BÜCHERBRIEF AN EDGAR | 

lieber edgar,

der sachverhalt ist ganz einfach: es gibt menschen, die sehen hin, und menschen, die tun das nicht. die einen kommen nicht umhin, wahrzunehmen, ganz gleich, was für einen preis das hat, die anderen sind dazu nicht fähig. oder nicht willens: sie haben sich für ein beschauliches leben entschieden. wahrheit kann wehtun, die muß man aushalten können. wer das nicht will, kann man dem immer einen vorwurf machen: es gibt grenzen für das, was ein mensch aushalten kann: und die liegen bei jedem woanders. unser problem (das nicht wirklich eins ist), deins, meins und das derer, die allem schmerz zum trotz genau hinsehen, ist: daß wir denen, die sich fürs verdrängen entschieden haben, für eine existenz ohne konfrontation mit den real existierenden katastrophen, daß wir denen nicht gut tun. sie haben einen hübsch gemusterten vorhang vor die wirklichkeit gezogen: wenn wir reden, wie wir reden, edgar, wars das mit ihrem sichtschutz. das macht uns zu ihrem feind. verständlicherweise. und sie verteidigen ihre behauptete heile welt nicht mit fundierten argumenten sondern mit zähnen und klauen und oft wüsten unterstellungen: wie leute es tun, die im innersten ihres herzens (so hieß das mal so schön) sehr wohl um das wissen, was sie zu verdrängen suchen. um ihre armen seelen zu schonen, bleibt eigentlich nur die möglichkeit, sie von ferne freundlich grüßend der pflege ihrer ligusterhecken zu überlassen. (oder, wie james cagney in einem film, keine ahnung in welchem, ich hab so viele mit ihm gesehen, zu seiner partnerin sagte: geh, lies deine comics).

um noch ein bißchen beim weltuntergang zu bleiben (ist natürlich keiner: nicht die welt geht unter: nur wir werden verschwinden: sehr zum wohl aller lebewesen, die unter uns gelitten haben): ein schlauer kopf hat mal bemerkt, der aufwandloseste weltuntergang sei der selbstmord. in dem 1973 geschriebenen roman von guido morselli entschließt sich der ich-erzähler genau dazu: und scheitert. statt dessen sind nach seinem selbstmordversuch sämtliche menschen vom erdboden verschwunden. ein krasser fall von solipsismus: das wort ist eh eins, mit dem morselli viel anfangen kann. er hat übrigens nach beendigung von ‚dissipatio humani generis‘ getan, was sein ich-erzähler nicht geschafft hat: er hat sich erschossen. am 1. juli 1977: schreibt michael krüger im nachwort. 1973: steht auf dem klappentext. 31. juli 1973, ist auf dewiki zu lesen. was auch immer davon stimmt: der zeitpunkt liegt in jedem fall so lange zurück, daß morselli inzwischen tatsächlich tot sein dürfte. nicht selten scheitern die wirklich guten schriftsteller an den menschen, die der erzähler, in krügers worten, „für einen bedauerlichen irrtum der natur“ hält. zerstörer allesamt. verunstaltung der erde, steht da, verschmutzung, verrohung. aber sie können ja nix dafür: es sind, wie es einmal heißt, die chromosomen und das milieu. und das böse, das mit moral nichts zu tun hat sondern mit dem leiden: weil dem individuum fehlt, „was es braucht, um zu sein“. in der menschenleeren welt häufen sich mit der stille alle möglichen überlegungen an, theorien, die einiges untersuchen: reduktionismus, die vorstellung eines überirdischen lebens (die erst ca 10 jahrhunderte nach moses „zu einem der grundingredienzien des reigiösen rezepts“ wurde), materialismus, realismus, idealismus, sinn und nutzen, das ewige als „permanenz des provisorischen“, die zeit. begriffe werden verhandelt, sie können sich, in ihrem extremsten zustand, in ihr gegenteil verkehren: heiner müller hat mal dergleichen veranstaltet, als er in etwa sagte, die treue sei vielleicht die wildeste aller ausschweifungen. ein ungemein anregendes buch: zum weiterdenken, zum widersprechen, zum auseinandersetzen mit diesem hellsichtigen schriftsteller.

weil ich wissen wollte, wie andere das handhaben mit dem schreiben, wie sie vorgehen, damit zurechtkommen, daraus funken schlagen, vergnügen, daran scheitern, weil ich neugierig war auf den täglichen umgang mit dem, was ihr leben ausmacht (oder eben nicht): hab ich das tage- und arbeitsbuch von terézia mora gelesen. ihr gesicht auf dem umschlag, innen: wie auf gemälden aus dem real existierenden sozialismus, die frau als arbeiterin, als bäurin. sie hat etwas marmorhaftes, selbst noch, wenn sie lächelt. und sie hat dieses kinn, entschlossenheit, willenskraft: es ist etwas sehr zweckmäßiges an ihrer art, sich mit dem schreiben zu beschäftigen: mehr als um die sache macht sie sich gedanken über die wirkung ihrer bücher, über ihre eigene stellung, ihren wert in der kunst, in der welt. weltliteratur, sagt sie, wie ironisch gemeint auch immer, über das was sie herstellt: was bringt einen dazu, die eigene arbeit in solchen kategorien wahrzunehmen. und warum schlägt man auf der einen seite sehr zu recht die einladung zu einem deutsch-ungarischen übersetzertreffen aus, da man sich nicht gemein machen will mit denen, die nach faschismus riechen. und auf der anderen seite: der verdienstorden der bundesrepublik deutschland: warum nimmt man sowas an. wenn man schon ein gespür fürs angebrachte hat. aber mora hat ja auch den büchner-preis nicht abgelehnt: obwohl er spätestens seit der vergabe an diesen von einem waffenhändler unterstützten, der piusbruderschaft nahestehenden schreiberling (den zudem die abschaffung des blasphemie-paragraphen schmerzt) durch den schmutz gezogen wurde: und dort sollte man ihn, um des eigenen anstands willen, liegenlassen. (hat leider auch clemens setz nicht getan: ihm hätte ich das am ehesten zugetraut). ach, scheiß auf meine ansprüche. vielleicht hängts auch mit was anderem zusammen: bei einer diskussion (jahrzehnte her und keine ahnung mehr worüber) hat mich ein tänzer aus der forsythe-truppe eine idealistin genannt, was mich fuchsig machte: ich hielt mich für extrem realistisch. allmählich versteh ich, was er damals meinte. für eine idealistin halte ich mich immer noch nicht.

was man mir, wiederholt, auch nachgesagt hat: flaneur (na ja, heute wohl mit modifizierter endung). bin ich genauso wenig (eher das gegenteil: „schnellstes frau von oberweg“, danke, heiner). aber muñoz molina ist so einer: durch straßen, durch städte, an häusern vorüber, an läden vorbei, hinter passanten her, manchmal weiß man, durch welche stadt er gerade spaziert, manchmal sind da nur bäume und erinnerungen an bosch. und im schlendern, im streunen: das sinnieren. über schlaflosigkeit in hotelzimmern. über das schreiben mit dem bleistift. über das schuhwerk berühmter flaneure. über den vorzug des unvollendeten gegenüber dem horror des abgeschlossenen. über kindheit und künstler und das sammeln von spielzeug. über horrorclowns und daß die angst vor ihnen coulrophobie heißt. über giftige metalle und die jahrtausendelange dauer ihrer zersetzung. über die fließbandarbeit von orgien. wieviele tage, monate, jahre sind in diese gut 500 seiten gegangen, eine oft mitreißende kakophonie, eine ausufernde collage aus anblicken, gefühlen, eindrücken, satzfetzen, reklame, sensationsmeldungen, was ihm ungefiltert unter die augen gekommen ist, in die ohren, in die nase, ja, auch gerüche, tabak, tierisches fett, urin: sinnesblitze, informationen, anrufungen, ratschläge, anweisungen, genieße, warte nicht, schnapp dir, gönne dir, verbinde dich, teste den zauber, stakkato, stakkato, rauchen tötet, notiert er einmal: ja. leben auch. und es gibt tage, an denen ist er den toten näher, geht wege, die andere vor ihm gegangen sind: de quincey, poe, baudelaire, oscar wilde, walter benjamin. benjamin besonders: molina, der ich sagt, sagt auch du: und meint ebenfalls sich, sagt er: und meint sich. sagt er: und meint benjamin, ist benjamin geworden, lebt seine stunden nach. die identitäten tanzen. das kuriose an diesem wuchtigen buch: der dem fetzenhaften, atemlosen widersprechende getragene tonfall: nicht vom wind, sondern von der absicht, feierlich und über den tag hinaus gültig zu sein. ein bißchen hehr. nicht durchgehend. stimmungen ändern sich. umstände auch. manchmal ist was dringliches in molinas stimme: als wüßte er um die endlichkeit dessen, was er sieht.

rdest du übrigens, als zeichner, als filmemacher versuchen, anderen das zeichnen, das filmemachen beizubringen? hast du sowas wie, mist, wie drück ich es nur, ohne meine haltung gleich mit auszudrücken, aus, also, verspürst du sowas wie pädagogische neigungen? fehlen mir völlig, ein mensch wie der cartoonist (und illustrator und kunstvermittler) peng hingegen nimmt sich ein geschlagenes buch lang zeit, selbst in zweiflern vertrauen in ihre zeichnerischen fähigkeiten zu wecken. und er geht überzeugend vor. paar treffend gesetzte striche: und ein zufälliger klecks ist keiner mehr: sondern eine rebellische katze, ein hochnäsiger pianist, eine prinzessin beim grübeln. hat aber einen pferdefuß: um all die in einem klecks steckenden möglichkeiten zu sehen, braucht es nicht so sehr technik: es braucht vielmehr phantasie. über die verfügt peng in hohem maß: bei den allermeisten zeitgenossen seh ich das nicht. um es mit einem der vielen großartigen titeln von lobo antunes (und gleichzeitig einem zitat von rené char) zu sagen: „mitternacht zu sein, ist nicht jedem gegeben“. besonders wenig davon haben die deutschen abgekriegt: die haben es eher mit regeln, gehorsam, und wo die brosche sitzt, ist vorn. der rest ist angst, das hat noch immer funktioniert. bevor wir aber wieder ganz bei dem leidigen thema sind, mach ich schluß. für jetzt. für heute.

viel erfolg für midas, edgar, fürs käferland sowieso (das mit dem barockgarten in neapel freut mich sehr)

sei du gegrüßt, ganz herzlich, und umarmt

ingrid

 

 

© 2022 ingrid mylo

Cover: © Verlag

 

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Guido Morselli: Dissipatio humani generis

Roman aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend

Suhrkamp 2021 | 189 S.  | € 20,-

 

Terèzia Mora: Fleckenverlauf

Ein Tage- und Arbeitsbuch

Luchterhand 2021 | 285 S. | € 22,-

 

 

 

Antonio Muñoz Molina: Gehen allein unter Menschen

Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen

Penguin 2021 | 535 S. | € 26,-

 

 

PENG: Ich kann nicht zeichnen

DuMont 2021 | 160 S. | € 20,-

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