendlers Idee mit dem LKW-Container. Darin zwei Monoblocs auf denen Platz nehmen kann, wer etwas über den Stuhl zu sagen hat. Und das ist tendenziell nichts Gutes. Situierte HanseatInnen sind erzürnt, Plastik? Pfui Teufel! Bestenfalls wird der Stuhl belächelt, eher jedoch gehasst und verflucht. Und keinem der Befragten kommt es in

den Sinn, dass der Monobloc vor allem eins ist, nämlich preiswert.

Ganz traditionell dokumentarisch gefilmt sind die Interviews, die die Geschichte seiner Herstellungsweise erzählen. Wir lernen etwas über das Spritzgussverfahren und über Polypropylen. Beides war die Voraussetzung um aus nur einem einzigen Material, einer Form, und in nur einem einzigen Guss das Möbel herzustellen. Dieses sensationelle Verfahren, welches der Ingenieur Henry Massonnet in den 1970er Jahren erfand, gab dem Monobloc dann auch seinen Namen. Der Film zeigt eines der letzten Interviews mit Massonnet, oder begleitet wenig später MitarbeiterInnen des Vitra-Museums, die den Stuhl aus heutiger Sicht ästhetisch und sozial bewerten. Hier wird bereits deutlich, wie stark der Monobloc polarisiert. Ästhetisch jenseits eines „guten Geschmacks“, Plastikmüll eben, für die anderen aber geniale Erfindung und ein veritabler Stuhl für die Welt. Dass Letzteres alles andere als untertrieben ist, beweist der Film.

Der Zuschauer begleitet den Regisseur und sein Team auf einer bunten, großen Reise in sechs Länder auf fünf Kontinenten. Dabei verändert sich immer mehr die Perspektive. Je länger der Film dauert, desto mehr wird klar, wie unsere Werturteile auf einem verwöhnten, um nicht zu sagen arroganten Blick auf die Welt beruhen. So erfahren wir zum Beispiel etwas über die Umwandlung des Monoblocs zum Rollstuhl. In Uganda ermöglicht ein so angepaßter Stuhl gehandycapten Menschen, die sich niemals einen richtigen Rollstuhl leisten könnten, die Fortbewegung. In Indien begleitet die Kamera einen dortigen Plastikstuhl-Unternehmer, der aus dem eigentlich weißen Grundmuster ausbricht und Stühle in allen Farben und Mustern herstellt. Auch hier werden einzelne Geschichten erzählt, die alle in dieselbe Richtung führen. Ein Stuhl ist besser als auf der Erde zu sitzen. Vor allem wenn diese kalt ist, was in vielen Ländern der Erde durchaus der Fall ist. Und in Brasilien, um auch das Thema Recycling angesprochen zu haben, begleitet der Regisseur eine Frau, die ihren Lebensunterhalt damit bestreitet, dass sie kaputte Plastik-Stühle einsammelt und in einer Fabrik zur Weiterverarbeitung abgibt.

Immer wieder eingestreut sind die sympathischen Kommentare des Autors, in die auch die Schwierigkeiten der Produktion und der Finanzierung des Films einfließen. Auffallend ist auch die tolle Musik. Taco van Hettinga passt sich mit seinen Kompositionen an die jeweiligen Länder kongenial an.

So entläßt uns dieser Film am Ende nicht nur ein bisschen demütiger und nachdenklicher, sondern durchaus auch gut gelaunt. In München hatte Monobloc seine Weltpremiere online, ein baldiger Kinostart ist diesem klugen Film wirklich zu wünschen.

Daniela Kloock

 

Bild oben: Monobloc | DOK.fest München

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