Filmfestivals scheinen gefährliche Tiere als Werbeträger zu lieben. Berlin hat seinen Bären, Venedig den Löwen, Locarno favorisiert den Leoparden. Und jüngst ist dem Bestiarium in Saarbrücken der Tiger beigetreten. Zweifellos sollen diese Tiere für Faszination stehen: Sie sind wild und stark, aber auch unberechenbar. So wie die Festivals gern sein würden.

Der Bär jedoch hat in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung. Er passt nicht nur phonetisch perfekt zur Hauptstadt, er ist auch – nach dem Hund – des Deutschen Lieblingstier, so das Ergebnis eines Nürnberger Marktforschungsinstituts. Das hat vielleicht auch mit Margarete Steiff zu tun, aus deren prominenter Werkstatt vor über hundert Jahren der Teddy seinen Siegeszug antrat. Psychoanalytiker sehen in ihm ein klassisches Übergangsobjekt. Es diene der kindlichen Seele als Projektion von Erwartungen und Sehnsüchten. Derzeit funktioniert so etwas Ähnliches auch mit dem weniger plüschigen Pendant, der Berlinale-Trophäe.

Auch dieser Bär hat seine Geschichte als „kleines“ Kunstwerk einer großen Frau. Die Skulptur ist das Werk der Bildhauerin Renée Sintenis (1888-1965). Sintenis, von der zu Lebzeiten nicht nur Rainer Maria Rilke hingerissen war, hatte ein Faible für Kleinplastiken. Die Künstlerin schuf unter anderen zahllose Tiere aus Bronze und Ton. Rehe, Pferde, Esel, Ziegenböcke oder Bären waren ihre bevorzugten Sujets, künstlerische Antidots zum verbreiteten Prunk der wilhelminischen Staatskunst. In der Zeit der Weimarer Republik waren Renée Sintenis Werke gefragt. Sie war Mitglied der Berliner Secession und lehrte 1931 an der Akademie der Künste in Berlin. Während des Nationalsozialismus wurde sie jedoch diffamiert, als Halbjüdin aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen, ihr Werk als „entartet“ beschimpft. 1947 kehrte sie als Professorin an die Hochschule für Bildenden Künste in Berlin zurück und wurde bis zu ihrem Tod mit vielen Preisen geehrt. So erhielt sie als zweite Frau nach Käthe Kollwitz auch den „ordre pour le mérite“ für Wissenschaft und Künste.

Der Bär, der als Vorlage für den Berlinale Bär diente, wurde von ihr in den 30er-Jahren geschaffen. 1951 entstand daraus die Filmtrophäe, die drei Jahre später jene Variante erhielt, die wir bis heute kennen. Der 1.5 Kilogramm schwere Meister Petz wurde bereits über fünfhundert Mal in Bronze, Gold oder Silber gegossen und verliehen. In Berlin-Friedenau ist ein Platz nach der Künstlerin benannt, dort steht ihre Skulptur „großes grasendes Fohlen“. Und jeder, der bei Dreilinden auf der Autobahn stadteinwärts fährt, passiert den unübersehbaren Bären mit dem hübschen Po, der stolzen Kopfhaltung und der erhobenen linken Tatze. Doch was bedeutet die Geste eigentlich? Winkt er? Hebt er zum Beifall an? Sucht er Schutz? Will er uns gar warnen? Eins ist klar: dieser Bär ist sehr menschlich geraten – und darin unterscheidet er sich deutlich vom Getier anderer Festivals.

Daniela Kloock

Bild oben:

CC BY-SA 4.0

Filmpreis Goldener Bär | In diesem Fall für Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ von 2004. In der Sonderausstellung „Close-Up: Hamburger Film- und Kinogeschichten“ (8. Dezember 2021 bis 18. Juli 2022).

Autor: Selbst fotografiert von User: Bullenwächter

Quelle: Altonaer Museum für Kunst- und Kulturgeschichte

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